Streit um neue Infektionswelle

Markus Lanz (ZDF): Streeck über Corona-Mutation – Brasilien, Großbritannien und Südafrika

  • Jens Kiffmeier
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Welche Corona-Mutationen ist die gefährlichste? In der ZDF-Talkshow von Markus Lanz debattiert gibt Virologe Hendrik Streeck klare Einschätzung.

  • Der Bonner Virologe Hendrik Streeck ist Gast bei „Markus Lanz“.
  • Talkrunde diskutiert über die Gefahren der neuen Coronavirus-Mutationen.
  • Laut Streeck fehlt der Wissenschaft noch eine grundlegende Datenbasis.

Hamburg – Deutschland steht möglicherweise vor einer neuen großen Infektionswelle durch neue Varianten des Coronavirus. In die hitzige Debatte hat sich nun der Bonner Virologe Hendrik Streeck eingeschaltet und die Politik vor einer Panikmache gewarnt.

Derzeit fehle der Wissenschaft noch ein genaue Datenlage, um verlässliche Antworten zur Ausbreitung und zur Gefährlichkeit der neu in Erscheinung getretenen Mutationen geben zu können, sagte der Mediziner in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“. Die Politik sei jedenfalls gut beraten, nicht vorschnell in Panik zu verfallen. „Denn Angst ist kein guter Ratgeber in einer Pandemie“, sagte Streeck und rief damit zu mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Virus auf.

Mediziner in Deutschland:Prof. Dr. Hendrik Streeck
Geboren:7. August 1977 (Alter 43 Jahre), Göttingen
Aktuelle Arbeit an der Universität Bonn:Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung
Studium:Freie Universität Berlin

Streeck war am Mittwochabend zusammen mit den beiden Journalisten Christoph Röckerath und Vanessa Vu sowie mit dem Europaparlamentarier Manfred Weber (CDU) und dem Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos) zu Gast in der ZDF-Talkrunde. Dabei kreiste die Frage vor allem um das Thema Corona und die in Brasilien, Großbritannien und Südafrika neu aufgetretenen Virusvarianten.

Corona in Deutschland: Politiker fürchten Viruavariante

In Deutschland wächst die Sorge, dass diese Varianten ansteckender und tödlicher sein könnten. Erst einen Tag zuvor war SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach von ZDF-Moderator Lanz zu dem Thema befragt worden. Dabei hatte er eindringlich vor einem drohenden neuen Horror-Szenario in Deutschland gewarnt.

Ähnlich sehen das viele Ministerpräsidenten der Bundesländer sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU), die in den vergangenen Wochen gerade mit Blick auf die Virusmutationen den Lockdown verschärft hatten. Bereits in der kommenden Woche müssen sie erneut entscheiden, ob die strengen Kontaktverbote und Maskenpflichten aufrechterhalten werden müssen.

Plädiert bei „Markus Lanz“ für Gelassenheit im Umgang mit dem Coronavirus: Virologe Hendrick Streeck (rechts). (24hamburg.de-Montage)

Zu Beginn der Sendung ließ Lanz aber erst einmal den Blick nach Brasilien schweifen. Von dort informierte zunächst der zugeschaltete ZDF-Brasilien-Korrespondent Röckerath über die dramatische Lage in Manaus, wo trotz vermuteter Herdenimmunität der Bevölkerung seit kurzem eine neue Virusvariante auftritt und sich extrem schnell ausbreitet. Wie das zu erklären sei, wollte Lanz von Streeck wissen.

Corona-Mutationen in Deutschland: von „gefährlich“ bis „extrem gefährlich“

Dessen knappe Antwort: „Man weiß es nicht.“ Vielleicht sei der Bericht über die Herdenimmunität ja falsch gewesen, weil zum Beispiel der Untersuchungszeitraum ungünstig gewählt war. Vor allem aber könne man seiner Meinung nach nicht sagen: „Es gibt die gefährliche britische Variante, die noch gefährlichere südafrikanische und die extrem gefährliche brasilianische Variante.“ 

Bei den Untersuchungen gebe es viele Faktoren, die berücksichtigt werden müssten und die Datenlage ungenau machten. Fest stehe nur eines: Grundsätzlich habe man es nicht mit einem komplett neuen Virus zu tun. Deshalb müsse man auch mehr und mehr lernen, mit dem Virus zu leben.

Kritik an Streeck: Politik handelt anders als die Wissenschaft

Damit streift der Bonner Virologe ein Grundprinzip der Wissenschaft: Sie formuliert keine Gewissheiten, sondern Annahmen, und prüft dann, ob diese sich widerlegen lassen. Solche Hypothesen zählt Streeck dann auch für das brasilianische Rätsel auf. Während die Wissenschaft aber so arbeiten kann, muss die Politik anders handeln. Sie muss auf Basis von Erkenntnissen konkrete Entscheidungen treffen.

Vor diesem Hintergrund stießen die Aussagen von Streeck dann auch bei den anderen Gästen auf ein geteiltes Echo. So pflichtete Oberbürgermeister Madsen, der in Rostock derzeit erst 16 Corona-Tote beklagen musste, dem Virologen noch bei, dass Angst für Politiker kein guter Begleiter sei.

Corona-Politik in Deutschland: was so alles schiefläuft

Doch der Journalistin Vu ging die These zu mehr Gelassenheit dann doch zu weit. Es sei ja nun mal erwiesen, dass das Coronavirus grundsätzlich gefährlich sei und deswegen dringend Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssten, sagte sie. Da stehe die Politik nun einmal anders in der Verantwortung als die Wissenschaftler.

Daraufhin argumentiert Streeck, eine Mutante lasse sich nur ganz am Anfang aufhalten, und das sei nicht geschehen, nun werde sie sich ausbreiten. Das Gute sei, dass gegen sie dieselben, bereits bekannten Maßnahmen helfen würden wie vorher auch. Damit war der Ball dann auch irgendwie zu Manfred Weber gespielt.

Corona in Deutschland: Merkel in Schutz genommen

Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament durfte dann zum Schluss der Sendung noch erklären, was bei den aktuellen Gegenmaßnahmen alles schiefläuft. Allen voran die schleppenden Fortschritte bei der Impfquote und die schlecht organisierte Beschaffung von ausreichendem Impfstoff durch die Europäische Union (EU) war dabei das Thema.

Zu großartiger Kritik ließ sich Weber aber nicht hinreißen. Stattdessen nahm er lieber seine Parteifreundin Merkel in Schutz. „Ihre Grundentscheidungen waren richtig“, stellte er klar und wies damit auch die Kritik der SPD am Krisenmanagement der Kanzlerin zurück. Mit dieser Aussage entließ Moderator Markus Lanz dann seine Zuschauer in die Nacht. *24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerkes.

Rubriklistenbild: © Markus Hertrich/dpa/picture alliance/ZDF & C. Hardt/Future Image/imago

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