„Ausbeuterische Verhältnisse“ in Fleischbetrieben

Corona-Talk: Lobbyismus-Vorwürfe an Röttgen – ZDF-Star Markus Lanz nimmt Politiker in die Mangel

  • Yannick Hanke
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Coronavirus-Sars-Cov-2-Talk bei Markus Lanz - und es geht um die Wurst. Debattiert wird unter anderem über die Missstände in der Fleischindustrie. Dabei im Fokus: CDU-Politiker Norbert Röttgen.

  • Markus Lanz: „Ausbeuterische Verhältnisse“ in Fleischbetrieben.
  • Hamburger TV-Moderator konfrontiert CDU-Politiker Röttgen.
  • Fleisch um jeden Preis? Lobbyismus-Vorwürfe in Altona.

Hamburg/Altona – In der Markus Lanz-Sendung von Mittwoch, dem 20. Mai 2020, sind CDU-Politiker Norbert Röttgen, die Journalistinnen Cerstin Gammelin und Merlind Theile, Systembiologe Michael Meyer-Herrmann sowie der Juister Bürgermeister Tjark Goerges zu Gast im Studio in Hamburg-Altona. Es folgt eine sehr aufgeladene Achternbahnfahrt der Emotionen.

Markus Lanz: Diskussion über „ausbeuterische Verhältnisse" in Fleischbetrieben

Direkt zu Beginn thematisiert ZDF-Moderator Markus Lanz die Missstände in der Fleischindustrie. Dies ermöglicht den ersten Redebeitrag von „Zeit“-Journalistin Merlind Theile, die von „ausbeuterischen Verhältnissen“ spricht. „Wie leben diese Leute?“, möchte der Hamburger wissen. Und wer die Arbeiter seien.

„Sie kommen hauptsächlich aus Rumänien und Bulgarien, manche auch aus Polen. Sie leben vielfach in Bruchbuden, beispielsweise neun Arbeiter in einer Drei-Zimmer-Wohnung", erklärt Theile. Abzüge würden in den verschiedensten Bereichen stattfinden, die Arbeiter seien Temperaturen von nur zwei bis drei Grad ausgesetzt.

Daraufhin muss sich der geschockt wirkende ZDF-Moderator erstmal wieder sammeln. Galant wird das Wort an CDU-Politiker Norbert Röttgen weitergegeben, der sich über die angesprochenen Missstände echauffiert. Er spricht von „Gleichgültigkeit“, möchte aber „kein moralisches Urteil fällen“. Das ruft auch Cerstin Gammelin auf den Plan, die von „besserer Fleischqualität“ in anderen Ländern spricht.

„Osteuropäische Wanderarbeiter": Hamburger ZDF-Moderator mit Verständnis

„So wird es aber auch bei uns kommen. Und weniger Ausbeutung“, sagt Röttgen. Es entsteht eine Diskussion über Dumpinglöhne, stets im Kontext von „osteuropäischen Wanderarbeitern“. Lanz verstehe, dass es Menschen brauche, „auf die wir schnell zurückgreifen können. Wahrscheinlich müsse es diese sogar geben, um flexibler arbeiten zu können“.

Person:Norbert Röttgen
Geburtsdatum/-ort:2. Juli 1965, Meckenheim (Nordrhein-Westfalen)
Amt:Mitglied des Deutschen Bundestages (seit 1994)
Partei:Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)
Vorheriges Amt:Bundesminister für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (2009-2012)
Familie:Ebba Herfs-Röttgen (Ehefrau), Wilhelm und Agnes Röttgen (Eltern)

Auch wird thematisiert, dass ein Arbeiter eines Fleischbetriebs aufgrund mangelnder Hygienevorschriften am Coronavirus-Sars-Cov-2 verstorben ist. Es müsse daran gearbeitet, die lückenhaften Regelungen, die „abscheulichen Bedingungen für Mensch und Tier zu ändern“, sagt Röttgen. Dementsprechend kann die Pandemie auch als Chance begriffen werden, um vieles zu überdenken.

Lanz und Röttgen: Debatte um Julia Klöckner

Natürlich gehe es auch um die Kontrolle, betont Theile. Ihr zufolge würden aktuell nur fünf Prozent der Betriebe entsprechend kontrolliert werden, „Kontrolldefizite“ lägen zuhauf vor. „Wir sind in der Verantwortung“, heißt es vonseiten des CDU-Politikers. Dies betreffe aber auch ihn selbst, gibt Markus Lanz zu Bedenken.

Ungläubiges Schauen von Röttgen, dann erfolgt die Zustimmung. Wogen geglättet, zumindest vorerst. Der Hamburger Moderator erwähnt auch dessen Parteikollegin Julia Klöckner, die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Röttgen nimmt sie in Schutz und appelliert an jeden einzelnen, seinen eigenen Fleischkonsum zu überdenken.

„Lobbyismus“ hier, „Dieselskandal“ da: Lanz konfrontiert Röttgen mit Tatsachen

Zudem fordert er die Gewerkschaften dazu auf, für „eine Sache zu kämpfen“, sich auch mal für Arbeiter aus Rumänien einzusetzen. Generell müsse sich viel ändern, die Politik sei akut gefordert. Jetzt nimmt Lanz Röttgen in die Mangel. Er konfrontiert den Politiker mit „Lobbyismus“, mit der Autoindustrie und dem Schlagwort „Dieselskandal“.

Im Kreuzfeuer der Kritik: CDU-Politiker Norbert Röttgen sieht sich durch ZDF-Moderator Markus Lanz mit Lobbyismus-Vorwürfen konfrontiert. (Screenshot)

Röttgen kommt ins Schwimmen und windet sich durch seine Argumentationen. „Ich bin nicht der Vertreter der deutschen Autoindustrie. Ja, Lobbyismus ist ein Thema und braucht Licht, Kontroversen. Nur das, worüber wir am Anfang gesprochen haben, ist hiermit nicht gleichzusetzen“, pocht der 54-Jährige vehement auf seinen Standpunkt.

Die Missstände in der Fleischindustrie seien „richtige menschenverachtende, tierwürdeverachtende Gewinnmaximierung“, nicht zu vergleichen mit der Situation in der Autoindustrie. Sehen anscheinend nicht alle so, denn Journalistin Theile wirft Röttgen einen mehr als skeptischen Blick zu. Damit ist diese Diskussion vorerst auch beendet.

Wirtschaft retten oder Menschenleben opfern?

Nun darf sich auch Systembiologe Michael Meyer-Herrmann einschalten. „Ich habe mir erstmal die Frage gestellt, ob es überhaupt einen Konflikt zwischen dem Interesse an Gesundheit und wirtschaftlichen Interessen gibt“, erzählt der Wissenschaftler von der Entstehung seiner Studie.

In dieser gehe es darum, die Auswirkungen verschiedener Lockerungen der Coronavirus-Sars-Cov-2-Maßnahmen auf die Wirtschaftsleistung und die Todesfälle in der Bevölkerung hin zu vergleichen. Meyer-Herrmann wirft die Frage in den Raum, ob weitreichende Lockerungen für die Wirtschaft moralisch zu vernantworten sind, wenn gleichzeitig mehr Todesfälle auftreten würden. Ein Thema, bei dem jüngst auch Virologin Melanie Brinkmann die Tränen kamen. Auch, weil sie einst eine falsche Prognose gestellt hatte.

Davon hätte am Ende natürlich keiner was, sagt der Wissenschaftler. „Zu harte Maßnahmen sind schlecht für die Wirtschaft und gut für die Todeszahlen. Das kann jeder nachvollziehen“, so Meyer-Hermann. „Auf der anderen Seite ist es aber so, dass nach unserem Modell zu starke Lockerungen schlecht für die Todeszahlen sind, aber ebenso für die Wirtschaft“, benennt der Modellierer das Dilemma.

Coronavirus-Talks bei Markus Lanz: Menschen, Bürgermeister, Emotionen

Auch zuletzt ging es hitzig in der Runde von Markus Lanz zu. Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher, sah sich massiver Kritik ausgesetzt, da er zu passiv agieren und nicht auf Rechtsradikale reagieren würde. Und auch die deutsche Gesundheitspolitik wurde bereits verbal auseinandergenommen und als „beschämend“ bezeichnet.

Quelle: 24hamburg.de

Rubriklistenbild: © ZDF Mediathek/Markus Lanz

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