Lyrics falsch interpretiert

Farid Bang und Kollegah „aggro“, weil „Spiegel“ ihre Songtexte analysiert

  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
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Deutschlands in die Jahre gekommenes Magazin „Spiegel“ hat eine Songtext-Analyse durchgeführt. Das Ergebnis wird in sozialen Medien hitzig diskutiert.

  • Deutschrap*-Analyse vom „Spiegel“ erzeugt Kontroversen.
  • Betroffene kritisieren auf Twitter das Vorgehen.
  • Gzuz* nimmt keine Spitzenposition ein.

Hamburg Deutschrapper wie Farid Bang, Kollegah oder die Mitglieder der 187 Strassenbande, allen voran Boss Bonez MC* und Kumpel Gzuz, polarisieren mit ihrer Musik. Nicht selten wird in scharfem Ton über die Inhalte debattiert, die Frauen verunglimpfen und das weibliche Geschlecht lediglich als Objekt der männlichen Begierde darstellen. Diese Praxis wurde im Rahmen einer Inhaltsanalyse vom Nachrichtenportalspiegel.de“ untersucht. Die Ergebnisse stoßen bei diversen Rap-Artists auf negative Resonanz.

Rapper:Farid Bang
Geboren:4. Juni 1986 (Alter 34 Jahre), Melilla, Spanien
Vollständiger Name:Farid Hamed El Abdellaoui
Filme:Fack ju Göthe, Fack ju Göthe 3, Fack ju Göthe 2
Plattenfirmen:Banger Musik, Alles oder Nix Records u.v.m.

Deutschrap-Analyse: „Spiegel“ offenbart, dass frauenfeindliche Texte nicht erst seit Bonez MC und Gzuz existieren

Der „Spiegel“ hat rund 30.000 Songtexte aus knapp vier Jahrzehnten Deutschrap-Geschichte hinsichtlich sexistischer Wortwahl untersucht. Als Quelle bezieht sich das Nachrichtenportal auf „Rap Genius Deutschland“, eine Online-Wissensdatenbank, die Songtexte transkribiert, auflistet und zum Teil auch interpretiert. Die analysierten Inhalte wurden auf mehr als 300 verschiedene sexistische Begriffe gefiltert, darunter „Bi***“, „Hu**“, „Schl****“, „Nu***“ und „Fo***“.

Deutschrapper und Muskelprotze: Farid Bang (links) und Kollegah können über Kritik hinsichtlich frauenfeindlicher Texte nur lachen. (Archivbild)

Im Rahmen der umfassenden Betrachtung, die ungefähr bis in Jahr 1980 zurückreicht, wird schnell ersichtlich, dass nicht erst eine vergleichsweise jüngere Generation den Stein hinsichtlich sexistischer Schlüsselwörter ins Rollen brachte. Laut „Spiegel“ lassen sich diese expliziten Begriffe „seit knapp zwanzig Jahren [...] in mindestens jedem zehnten veröffentlichten Rap-Song [...] finden“. Sprich, seit der Jahrtausendwende wird von Deutschrapper auf ein Vokabular zurückgegriffen, dass Jahre später beispielsweise auch von den 187 Strassenbande-Aushängeschildern Bonez MC und Gzuz verwendet werden sollte. 24hamburg.de berichtet auch über die Corona-Infektion von Dschungelkönigin (RTL) Melanie Müller.

Standen in den 1990er-Jahren vor allem Gruppen wie Die Fantastischen Vier oder Fettes Brot im Fokus der Öffentlichkeit, erfolgte ab 2000 ein stilistischer Paradigmenwechsel, der sich zunehmend am Vorbild des amerikanischen Battle-Raps orientierte. Prominente Vertreter dieses Subgenres waren zunächst einmal Westberlin Maskulin, ein aus Kool Savas und Taktloss bestehendes Rap-Duo aus der Hauptstadt. Ein Jahr später erfolgte die Gründung des mittlerweile geschlossenen Indepentdent-Labels „Aggro Berlin“, dass heutigen Größen wie Bushido, Fler oder Sido eine Plattform bot, um auf sich aufmerksam zu machen.

Deutschrapper OG Keemo soll in rund 2/3 der von ihm untersuchten Songtexte mit frauenfeindlichem Vokabular aufwarten. Dies ergab eine „Spiegel“-Analyse. (Screnshot)

Das Trio ist bis heute im Gespräch geblieben und „glänzt“ abseits der Musik zuhauf mit diversen Eskapaden, die sich in Streitigkeiten mit anderen Deutschrappern* oder Herausforderungen zum Faustkampf* äußern. Doch zurück zum Kern der Analyse, der musikalischen Komponente. Für das Jahr 2005 bilanziert der „Spiegel“ ein Hoch an sexistischem Vokabular, zum Ende der Schließung von Aggro Berlin im April 2009 flachte diese Entwicklung wieder ab. 2018 wurden erneut übermäßig viele, frauenfeindliche Begriffe verwendet, nur ein Jahr später kam es zum bis dato stärksten Rückgang.

Deutschrap-Analyse: Altersmilde bei Kool Savas und Sido, „weibliche Perspektive“ gewinnt an Relevanz

Dem Hamburger* Nachrichtenportal zufolge lasse sich dies mit einer grundlegenden Veränderung der Szene selbst erklären. In diesem Kontext wird auf die Deutschrapper Kool Savas und Sido verwiesen, die im Laufe ihrer Karriere „immer harmloser“ wurden. Ihre Musik sei heute „überwiegend jugendfrei“. Zudem habe „die weibliche Perspektive im vergangenen Jahr deutlich mehr Platz im Mainstream“ eingenommen. Als Beispiele werden Juju, der ein Flirt mit Fler* nachgesagt wurde, Skandal-Rapperin Shirin David*, die Stress mit der Berliner Polizei* nicht scheut, und Loredana genannt.

Wie von 24hamburg.de-DeutschRap berichtet, sah sich Letztere unlängst mit einem Twitter-Shitstorm par excellence konfrontiert, im Rahmen dessen über ihre Beteiligung an einem vermeintlichen Betrugsskandal* diskutiert wurde. Nicht von der Hand zu weisen ist hingegen, darauf wird explizit vom „Spiegel“ verwiesen, dass auch weibliche MCs sich mitunter eines sexistischen Vokabulars bedienen. Der Unterschied bestehe jedoch darin, „ob sie sich selbst beispielsweise als ‚Bi***´ bezeichnen oder ob ein Rapper eine Frau als ‚Bi***´ beschimpft“.

Doch heißt es auch, dass der Sexismus „schlichtweg subtiler geworden“ ist. Dem stimmt Deutschrap-Journalistin Salwa Houmsi zu, die von einem „sexistische[n] Frauenbild“ spricht, dass unterschwellig propagiert wird. Auch Deutschrapper Cro, der sich längst als einer der größten Popstars für die jüngere Generation in Deutschland etabliert hat, wird im Kontext der „Spiegel“-Analyse erwähnt. Im Song „Easy“ von 2011, der dem heute 30-Jährigen alle Türen im Musikgeschäft öffnete, heißt es: „Und wenn sie heiraten will und nach drei Tagen chillen schon dein ganzes Haus und deinen Leihwagen will – erschieß sie“.

Nach Ansicht von Salwa Houmsi komme solch ein Lied „ganz ohne Schlüsselwörter aus, aber ist nicht weniger schlimm“. Im Folgenden wird ausdrücklich skizziert, dass manche Rapper in der Statistik auftauchen, „obwohl sie sich in ihren Texten Stilmitteln wie Ironie bedienen oder in überzeichnete Rollen schlüpfen“. Als Beispiel wird an dieser Stelle die Rap-Gruppe K.I.Z. aus Berlin genannt, die noch und nöcher mit Übertreibungen und Ironie hantiert und sich mit dieser Art eine Stellung als „Feuilleton-Liebling“ erarbeiten konnte.

Deutschrap-Analyse: „Spiegel“ ordnet Texte nicht richtig ein - 187er Gzuz belegt keine Spitzenposition

Sexistische Textzeilen sind elementarer Bestandteil der Rapmusik von K.I.Z., dürfen jedoch nicht für bare Münze genommen werden. In diesem Fall muss zwischen einer quantitativen und einer qualitativen Inhaltsanalyse differenziert werden. Auf der einen Seite liegt eine repräsentative Stichprobe vor, auf der anderen Seite eine inhaltliche Auseinandersetzung und Einordnung. Daran stören sich zahlreiche Twitter-User, darunter auch Deutschrapper, die sich durch die „Spiegel“-Analyse falsch dargestellt fühlen. Übrigens: Deutschrapper Kollegah soll einen MMA-Kampf bestreiten*.

Hierzu zählt allen voran OG Keemo, der mitunter als „Deutschraps Hoffnungsträger“ bezeichnet wird. Der Mainzer würde laut „Spiegel“ in 65% seiner untersuchten Songs Sexismus zelebrieren (als Basis gelten in diesem Kontext mindestens 25 Songs, die analysiert wurden). Die sarkastische Reaktion des Sprechgesangskünstlers: „Ich möchte mich bei Gott bedanken und bei meinen Fans ohne euch wär das alles nich möglich gewesen“. Dem schiebt OG Keemo einen weitaus kürzeren Tweet hinterher, in dem es heißt: „Spaß beiseite spiegel kann mein schw*** lutschen fr“. Keemo wird auf dem Splash-Festival 2021 auftreten. Übrigens: Farid Bang hat einen Wahnsinns-Umsatz gemacht*.

Der Kritikpunkt liegt in einer Betrachtung, die nicht differenziert erfolgt ist und Textzeilen außerhalb des zwingend notwendigen Kontexts einordnet. Übrigens: 187 Strassenbande-Rapper Gzuz, der sich aktuell in einem laufenden Gerichtsverfahren befindet*, wird in den „Spiegel“-Grafiken nicht explizit erwähnt. Für Salwa Houmsi ist der 32-Jährige jedoch das Symbol eines Mannes, der auf Frauen schei***“. Und sich nun mit seiner langjährigen Freundin Lisa „Erdbeer“ verlobt hat*. * 24hamburg.de und nordbuzz.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa/picture alliance

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