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Übergriffe auf Frauen: Schwere Vorwürfe gegen Ultrá Sankt Pauli

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Von: Robin Dittrich

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Beim FC St. Pauli läuft sportlich alles rund. Doch jetzt werfen angebliche Übergriffe auf Frauen dunkle Schatten auf die Fanszene der Kiezkicker.

Hamburg – Beim FC St. Pauli sieht auf den ersten Blick alles gut aus. Zweiter Tabellenplatz. Am Mittwoch im Wiederholungsspiel gegen den SV Sandhausen die Chance auf Platz eins. Doch ein Statement weiblicher Fans der Kiezkicker sorgt jetzt für unangenehme Stimmung. Der Ultra-Szene des FC St. Pauli und insbesondere der Gruppe Ultrá Sankt Pauli (USP) wird vorgeworfen, sexuell übergriffig gegenüber Frauen und minderjährigen Mädchen geworden zu sein. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, steht ein Image-Schaden der Fankultur des Clubs bevor, der sonst Vorreiter gegen Diskriminierung und Rassismus ist.

Fußballverein:FC St. Pauli
Gründung:15. Mai 1910
Fußballstadion:Millerntor-Stadion
Farben:braun-weiß

Ultrá Sankt Pauli und die Fankultur des FC St. Pauli

Die Gruppe Ultrá Sankt Pauli gründete sich im Jahr 2002. Wie jede andere Ultra-Gruppe in Deutschland unterstützen sie ihren Verein bei den Spielen mit Fahnen, Choreos und Lautstärke. Laut eigener Aussage geht die Gruppe engagiert gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie sowie faschistische Aktivitäten vor. In der Südkurve des Millerntor-Stadions zu Hause, sollen die Ultras also eigentlich für einen sorglosen Stadionbesuch eintreten. Dass sie jetzt selbst für einen Eklat verantwortlich sind, der gegen ihre eigenen Grundsätze geht, könnte zu einem gravierenden Image-Schaden führen.

Auf der linken Seite zündet ein St. Pauli-Ultra Pyrotechnik. In einem weißen Kreis auf der rechten Seite ist ein „#metoo“-Schild zu sehen. Das Bild verdeutlicht die Anschuldigungen von sexuellen Übergriffe auf Frauen durch St. Pauli-Ultras.
Übergriffe auf Frauen: Harte Vorwürfe gegen St. Pauli-Ultras (24hamburg.de-Montage) © Imago

In einem von USP selbst veröffentlichten Statement gibt eine Gruppe weiblicher Fans an, seit Jahren aus Teilen der Ultra Szene sexuell belästigt worden zu sein. Doch damit nicht genug. Es soll sogar eine Vielzahl sexueller Übergriffe gegen minderjährige Mädchen gegeben haben. Die Frauen werfen USP vor, absichtlich weggeschaut zu haben, wenn es zu solchen Vorfällen kam. „Eure plötzliche Erkenntnis, dass eure Gruppe nicht immun gegen derartige Vorfälle ist, scheint uns geheuchelt in Anbetracht der Tatsache, dass sich solche Übergriffe seit jeher vor euren Augen abspielen, jedoch vielfach kleingeredet und ignoriert wurden.“

Übergriffe auf Frauen in der Ultra-Szene des FC St. Pauli anscheinend Gang und Gebe

Es sind keine Kavaliersdelikte, die angesprochen werden. Es geht um strafbare Handlungen im großen Ausmaß. Im Zuge des Statements geben die Frauen an, schon als Jugendliche zu sexuellen Handlungen eingeladen worden zu sein. Von erwachsenen Männern. Angesprochen auf Vorfälle der Übergriffe hörten die Frauen oft nur ein „er ist halt so“ aus der Gruppe. Es ist eine lange Liste an Vorwürfen. Die Verfasser des Statements geben an, dass sich solche Vorfälle durch die gesamte Fanszene des FC St. Pauli zieht. Die spezifisch genannten Straftaten bezögen sich jedoch einzig und allein auf Ultrá Sankt Pauli.

Können wir rummachen?

Laut Statement eine Frage erwachsener Männer von Ultrá Sankt Pauli an minderjährige Frauen der Gruppe

Die Täter sollen nach wie vor Teil von USP sein. „Wir fordern euch auf, die Verantwortlichen konsequent aus euren Reihen zu nehmen.“ USP soll laut des Statements also wissen, um wen es sich handelt. Es ist deshalb in der Tat fraglich, wie ernst gemeint die eigene Veröffentlichung des Statements und die Aufarbeitung der Anschuldigungen vonseiten der USP ist. Wenn die Verantwortlichen Kenntnis von solchen Aktivitäten innerhalb der Gruppe hatten, kommt eine solche Reaktion zu spät. Laut Statement spielen sich diese Vorgänge schon seit 2013 ab. Zumindest haben die Frauen seit ihrem Eintritt in diesem Jahr aktiv davon mitbekommen.

Es gilt die Unschuldsvermutung, die Veröffentlichung des Statements von USP wirkt wie ein Eingeständnis

Die Anschuldigungen gegen Ultrá Sankt Pauli sind widerwärtig – mit einem anderen Wort lässt sich die Situation nicht beschreiben. USP selbst schreibt dazu: „Die Anschuldigungen nehmen wir sehr ernst. Uns war und ist es ein zentrales Anliegen, eine Umgebung zu schaffen, in der sich alle FLINTA wohl und sicher fühlen können. Das konnten wir augenscheinlich nicht immer für alle gewährleisten. Wir werden uns als Gruppe diesen Anschuldigungen annehmen, sie aufarbeiten und daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen.“ FLINTA steht für Frauen, Lesben, Inter Menschen, Nichtbinäre Menschen, trans Menschen und agender Menschen.

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Ob gespieltes Vorgeben der Unwissenheit oder ehrlich gemeinte Bestürzung – in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung. Jemand gilt demnach so lange als unschuldig, bis seine Schuld nachgewiesen wird. Schenkt man dem Statement der betroffenen Frauen glauben, wussten die Verantwortlichen von Ultrá Sankt Pauli von allen Taten. Die Frauen machen weiteren Betroffenen Mut, nach vorne zu treten und von ihren Erfahrungen zu berichten. Es könnte zu einer ganzen Welle an weiteren Anschuldigungen kommen.

Eine Mail von USP an seine Mitglieder bestätigt Übergriffe auf einer Partie des Vereins

In einer Mail von Ultrá Sankt Pauli an seine Mitglieder berichtet die Gruppierung, dass es auf einer Party der Kiezkicker zu Übergriffen gekommen ist. „Weibliche Personen wurden dabei mehrfach gegen ihren Willen angefasst, von hinten umarmt und/oder festgehalten.“ Selbst ein klares Nein oder ein Wegschlagen der Hände hätten die Übergriffe nicht beendet. Die Beschuldigten sind anscheinend Mitglieder von Ultrá Sankt Pauli. „Es ist verdammt scheiße zu wissen, dass sich die Täter in den eigenen Reihen befinden.“ USP bietet Betroffenen Hilfe an.

Eine wichtige Bedingung im Statement der Frauen bezüglich USP: Sollte Ultrá Sankt Pauli keine eigenen Schritte gegen die Täter einleiten, wollen sich die Frauen selbst darum kümmern. Sie erwarten, dass die Täter aus der Gruppe ausgeschlossen werden und sich wieder aktiv gegen Sexismus und Gewalt eingesetzt wird. Sollte USP dem nicht nachkommen, sollen sie „zur Seite gehen, damit wir selber Konsequenzen ziehen können.“ *24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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