Debatte über Impfstopp

Markus Lanz (ZDF): Astrazeneca-Impfung – Kretschmann kneift

  • Jens Kiffmeier
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Ist der Stopp von Astrazeneca sinnvoll? Das will Markus Lanz von Winfried Kretschmann wissen. Der Ministerpräsident scheint seine Zweifel am Impfstoff zu haben.

Hamburg – Nach dem Aussetzen von Astrazeneca-Impfungen ist das Vertrauen in den Wirkstoff dahin. Das spürt man an diesem Abend bei Markus Lanz deutlich. „Würden sie sich damit impfen lassen?“, fragt der ZDF-Moderator sehr direkt Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne). Doch der neu gewählte Landesvater zögert. „Im Moment natürlich nicht, wenn man damit gar nicht impfen darf“, sagt er ausweichend.

Deutscher Moderator:Markus Lanz
Geboren:16. März 1969 in Bruneck (Südtirol, Italien)
Wohnort:Hamburg, Stadtteil Rotherbaum
Produktionsfirma:Mhoch2 TV (seit 2011)

Doch Lanz hakt nach: „Und wenn er wieder angewendet werden darf?“ Die Antwort kommt jetzt prompt. „Ja, na klar“, sagt der Grüne. Schließlich sei eine Covid-19-Erkrankung schlimmer als das momentane Risiko der bekannten Nebenwirkungen. Keinesfalls will Kretschmann starke Zweifel an dem Präparat streuen. Doch sein Auftritt wirkt ein wenig holprig. Ein absolutes Bekenntnis zu einem Wirkstoff sieht freilich anders aus.

Markus Lanz (ZDF): Stopp von Astrazeneca hat gravierende Folgen auf Inzidenzwerte

Die Szene zeigt, wie undurchsichtig die Lage derzeit ist. Am Montag hatte das Bundesgesundheitsministerium die Impfungen mit Astrazeneca ausgesetzt. Zuvor hatte es vermehrt Warnungen gegeben, dass das Präparat unter Umständen starke Thrombosen als Nebenwirkung auslösen kann. Die Europäische Arzneimittelbehörde prüft den Vorgang. Seit dem ist die Aufregung groß. Termine müssen umorganisiert werden, ein geplanter Impf-Gipfel von Bund und Länder wurde verschoben.

Suchte bei Markus Lanz nach Antworten im Astrazeneca-Skandal: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (grüne. (24hamburg.de-Montage)

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Lanz das Thema für seine Sendung an diesem Dienstagabend gesetzt hat. Eingeladen sind neben Kretschmann auch die ZDF-Journalistin Shakuntala Banerjee, Lungenarzt Cihan Celik und der Saarbrücker Professor Thorsten Lehr, der bereits vor wenigen Wochen die Zuschauer mit Modellberechnungen zur dritten Corona-Welle aufschreckte. Ach ja, CSU-Generalsekretär Markus Blume ist auch noch da. Doch der hat Glück. Das Corona-Thema verdrängt die Maskenaffäre der Union an diesem Abend.

Zu immens könnten die Auswirkungen für einen dauerhaften Astrazeneca-Impfstoff sein. Und zwar für das ganze Land. Das macht Wissenschaftler Lehr einmal mehr mit seinen Berechnungsmodellen deutlich. Zuletzt war der Anteil des Astrazeneca-Wirkstoffs auf 40 Prozent angestiegen. 50 Prozent liefert Biontech. Der Dritte im Bunde, Moderna, stellt die restlichen zehn Prozent. Damit ist für den Professor der Uni Saarbrücken klar: Ein Aus für Astrazeneca wirft die Impfkampagne weit zurück und damit auch die Bekämpfung der Corona-Pandemie.

Markus Lanz (ZDF): Langfristiges Aussetzen von Astrazeneca ein „Desaster“

Die gravierenden Folgen präsentiert Lehr in einer Simulation: Bei einem Tempo von zwei Millionen Impfdosen pro Woche könnte die Inzidenz seinen Angaben zufolge schon Ende Juli rapide auf unter 25 fallen. Aktuell hat Deutschland aber lediglich nur etwa eine Million Dosen pro Woche verimpft, inklusive Astrazeneca.

Bricht das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers dauerhaft weg, dann können sich die Deutschen auch weiterhin auf lange Lockdown-Beschränkungen, hohe Neuinfektionszahlen und eine erhöhte Todesrate einstellen. „Das wäre ein Desaster“, sagt der Wissenschaftler.

Doch noch ist die Lage unklar. Die genauen Zusammenhänge zwischen Wirkstoff und Nebenwirkungen werden derzeit noch untersucht. Doch selbst, wenn die Impfungen mit Astrazeneca wieder hochgefahren werden sollten: Das Vertrauen in das Vakzin ist nachhaltig zerstört. Darin sind sich alle Gäste bei Lanz einig.

Corona-Lockdown: Kretschmann sieht Lockerungen mit gemischten Gefühlen

Bereits vor dem Thrombose-Skandal war das Präparat bei den Deutschen in Missgunst gefallen. Zwar sehen Experten mehr Nutzen als Risiken in dem Produkt. Doch Berichte über Nebenwirkungen, die etwa Hamburgs Feuerwehrleute erwischten, und Studien zu einer geringeren Wirksamkeit ließen die Skepsis hierzulande wachsen.

Für die Corona-Bekämpfung sind das keine guten Nachrichten. Überall macht sich eine Pandemie-Müdigkeit breit. Die Menschen sehnen sich nach Lockerungen. Beim vergangenen Corona-Gipfel gewährten Bund und Länder ihnen diese auch in Form von ersten Öffnungen der Baumärkte oder des Einzelhandels. Doch seit dem schießen die Zahlen in die Höhe. Ein Absacken der Impfquote befeuern die Ausbreitung des Virus zusätzlich.

Für die politischen Entscheidungsträger keine einfache Situation. Bei Lanz gewährt Kretschmann, der erst am Wochenende zum Ministerpräsidenten wiedergewählt worden ist, einen kleinen Einblick in sein Seelenleben. Er habe bei den beschlossenen Lockerungen von Anfang an „ein mulmiges Gefühl“ gehabt, gestand er. Aber man „müsse die Menschen ja auch bei der Stange halten“. Der Druck jedenfalls sei enorm gewesen.

„Tanzen zehn Prozent der Menschen aus der Reihe, dann gehen die Zahlen sofort hoch“, sagt Kretschmann. Und dies ohne das zusätzliche Astrazeneca-Problem. Vielleicht kann man den Grünen auch irgendwie verstehen. Auch Politiker können nicht auf jede offene Frage sofort eine schlüssige Antwort haben. Dafür ist die Lage mittlerweile zu komplex. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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