Kommentar

Bonez MC dominiert Spotify-Charts – bloß Kommerz oder kreative Kunst?

  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
    schließen

Deutschrap ist erfolgreich wie nie, Künstler wie Bonez MC beherrschen die Charts. Sticht Kommerz die Kredibilität aus? Ein Kommentar über Image und Instagram.

  • Künstler wie Bonez MC nutzen Instagram zur Selbstvermarktung.
  • Deutschrap decodiert: Alles erlaubt, wenn der Rubel rollt.
  • Imagepflege 2020: Hauptsache, es ist wandelbar.

Hamburg – Die unlängst veröffentlichten Jahres-Charts von Streamingdienst Spotify werfen reichlich Fragen auf. Es sind die Deutschrapper Bonez MC, Capital Bra, Apache 207, Samra und Ufo361, die in der Bundesrepublik die Top 5 der am meisten gehörten Künstler 2020 darstellen. Setzt das Quintett auf dieselbe Erfolgsformel? Was sagen hohe Klickzahlen über die Qualität der Musik aus? Und ist die unaufhaltsam voranschreitende Kommerzialisierung im Deutschrap aus Sicht von Hip-Hop-Puristen überhaupt wünschenswert?

Rapper:Bonez MC
Geboren:23. Dezember 1985 (Alter 34 Jahre), Hamburg
Vollständiger Name:John Lorenz Moser
Musiklabels:Soulforce Records, Auf!Keinen!Fall! u.v.m.
Musikgruppe:187 Strassenbande (Seit 2006)

Deutschrap boomt: Künstler generieren hohe Werbeeinnahmen

Hip-Hop gilt gemeinhin als die größte Jugendkultur der Welt, die sich gleichermaßen am Zeitgeist zu orientieren weiß und zeitlos erscheinen möchte. In klassischen Definitionen wird zwischen vier Elementen unterschieden. Es gibt den Breakdance, das Writing (Graffiti), das DJing sowie den wohl populärsten Aspekt, das MCing, gleichzusetzen mit dem Begriff „Rap“. In den 1970er-Jahren in der New Yorker Bronx als Protest- und Widerstandsbewegung entstanden, hat die gesamte Kultur im Laufe der letzten vier Jahrzehnte einen massiven Wandel erlebt.

Deutschrapper Bonez MC ist bei Spotify überaus erfolgreich. Hängt dies mit seiner geschickten Selbstvermarktung auf Instagram zusammen? (24hamburg.de-Montage)

Da, wo Popularität unaufhaltsam ansteigt, sind auch Industrie-Vertreter nicht weit, die mit Banknoten in den Augen den nächsten großen Coup landen wollen. Künstler, die der Hip-Hop-Kultur zuzuordnen sind, wurden und werden immer wieder geschickt vermarktet. Angefangen mit Werbespots, in denen Rapper die Produkte diverser Sportartikelhersteller anpreisen, hat sich spätestens nach der Jahrtausendwende ein eigener Markt und damit ein Segment gebildet, in dem nicht zuletzt Deutschrapper Werbeeinnahmen noch und nöcher generieren.

Capital Bra bringt Pizza heraus, Shirin David hat eigenes Parfüm – Deutschrapper setzen nicht nur auf Musik

Wenn ein Capital Bra verkündet, seine eigene Tiefkühlpizza auf den Markt zu bringen oder Rapperinnen wie Shirin David* und Juju sich im Reich der wohligen Düfte versuchen, erscheint dies auf den ersten Blick mehr als absurd. Bleibt die Musik dadurch auf der Strecke? Hat der Kommerz die Kunst endgültig ausgestochen? Handelt es sich gar nur um Aprilscherze, die sich auf keinen Monat festlegen wollen?

Bereits ein zweiter Blick genügt um zu erkennen, dass Geschäftsfelder abseits der Musik letztendlich nur die logische Konsequenz einer Entwicklung darstellen, die sich an einer auf Kapitalismus und Konsum ausgerichteten Gesellschaft orientiert. Mit Sicherheit wird der ein oder andere Sprechgesangskünstler für seine Nebeneinkünfte belächelt. Kritik steht jedem frei, insofern nicht zum wiederholten Mal ein Künstler via Social Media gnadenlos niedergeschrieben wird. Rapper im 21. Jahrhundert können sich zweifelsfrei als eigene Marke verstehen, der Selbstvermarktung sind durch Instagram oder Twitter kaum Grenzen gesetzt.

Bonez MC polarisiert: 187-Boss nutzt Instagram zur Selbstvermarktung

Die klassischen Gatekeeper in Form von Musikzeitschriften und -portalen siechen dahin, durch Spotify kann sich jeder Deutschrap-Fan bereits am Veröffentlichungsdatum eines neuen Albums ein eigenes Bild von den neuesten Stücken seiner Heroen machen. Bonez MC dient in diesem Fall lediglich als Extrembeispiel eines Musikers, der sich vor allem auf Instagram geschickt zu inszenieren weiß und keinem Fettnäpfchen aus dem Weg geht.

Hauptsache Aufmerksamkeit, hauptsache im Gespräch bleiben. Mal posiert der Boss der 187 Strassenbande mit zwielichtig aussehenden Gestalten, umgeben von Waffen und vollgestopften Geldsäcken. Mal wartet der Deutschrapper mit Bildern auf, die ihn mit süßen Tieren zeigen. Zwar wird Bonez MC gemeinhin dem Subgenre des Gangster-Raps zugeordnet, doch will sich der 34-Jährige nicht auf Attribute oder gar Vorschriften beschränken, die vorgeben, wie sich ein waschechter Gangster zu präsentieren hat.

Hamburger Gangster-Rapper bleibt unberechenbar – Bonez MC spielt mit Erwartungen seiner Fans

Imagepflege schön und gut, doch ist es erst die Variabilität, die Bonez MC immer wieder geschickt einzusetzen weiß. Instagram ist sein Tor zur Welt, die Postings vom 187-Boss lassen oftmals kein klares Muster erkennen. Der oft bemühte rote Faden, das Verlangen nach Stringenz wird hier vergebens gesucht. Vielmehr will der Deutschrapper unberechenbar erscheinen und seine Follower zum x-ten Mal aufs vermeintlich Neue überraschen.

Selbiges gilt für die Musik des Hamburgers. Natürlich weiß der Bonez MC Themen zu bedienen, die erwartbar sind: Schnelle Autos, schöne Frauen, scharfe Waffen, Kriminalität in sozialschwachen Milieus. Doch präsentiert sich der Deutschrapper auch immer wieder als „Softie“, der keine Hemmungen hat, seine verletzliche Seite, seine Gefühlswelt, gar seinen Liebeskummer mit seinen Fans zu teilen. Gelegentlich greift der Deutschrapper auf Autotune, Adlibs und karibische Sounds zurück, die Bonez MC schon im Rahmen der „Palmen aus Plastik“-Zusammenarbeiten mit RAF Camora zur Perfektion einzusetzen wusste.

Deutschrap zwischen Kunst und Kommerz: Pöbeln als Erfolgsmodell?

Über die Qualität des Produkts, als welche Musik beim enormen Output von Deutschrappern mitunter bezeichnet werden kann, lässt sich natürlich bis ins Unermessliche streiten. Lässt es sich noch von Kunst sprechen, wenn, zugegebenermaßen überspitzt formuliert, „Haus“ auf „Maus“ gereimt wird? Bedarf es überhaupt ansatzweise einer Form von Kreativität, um plumpe Beleidigungen und Gewaltandrohungen in das musikalische Gewand einzubetten? Wohl die Gretchenfrage all derer, die Rap von Natur aus nur kopfschüttelnd statt -nickend begegnen.

Der Autor dieser Zeilen ertappt sich gelegentlich selbst dabei, wie er all dem lauscht, was es kritisch zu betrachten gilt. Ob als Hintergrundrauschen oder zu Recherchezwecken – es kommt vor, dass sich beispielsweise Bonez MC in der eigenen Playlist wiederfindet. Und dass, obwohl das eigene Interesse vielmehr für Deutschrapper besteht, die sich gesellschafts- und sozialkritisch zu äußern wissen: in ihrer Musik, aber auch darüber hinaus. Hierbei handelt es sich zumeist um Künstler, die eben nicht die vorderen Plätze in Jahresbestenlisten diverser Streamingdienste belegen. Oder kennen Sie Dexter, Enoq, OG Keemo oder Retrogott? * 24hamburg.de und nordbuzz.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa & Silas Stein/dpa & Richard Drew/AP/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare