Schulen offen, Gastro dicht

Markus Lanz (ZDF): Bürgermeister Tschentscher (SPD) muss sich erklären

  • Yannick Hanke
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Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher verteidigt die derzeitigen Corona-Maßnahmen öffentlich im Fernsehen. In der ZDF-Talkshow von Moderator Markus Lanz reden die Herren besonders über die neuen Coronavirus-Einschränkungen für die Gastronomie.

Hamburg-Altona – In der Markus Lanz-Ausgabe vom Donnerstag, 29. Oktober 2020, sind SPD-Politiker Peter Tschentscher, Journalist Robin Alexander, Gastronomin Kerstin Rapp-Schwan, Epidemiologe Klaus Stöhr sowie Strategieberater Julius van de Laar zu Gast im TV-Studio in Hamburg-Altona. In seiner Funktion als Hamburger* Bürgermeister steht Tschentscher im Kreuzfeuer der Kritik und erläutert die neuesten Coronavirus-Einschränkungen.

Bürgermeister von Hamburg:Peter Tschentscher
Geboren:20. Januar 1966 (Alter 54 Jahre), Bremen
Ehepartnerin:Eva-Maria Tschentscher (verh. 1998)
Partei:Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Amt:Bürgermeister von Hamburg seit 2018
Ausbildung:Universität Hamburg (1995)

Markus Lanz (ZDF): Peter Tschentscher (SPD) spricht über Coronavirus-Maßnahmen

Die erste Frage des Abends richtet ZDF-Moderator Markus Lanz an den Ersten Bürgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher. „16.774 Neu-Infektionen nur heute gemeldet. Frau Merkel spricht von einer dramatischen Lage, von einer nationalen Kraftanstrengung. Wie bewerten sie es?“, will der Talkmaster vom SPD-Politiker wissen. „Ich erinnere mich, dass in der Pressekonferenz von Frau Merkel vorgerechnet wurde, wenn das so weitergeht mit der Verdoppelung der Infektionszahlen, dann wären wir an Weihnachten bei über 19.000 Neu-Infektionen“, heißt es zunächst einmal von Tschentscher.

ZDF-Moderator Markus Lanz stellt SPD-Politiker Peter Tschentscher zur Rede. Der Erste Bürgermeister Hamburgs muss sich für die neuen Coronavirus-Verordnungen rechtfertigen. (24hamburg.de-Montage)

„Ich weiß noch, wie sie gesagt haben, das wäre doch nur Angstmacherei*. Die Antwort war damals nein, denn das ist die Verdoppelung, die sich nun in diesem exponentiellen Wachstum ausdrückt. Wir haben heute mehr als 16.000 Infektionen und es ist noch lange nicht Weihnachten. Jetzt sprechen wir von einer sehr, sehr starken Dynamik der Infektionsausbreitung. Und die zeigt, dass wir mit den bisherigen Maßnahmen nicht genug Kontaktrisiken unterbunden haben“, zeigt sich Peter Tschentscher selbstkritisch, schließ aber auch Bundeskanzlerin Angela Merkel* und die 16 Ministerpräsidenten mit ein, die entsprechende Coronavirus-Regeln formuliert hatten. Über die Missachtung dieser Regeln durch US-Präsident Donald Trump* wird bei Markus Lanz auch hitzig diskutiert.

Markus Lanz (ZDF): Hamburgs Bürgermeister Tschentscher (SPD) will „Schulen offen halten“

Deshalb sei es nun zu dem Entschluss gekommen, „die Dynamik richtig abzubremsen, damit wir wieder in eine Stabilität kommen“. Dafür erntet der Bürgermeister zustimmendes Nicken von Markus Lanz. Kurz darauf formuliert der Moderator seine nächste Frage. „Herr Tschentscher, ab wann war ihnen klar, dass es zum Lockdown kommt? Ich hatte den Eindruck, dass alle Ministerpräsidenten ziemlich angefasst gewirkt haben. Man hatte den Eindruck, da geht es um was“, merkt der ZDF-Talkmaster an und spielt nicht zuletzt auf den Auftritt vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in der Talkshow* an.

„Wir hätten diesen Rückschritt in die Beschränkungen gerne vermieden. Aber uns war ja klar, dass man jetzt handeln muss [...] Der Begriff Lockdown ist ja nicht definiert. Das, was wir jetzt machen, ist anders als im Frühjahr. Wir haben ganz bewusst gesagt, dass die beruflichen Tätigkeiten, dass die Wirtschaft nicht wieder abgewürgt werden dürfen. Zudem wollen wir unbedingt die Kitas und Schulen offen halten. Aber wenn man das verfolgt, muss jetzt alles andere zurückstehen“, verdeutlicht Peter Tschentscher. Nachvollziehbar, doch für Gastronomen wie Tim Mälzer* wohl unverständlich. Der TV-Koch zeigte sich bei Markus Lanz schon über die Coronavirus bedingte Sperrstunde nicht sonderlich erfreut*.

Markus Lanz (ZDF): Tschentscher (SPD) macht Gastronomen Hoffnung – „Umsatzausgleich“

Darauf kommt auch Markus Lanz indirekt zu sprechen. „Ausgerechnet die Leute, die Sicherheitskonzepte entwickelt haben, die sich wirklich angestrengt haben, die teilweise viel Geld für Hygiene-Maßnahmen investiert haben – die werden jetzt bestraft“, heißt es vom 51-Jährigen. Auf diese Aussage weiß Tschentscher gekonnt zu reagieren: „Dieses Mal gibt es einen sehr guten wirtschaftlichen Ausgleich für diese Zeit. Das ist vom Bundesfinanzminister [SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz*; Anmerkung des Verfassers] auch dargelegt worden. Es gibt einen Umsatzausgleich, 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats. Das soll eben nicht noch einmal einen sehr schweren Belastungsschritt darstellen“, spricht der SPD-Politiker über einen finanzielle Abfederung für Gastronomen. Übrigens: Virologe Hendrik Streeck hält den „Lockdown ligth“ für alternativlos*.

Doch ist sich der Bürgermeister der Hansestadt auch bewusst, dass „wir in Hamburg mehrere tausend Betriebe haben. Selbst wenn alles mit einem guten Hygienekonzept erfolgt, gibt es doch immer Kontakte. Zwei Haushalte dürfen ja nebeneinander sitzen. Und diese Kontakte, die zu Infektionen führen, müssen wir jetzt deutlich reduzieren. Damit wir diese Welle brechen“, führt der gebürtige Bremer* aus. Das kann Markus Lanz bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, bringt jedoch auch Einwände vor. „Aber verstehen sie, dass es da Kopfschütteln gibt? Teilweise Wut, teilweise Traurigkeit und Empörung?“. Damit spielt der ZDF-Moderator auf Zusagen der Bundesregierung an, die sich für die Gastronomen im Nachhinein wie leere Versprechen anfühlen. Übrigens: Markus Lanz zofft sich mit einem Trump-Fan*.

Markus Lanz (ZDF): SPD-Politiker Tschentscher sorgt sich ums Gesundheitssystem

„Es geht nicht anders. Auch in der Bundesliga sagen wir, es gibt jetzt keine Zuschauer mehr in den Stadien. Wir müssen in allen Bereichen, wo es nur irgendwie geht, die Kontakte begrenzen. Wenn wir es nicht tun – und das ist eine sehr, sehr weite Überzeugung – gibt es die Befürchtung, dass unser Gesundheitssystem nicht Stand hält. Und zwar, wenn viele stationäre Patienten und Intensiv-Patienten hinzukommen“, verdeutlicht Peter Tschentscher den Ernst der Lage. Wo das denn noch alles hingehen würde, will Markus Lanz daraufhin von seinem Gegenüber wissen. SPD-Gesundheitsökonom Karl Lauterbach ist gar der Überzeugung, dass private Coronavirus-Kontrollen durchgeführt werden müssen* – um den steigenden Infektionszahlen Paroli zu bieten.

Das ist, zumindest im Rahmen der ZDF-Talkshow, nicht die Baustelle von Peter Tschentscher. Der SPD-Politiker will lieber gezielt und konkret auf die Frage von Markus Lanz antworten. „Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Und es gibt doch so viele Ausflüchte, wo es heißt, dass es doch nur Infizierte sind und keine Kranken. Oder: wir testen doch so viel. Das stimmt aber nicht. Erst kommen die Infektionen, mit einer gewissen Verzögerung kommen dann die wirklich Kranken. Dann kommen die Behandlungsbedürftigen im Krankenhaus und dann erst die Intensiv-Patienten“, schildert Hamburg Bürgermeister die prekäre Situation, die das medizinische Fachpersonal vor eine Herkulesaufgabe stellt. Übrigens: Ex-Vizekanzler Müntefering verurteilt den Umgang mit Senioren*.

Markus Lanz (ZDF): Peter Tschentscher (SPD) spricht über „weitere Auflagen“ für Schulen

Die nächsten „zwei bis drei Wochen“ müsse mit solchen Zuständen gerechnet werden, heißt es von Peter Tschentscher. „Damit das aber nicht immer weitergeht, muss jetzt gehandelt werden. Jeder Zeitpunkt früher ist dann besser. Und die Perspektive soll ja sein, dass man Ende November, wenn die Zahlen sich so entwickeln, wie wir es uns erhoffen, wieder aus den Beschränkungen heraus kann“, formuliert der SPD-Politiker seine Hoffnung und spricht damit wohl zahlreichen Menschen aus der Seele. Doch Markus Lanz, ganz der investigative Journalist, will erneut nachhaken. „Schließen sie denn aus, dass in den nächsten zwei Wochen die Schulen zu gehen?“.

Die Antwort Peter Tschentschers: „Für diesen November würde ich es schon dringend erwarten. Ausschließen kann man in dieser Lage aber rein gar nichts. Wir haben uns alle darauf verständigt, dass Kitas und Schulen, vielleicht auch unter weiteren Auflagen, geöffnet bleiben sollen“. Ein strittiger Punkt sei dies aber nicht gewesen. Für bundesweite Diskussion sorgt hingegen die kollektive Schließung der gastronomischen Betriebe* ab Montag, 2. November 2020. Star-Koch Tim Mälzer fürchtet gar den Gastro-Tod*. Darüber hatte der Hamburger auch schon bei Markus Lanz gesprochen – und seinen Tränen freien Lauf gelassen*. * 24hamburg.de und nordbuzz.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © ZDF Mediathek/Markus Lanz (Screenshot) & ZDF Mediathek/Markus Lanz (Screenshot) & Kay Nietfeld/dpa

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