Coronavirus erhitzt die Gemüter

Markus Lanz: „Beschämend für Deutschland!“ SPD-Politikerin kritisiert Gesundheitspolitik in ZDF-Talkshow

  • Yannick Hanke
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In der Runde vom Hamburger Fernsehmoderator Markus Lanz stellt sich die Frage, wie lange uns das Coronavirus-Sars-Cov-2 noch begleiten wird. Auch wird herbe Kritik an der Gesundheitspolitik geübt.

Hamburg/Altona - In der Sendung von Mittwoch, dem 13. Mai 2020, sind ZDF-Moderator Dirk Steffens, SPD-Politikerin Simone Lange, Amerikanistikprofessor Michael Butter und Psychiater Michael Schulte-Markwort zu Gast. Direkt zu Beginn konfrontiert ZDF-Fernsehmoderator Markus Lanz die bunte Runde mit Videoaufnahmen der jüngsten Demos gegen die Coronavirus-Sars-Cov-2-Maßnahmen. Diese sorgen für kollektives Kopfschütteln im Fernsehstudio in Altona.

Markus Lanz: Diskussion über Verschwörungstheoretiker

Es sei wie bei Pegida. Populistische Bewegungen schaffen würden es immer wieder schaffen, Verschwörungstheoretiker und Nicht-Verschwörungstheoretiker zusammenzubringen, erläutert Michael Butter. Jedoch gelte es zu differenzieren, da aktuell die Verschwörungstheoretiker dominierend seien. Das Coronavirus-Sars-Cov-2 sei da nur der letzte Baustein, quasi das neueste Kapitel in der Geschichte.

„Es fängt bei den Flacherdlern an. Es gibt jeden Irrsinn. Hier wird immer denselben Leuten die Schuld gegeben. Alles, was passiert, wird als zusätzlicher Beweis für den gelernten Algorithmus genutzt“, versucht Tier- und Naturfilmer Dirk Steffens die Reaktionen der Menschen auf psychologischer Ebene zu ergründen.

Coronavirus-Sars-Cov-2: Psychiater nicht geängstigt

Dann erfolgt auch der erste Redebeitrag von Michael Schulte-Markwort. Der Psychiater hätte zunächst gesagt, dass mit der Angst vor dem Virus Politik betrieben werde. Doch mittlerweile habe er seine Meinung geändert. „Wir haben uns alle jeden Tag weiterentwickelt. Ich war eine Zeit lang ungehalten, ich habe mich provozieren lassen“, zeigt sich der 63-Jährige selbstkritisch.

Für Psychiater Michael Schulte-Markwort ist das Coronavirus „nicht allzu dramatisch“.

Nichtsdestotrotz macht Schulte-Markwort klar, dass die große Angst vor dem Coronavirus-Sars-Cov-2 in Relation zu den tatsächlichen Folgen nicht verhältnismäßig wäre. Überhaupt sei die Krankheit nicht allzu dramatisch. „Ich will nicht klüger sein als Virologen, aber ganz am Ende sehe ich keine Zahl weltweit, die mich so ängstigen könnte“, äußert der Psychiater Skepsis.

Coronavirus-Sars-Cov-2: Menschen verlieren Vertrauen

Unabhängig davon wurde sich für einen bundesweiten Lockdown entschieden. Hierzu hat Simone Lange, Oberbürgermeisterin von Flensburg, eine klare Meinung. „Unsere Kommunen waren fremdgesteuert. Man muss dann solidarisch sein. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich gar keine Zeit eine Beurteilung wahrzunehmen", sagt die SPD-Politikerin.

„Man wuste über das Virus nichts. Weil ich nichts weiß, finde ich es legitim, dass die Bundesregierung sagt, die Gesundheit geht vor“, unterstützt Lange die bisher getroffenen politischen Entscheidungen. Jedoch hätten die Menschen teilweise an Vertrauen verloren. Grund hierfür sei laut der Politikerin die Wirtschaft.

Markus Lanz: Hamburger Fernsehmoderator sieht tiefes Misstrauen

Denn dort hätte es an einem konkreten Plan gefehlt. Dies möchte der Hamburger Lanz genauer wissen. Der Fernsehmoderator hakt nach und stellt die Frage, ob dieses tiefe Misstrauen ausschlaggebend dafür sei, was die Menschen auf der Straße treiben.

Nächster Auftritt von Butter. Der Professor von der Universität Tübingen weiß dies zu erläutern: „Eine Verschwörungstheorie wird es dann, wenn man annimmt, dass es jemanden im Hintergrund gibt, der alles geplant hat. Es ist etwas anderes zu sagen, dass es das Virus überhaupt nicht geben würde. Wenn man so argumentiert, ist man bei der Verschwörungstheorie. Verschwörungstheorien antworten auf Angst“, ordnet der Amerikanistikprofessor ein.

Somit würden Theorien dieser Art suggerieren, dass die Menschen verstanden hätten, wer die Zügel in der Hand hat. „Ich sehe auch die Gefahr, dass Angst in Wut und Protest umschlägt“, skizziert Butter ein düsteres Bild. Verschwörungstheorien seien ihm zufolge derart gefährlich, da sie rapide zur politischen Radikalisierung führen könnten.

Till Schweiger und Sido: Coronavirus-Zyniker par excellence

Auch die Verschwörungen gegen Bill Gates würden in diesem Zusammenhang stehen, da sich der Microsoft-Gründer seit Jahren mit seiner Stiftung für das Impfen einsetze. Diese Stiftung würde durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilfinanziert werden. Der konkrete Vorwurf an Gates: er wolle die Weltbevölkerung reduzieren.

Prompt folgt die Reaktion von Lanz, der auf einen seiner ehemaligen Gäste verweist. „Ich kann kaum glauben, was ich aus Attila Hildmanns Mund höre. Ist das ein Beispiel dafür?“, fragt der ZDF-Moderator. Koch Hildmann, ebenso wie TV-Star Til Schweiger und Deutschrapper Sido als Coronavirus-Sars-Cov-2-Zyniker aufgefallen, zähle Butter dazu.

Er sagt aber auch: „Ich vermute, Hunde, die bellen, beißen nicht. Ein Drittel der Menschen ist anfällig für Verschwörungstheorien. In Amerika glaubt jeder Zweite daran. Sie waren früher normal“, so Butter. Aber dies ist noch längst nicht alles.

Hamburger Runde: Wurde das Coronavirus im Labor entwickelt?

„Nach dem Zweiten Weltkrieg werden Verschwörungstheorien stigmatisiert und richten sich auf einmal gegen die Eliten. In der USA ist die Gesellschaft viel polarisierender als unsere“, verweist Butter auf die amerikanische Gesellschaft. Lanz wiederum führt eine Statistik aus, derzufolge 40 Prozent der Amerikaner fest davon überzeugt seien, dass das Virus in einem Labor entwickelt wurde.

Darüber hinaus will der Hamburger wissen, ob Verschwörungstheorien ein harmloses Ventil sein können. Nun äußert sich mal wieder Schulte-Markwort. Für ihn sei es klar gewesen, dass sich eine Gruppe über Außenfeinde reguliert. Und auch das Labor in Wuhan sei immer wieder Gegenstand von Verschwörungstheorien.

ZDF-Moderator Dirk Steffens: Pandemien als Regelfall

Dazu muss sich Dirk Steffens äußern. „Man kann in der Forschung feststellen, ob es ein gebautes Virus oder ein natürliches Virus ist. Die Wahrscheinlichkeit für ein gebautes ist total gering“, erklärt der Tierfilmer. Oder anders gesagt: Da, wo Menschen am Werk sind, passieren natürlich auch Fehler. Daraus eine Verschwörungstheorie zu bauen, sei nicht schwer.

Doch Steffens hat eine andere These: „Naturzerstörung produzieren Seuchen. Sie werden jetzt häufiger und sie treffen uns härter“. Als nächstes kommt Lange zu Wort, die Kritik an der Gesundheitspolitik übt. „Wir müssen aufpassen, dass wir das System nicht überfordern. Wir reden fast schon, als wären wir am Ende. Ich habe aber das Gefühl, wir stehen am Anfang“, gibt die Politikerin zu Bedenken.

Coronavirus: Markus Lanz genervt von Grippe-Vergleichen

In Zeiten des Coronavirus-Sars-Cov-2 gehe es vor allem darum, richtig zu kommunizieren, um die Menschen gut durch die Krise zu führen. Auch hierzu weiß Butter sich zu äußern: „Die Verschwörungstheoretiker wissen im Grunde immer, was von sich geht. Es gibt niemals was Neues zu wissen. Die wissen, dass das Virus nicht gefährlich ist“.

Dies steht jedoch im argen Widerspruch zu den Fakten. Zum Grippe-Vergleich, der oft bemüht wird, sagt Markus Lanz: „Gefährlich, was wäre, wenn wir nicht die Maßnahmen ergriffen hätten? Den Influenza-Vergleich finde ich nicht zulässig. Da haben wir einen Impfstoff und können was tun“.

SPD-Politikerin kritisiert Gesundheitspolitik

Abschließend zeigt sich die Oberbürgermeisterin Flensburgs mehr als besorgt. „Ich wünsche mir eine Debatte über Gesundheitspolitik. Wir haben es nie geschafft, die Alten zu schützen. Wir haben noch nicht mal Schutzkleidung für die Leute, die da arbeiten. Das war schon beschämend für Deutschland, dass wir kein Schutzmaterial hatten und dann in den Lockdown mussten“, übt Lange massive Kritik.

Rubriklistenbild: © ZDF Mediathek/Markus Lanz

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