Uneinigkeit über Lockdown

Markus Lanz (ZDF): Lauterbachs Horror-Prognose erfüllt – 7000 Corona-Tote vor Weihnachten

  • Yannick Hanke
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ZDF-Moderator Markus Lanz nimmt Berlins Bürgermeister Michael Müller in die Mangel. Karl Lauterbach sagt schlimme Todes-Zahlen voraus – und behält recht.

  • Markus Lanz: ZDF-Moderator echauffiert sich über laschen Lockdown.
  • Karl Lauterbach (SPD) rechnet Corona-Tote durch.
  • Berlins Bürgermeister Michael Müller steht im Kreuzfeuer der Kritik.

Update vom 26. Dezember 2020: Hamburg – Es ist der zweite Weihnachtstag und die von Karl Lauterbach prognostizierten Todesfälle haben sich bewahrheitet. In der letzten Woche sind laut Zahlen des RKI 4291 Menschen in Deutschland am Coronavirus gestorben. In der laufenden Woche sind es bereits 3183. Damit liegen die Corona-Todesfälle zwischen der Markus Lanz TV-Sendung vom 10. Dezember und dem Ende des Weihnachtsfestes am 26. Dezember 2020 über 7000 Menschen. Insgesamt sind es 27.968 (Stand: 23. Dezember 2020), die wegen der Coronavirus-Pandemie in Deutschland das Weihnachtsfest 2020 nicht erlebt haben.

Markus Lanz (ZDF): Karl Lauterbach mit düsterer Prognose – 7000 Corona-Tote bis Weihnachten

Hamburg-Altona – In der Markus-Lanz-Ausgabe vom Donnerstag, 10. Dezember 2020, sind Berlins Bürgermeister Michael Müller, Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, Journalist Heiner Bremer, Medizinethikerin Alena Buyx sowie Ex-Manager Thomas Middelhoff zu Gast im Hamburger TV-Studio. Vor allem die SPD-Politiker Müller und Lauterbach stehen im Fokus, das Coronavirus und der Lockdown-Umgang mit der Pandemie werden intensiv diskutiert.

Mitglied des Deutschen Bundestages:Karl Lauterbach
Geboren:21. Februar 1963 (Alter 57 Jahre), Düren
Ehepartnerin:Angela Spelsberg (verh. 1996–2010)
Partei:Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Amt:Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2005
Ausbildung:RWTH Aachen University (1982–1989) u.v.m.

Markus Lanz (ZDF): Berlins Bürgermeister Michael Müller erwartet harten Lockdown

Einmal mehr ist die Coronavirus-Krise das bestimmende Thema in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz. Direkt zu Beginn der Sendung wird Moderator von einer Logikfrage umgetrieben: Warum werden beim Blick auf die besorgniserregenden Zahlen hinsichtlich Infizierten und Toten nicht bereits vor dem Weihnachtsfest verschärfte Maßnahmen beschlossen und umgesetzt? Hierzu soll sich zunächst einmal Michael Müller, Berlins Regierender Bürgermeister, äußern.

Karl Lauterbach (SPD) wartet mit einer düsteren Prognose auf. Der Mediziner prognostiziert 7.000 Corona-Tote bis Weihnachten. (24hamburg.de-Montage)

Der SPD-Mann geht davon aus, dass sich die Ministerpräsidenten mit dem Bund auf einen dreiwöchigen harten Lockdown einigen werden. Dieser soll mit einem „deutlich heruntergefahrenen Einzelhandel“ aufwarten. „Zwischen dem 20. Dezember und 10. Januar haben wir praktisch drei Wochen massive Einschränkungen, die auch mit Sicherheit auch dazu führen werden, dass die Inzidenzen runtergehen“, heißt es von Müller, der auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist.

Corona-Lockdown spaltet Hamburger Runde – Moderator Markus Lanz reißt Geduldsfaden

Im weiteren Gesprächsverlauf zwischen Markus Lanz und Michael Müller bittet Letzterer um das Verständnis der Bürger, dass es im politischen Abwägungsprozess mitunter einige Tage dauern kann, ehe ein Beschluss tatsächlich auch umgesetzt wird. Denn „wenn wir den Verkauf nicht mehr zulassen, müssen entsprechende Wirtschaftshilfen formuliert sein.“ Der SPD-Politiker verweist darauf, dass Einzelhändler derzeit ihren Hauptumsatz machen würden. Das treibt dem Talkmaster Zornesröte ins Gesicht, der sich direkt echauffiert.

„Wir können doch nicht ernsthaft so tun, als sei es in dieser Lage wahnsinnig wichtig, noch fünf Bratwürstchen und acht Glühweine zu verkaufen“, spielt Markus Lanz auf alternative Weihnachtsmarkt-Konzepte an, die in Hamburg mittlerweile unterbunden wurden*. Das muss Müller erstmal sacken lassen, Parteikollege Karl Lauterbach bekommt den imaginären Redeball zugeworfen. Für den Gesundheitsexperten der Sozialdemokraten gibt es nur zwei Optionen: Der Shutdown müsse entweder früher beginnen, oder aber über den 10. Januar hinaus verlängert werden.

Karl Lauterbach (SPD) konsequent – Geschäfte „bis auf das Notwendigste“ schließen

Sein Standpunkt macht Lauterbach unmissverständlich klar: „Ich fände das Vorziehen deutlich besser, weil dann weniger Menschen sterben.“ Für den 57-Jährigen wäre es nur logisch und konsequent, die Schulferien bundesweit vorzuziehen, Alkohol-Außenverkauf und Geschäfte „bis auf das Notwendigste“ zu schließen und die Zusammenkünfte an den Weihnachtsfeiertagen auf fünf Personen zu beschränken. Vorschläge, die in der Hamburger Runde zumindest auf keinen allzu großen Widerstand stoßen.

Mit diesem sieht sich aber die Politik im Allgemeinen konfrontiert. Journalist Heiner Bremer bedient sich an einer emotionalen Rede von Michael Müller, die der Bürgermeister vor dem Berliner Senat gehalten hatte. „Wie viele Tote rechtfertigen ein Shopping-Erlebnis?“, lautet die von Bremer zitierte Frage des SPD-Politikers. Der Journalist ist nämlich der Ansicht, dass ein sofortiger Lockdown von vielen Politikern als unpopulär und schlichtweg schädlich für den Handel wahrgenommen wird. „Es fehlt der Mut“, beklagt Bremer.

SPD-Mediziner Lauterbach mit düsterer Prognose – 7000 Corona-Tote bis Weihnachten

Als gänzlich frei von Ängsten zeigt sich hingegen Karl Lauterbach, zumindest in Bezug auf seine Kritik an den Pandemie-Regeln sowie häuslichen Kontrollen zur Einhaltung der Corona-Maßnahmen. Der 57-Jährige ist kein Freund von Euphemismen und kommt erst gar nicht in die Versuchung, die Gesamtsituation rund um das Coronavirus schönzureden. „Wenn ich freie Hand hätte, dann würde ich von der Illusion Abstand nehmen, dass zwieinhalb Wochen reichen, um die Zahlen wieder nach unten zu bringen“, merkt Lauterbach an.

Im Folgenden präsentiert der Gesundheitsökonom seine Rechenkünste. Denn Lauterbach habe versucht, grob auszurechnen, wie viele Menschenleben geschützt werden könnten, wenn der viel diskutierte, konsequentere Lockdown bereits jetzt und nicht erst nach Weihnachten beginnen würde. In diesem Zusammenhang spricht der Mediziner von 5000 bis 7000 Menschenleben, die gerettet werden könnten. Doch ist sich der SPD-Politiker auch bewusst, dass das Leben nicht im Konjunktiv stattfindet und er hinsichtlich dieses weitreichenden Beschlusses keine Entscheidungsgewalt besitzt.

Michael Müller in der Kritik: Berlins Bürgermeister soll „alle drei Wochen komplett wegsperren“

Über diese verfügt aber Michael Müller im Kontext der von ihm regierten deutschen Hauptstadt. Obwohl Berlin einen geringeren Inzidenzwert als andere Bundesländer aufweist, spricht sich der Bürgermeister für drastischere Maßnahmen aus. Wie bereits durchgeklungen ist, sollen diese jedoch erst ab dem 20. Dezember gelten. Dies bringt Markus Lanz erneut auf die Palme, der sich eine sofortige Reaktion Müllers wünscht. Maßnahmen hätte er bereits getroffen, beispielsweise seien alle kulturellen Einrichtungen Berlins geschlossen worden.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage vom ZDF-Moderator weiß Michael Müller jedoch nicht zu geben. Grund genug für Heiner Bremer, erneut das Wort zu ergreifen. Der Journalist zeigt sich äußerst emotional und merkt provokant an: „Wenn das so ist, wie Sie sagen, dann muss ich morgen anfangen, die Sachen zu schließen. Das ergibt sonst keinen Sinn. Das kann kein Bürger nachvollziehen.“ Das fast schon polemische Schlusswort Bremers: „Kontakte reduzieren, aber den Handel weitermachen lassen. Herr Müller, dann müssen wir uns einigen und alle drei Wochen komplett wegsperren.“ * 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa & Jens Büttner/dpa

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