Beim Kiezverein entlassen

FC St. Pauli-Legende André „Truller“ Trulsen vergleicht sich mit FC Bayern-Trainer Hansi Flick

  • Yannick Hanke
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Paukenschlag beim FC Sankt Pauli. Kaum ist Neu-Trainer Timo Schultz im Amt, sorgt der 42-Jährige schon für die erste große Überraschung. Der Vertrag vom Urgestein des Kiezvereins, André „Truller“ Trulsen, wird nicht verlängert. Dieser will im Fußball aktiv bleiben und verweist auf Bayern-Coach Hansi Flick.

  • FC Sankt Pauli*: Vereinslegende André Trulsen wird vom Hof gejagt.
  • Neu-Coach Timo Schultz trennt sich von langjährigem Co-Trainer.
  • Truller“ verweist auf Bayern München-Coach Hansi Flick als „Vorbild“.

Update vom Mittwoch, 22. Juli 2020, 13:50 Uhr: Hamburg/Sankt PauliAndré „Truller“ Trulsen weiß seit Mitte Juli 2020, dass er keine Zukunft mehr beim FC St. Pauli hat. Der langjährige Co-Trainer des Kiezvereins spielt in den Planungen von Neo-Coach Timo „Schulle“ Schultz keine Rolle und erfuhr von seiner Entlassung im Österreich-Urlaub. Aus diesem ist der 55-Jährige am Montag, 20. Juli zurückgekehrt - und wurde direkt von der „Mopo“ zum Interview gebeten. In diesem wird indirekt ein Vergleich zu Hansi Flick, Erfolgscoach von Rekordmeister Bayern München*, gezogen.

Fußballspieler:André Trulsen
Geboren:28. Mai 1965 (Alter 55 Jahre), Hamburg
Größe:1,91 m
Beitrittsdaten:1986 (FC St. Pauli), 1994 (FC St. Pauli), 1991 (1. FC Köln), 2002 (Holstein Kiel), 1993 (SV Lurup), 2004 (FC St. Pauli)
Position:Mittelfeld, Abwehrspieler

FC St. Pauli: Entlassener Co-Trainer André „Truller“ Trulsen sieht seine Zukunft im Fußball und nennt Bayern München-Coach Hansi Flick als Paradebeispiel

„Ich konnte in meinen Ferien immerhin zwischendurch mal ein bisschen abschalten, aber natürlich geht es einem nicht aus dem Kopf, was passiert ist. Je näher ich Hamburg komme, desto bewusster wird es mir, dass es immer noch sehr weh tut“, heißt es von Trulsen. Er sei „traurig“, dass sich bis dato noch kein FC St. Pauli-Verantwortlicher bei ihm gemeldet habe. Weder per Anruf noch via WhatsApp-Nachricht.

Seine persönliche Zukunft sieht „Truller“ weiterhin im Fußball. „Eigentlich würde ich gern in diesem Job weitermachen, er bringt mir riesig Spaß. Aber natürlich muss ich mich auch nach Alternativen umsehen – vielleicht im Bereich Scouting, Beratung oder Nachwuchs“, sagt der erfahrene Co-Trainer. Der 55-Jährige zeigt sich zuversichtlich und ist der Ansicht, dass es im Profi-Fußball weiterhin Zuarbeiter brauche, die nicht als die klassischen Lautsprecher gelten.

„Ich will mich nicht direkt mit Hansi Flick vergleichen. Aber der hat beim DFB unter Jogi Löw gezeigt, dass man auch durch die Arbeit im Hintergrund mithelfen kann, einen Spieler oder eine Mannschaft zu Höchstleistungen zu bringen“, verweist Trulsen auf ein prominentes Beispiel, das unlängst bewiesen hat, wie souverän eine Meisterschaft eingefahren werden kann.

FC Sankt Pauli: Vereinslegende André „Truller“ Trulsen wird vor die Tür gesetzt - Doppelter Aufstiegs-Co-Trainer erhält keinen neuen Vertrag beim Kiezverein

Erstmeldung vom Dienstag, 14. Juli 2020, 11:01 Uhr Timo „Schulle“ Schultz ist erst seit Sonntag, 12. Juli 2020 als neuer Trainer des FC Sankt Pauli in Amt und Würden* - und sorgt schon für die erste Personal-Überraschung. Denn wie nun bekannt gegeben wurde, wird der Vertrag von Vereinslegende André „Truller“ Trulsen nicht verlängert. Das Urgestein des Kiezvereins war mit Unterbrechungen seit 1986 in verschiedenen Funktionen bei den Braun-Weißen aktiv. Seine Freistellung wurde dem 55-Jährigen per Handy mitgeteilt - im Österreich-Urlaub.

Ob in der Kreisliga oder in der 1. Fußball-Bundesliga - nahezu jeder Verein hat diese Spieler, die ohne Widerrede mit dem Wappen des Klubs assoziiert werden. Emsige Kicker, die jahrelang die Knochen hingehalten haben, für ihr fintenreiches Spiel bekannt gewesen sind oder als Goalgetter enge Partien für die eigenen Vereinsfarben entschieden haben. Von ihnen lebt der Fußball, nicht zuletzt in einer Zeit, in der die unaufhaltsam voranschreitende Kommerzialisierung den Spaß an die schönste Nebensache der Welt zu zerstören droht.

André „Truller“ Trulsen ist eine Legende des FC St. Pauli – jetzt muss er wieder das Millerntor Stadion verlassen. (24hamburg.de-Montage)

Einer dieser Spieler war André Trulsen, Spitzname „Truller“. Der heute 55-Jährige ist insgesamt 383-mal für den FC Sankt Pauli aufgelaufen und hat als Verteidiger 28 Tore erzielt. Doch damit nicht genug: nach seiner aktiven Zeit hat der gebürtige Hamburger* immer wieder für die Braun-Weißen gearbeitet und war als Co-Trainer von Holger Stanislawski maßgeblich an den Aufstiegen in die 2. Bundesliga und in die Beletage des Deutschen Fußballs beteiligt. In der Saison 2007/2008 war „Truller“ sogar Cheftrainer des Vereins von der Reeperbahn*, da „Stani“ erst noch die erforderliche Trainerlizenz erwerben musste.

War ein knallharter FC Sankt Pauli-Verteidiger: André „Truller“ Trulsen (rechts) im Zweikampf mit Bruno Labbadia von Werder Bremen. (Archivbild)

„Stani“ und „Truller“, das passte lückenlos und war gleichbedeutend mit der erfolgreichsten Zeit der jüngeren Vereinsgeschichte. Nach dem Abstieg aus der ersten Fußball-Bundesliga heuerte Trulsen, jeweils als Co-Trainer, in Hoffenheim, Köln, Stuttgart und Lotte an. Bei den beiden erstgenannten Stationen assistierte der 1,91 Meter große Hüne erneut „seinem“ Stanislawski. Im Juni 2018 erfolgte die Rückkehr Trulsens zum FC Sankt Pauli, der fortan mal wieder als „Zulieferer“ des Cheftrainers fungierte.

Dieser hieß bis vor kurzem noch Jos Luhukay, der nach einem beispiellosen Absturz von den Verantwortlichen am Millerntor entlassen wurde*. Die Gegenwart hört auf den Namen Timo „Schulle“ Schultz, der ähnlich wie Stanislawski und Trulsen Kultstatus beim FC Sankt Pauli genießt. Vor überraschenden, vielleicht auch unpopulären Entscheidungen scheint der 42-Jährige definitiv nicht zurückzuschrecken. Denn der zum 30. Juni auslaufende Vertrag von „Truller“ wurde nicht verlängert, der Kiezverein und sein langjähriger Co-Trainer gehen somit fortan getrennte Wege.

Raus mit Applaus? Der langjährige Co-Trainer des FC Sankt Pauli, André „Truller“ Trulsen, erfuhr im Österreich-Urlaub von seiner Freistellung. (Archivbild)

FC Sankt Pauli: „Truller“ erfährt im Österreich-Urlaub von seiner Freistellung – Neu-Coach Timo Schultz schwört auf die „Wahrheit“

Trulsen, der mit den Braun-Weißen als Spieler und Co-Trainer insgesamt viermal in das Fußball-Oberhaus aufgestiegen ist, wurde von dieser Nachricht in seinem Österreich-Urlaub unterrichtet. Per Telefon informierte ihn Neu-Coach Timo Schultz über die Trennung. „Ich danke allen fürs Daumendrücken, aber leider hat sich der Trainer/Verein für zwei neue Co-Trainer entschieden“, ließt „Truller“ daraufhin wissen und vergoß kein böses Blut.

Nichtsdestotrotz kam die Entscheidung für Trulsen einem „Stich ins Herz“ gleich, wie der 55-Jährige der „Mopo“ verriet. „Das muss ich erstmal sacken lassen“, verriet er darüber hinaus. Die FC Sankt Pauli-Legende habe gespürt, „dass ihm das nicht leicht gefallen ist“ und kam damit auf Timo Schultz zu sprechen, für den der Anruf „der schwerste meines Lebens“ gewesen sei. Dies ist zumindest dem Umfeld des 42-Jährigen zu entnehmen.

Hat im Urlaub in Österreich von seinem Vertragsende erfahren: FC St. Pauli-Fan-Liebling Truller aka André Trulsen.

Einer der beiden neuen Co-Trainer ist der 27-jährige Loic Favé, zuvor U19-Coach beim Eimsbütteler TV. Darüber hinaus bleibt Matthias Hain Torwarttrainer des FC Sankt Pauli. Über diese Personalie wurde bis zuletzt, zumindest medial, noch eifrig diskutiert. Wortgewandt zeigte sich der neue Trainer bei seiner Vorstellung auf der Pressekonferenz am Montag, 13. Juli 2020. „Ich kann zugeben, dass ich heute Nacht unruhig geschlafen habe, weil ich mich einfach wahnsinnig auf die Aufgabe freue. Das ist für mich noch ein Schritt nach vorne. In der U19 hat man vielleicht noch etwas mehr Ruhe und kann Schalten und Walten, wie man es möchte. Und jetzt glaube ich, dass wir ein gutes Team haben. Wir haben einiges vor“, kündigte der 42-Jährige forsch an.

Er sei seit fünfzehn Jahren im Verein, seit acht Jahren Trainer und habe sich, wenn möglich, sowohl die Heimspiele am Millerntor als auch die Auswärtsspiele angeschaut. „Ich würde daher behaupten, dass ich die Mannschaft sehr gut kenne. Das ist ein Vorteil, um mich schnell einzuarbeiten“, hielt Schultz fest. Angesprochen auf seinen Führungsstil, gab der einstige Mittelfeld-Motor Worte zum Besten, die zum offenen Umgang mit der Demission von Trulsen passen. „Offen und transparent. Ich bin der Meinung, dass dir am langen Ende immer nur die Wahrheit hilft“.

FC Sankt Pauli: Trulsen senior verlässt Hamburger Zweitligisten, Trulsen junior mit persönlichem Aufstieg

Ehrlich zeigte sich Schultz auch hinsichtlich seiner Spielphilosophie. „Grundsätzlich will jeder attraktiven und offensiven Fußball sehen – das wäre auch meine Wunschvorstellung. Mir ist es aber wichtig eine Mannschaft zu sehen, bei der ich als Trainer sehe, dass sie lebt und füreinander da ist. Dass sie auch einen guten Plan hat, den wir uns der Vorbereitung erarbeiten und der dann umgesetzt wird. Das ist mein Ziel. Das kann ich als Trainer aktiv beeinflussen“, gab der neue Übungsleiter des FC Sankt Pauli zum Besten.

Worte, an denen er sich messen lassen muss, die im Umfeld der Braun-Weißen aber auch die Hoffnung auf bessere Zeiten schüren. Denn mehr als Platz 14 in der Endabrechnung der Saison 2019/2020 sollte definitiv möglich sein. Auch ohne den Einfluss und die Erfahrung eines „Truller“. Gänzlich ohne eine Trulsen auskommen muss der Kiezverein aber zukünftig nicht. Denn wie seit Sonntag, 12. Juli bekannt ist, wird dessen Sohn Tobias fortan als Co-Trainer der vereinseigenen U23-Mannschaft fungieren.

Tobias Trulsen war zuvor als „Assi“ der FC Sankt Pauli-U19 angestellt und erlebt nun quasi seinen persönlichen Aufstieg. Und wer weiß, vielleicht kann der Junior seinem Vater nacheifern und ähnlich lange für den Klub von der Reeperbahn arbeiten. Oder aber Trulsen senior heuert erneut bei den Braun-Weißen an. Auszuschließen ist im heutigen Fußballgeschäft fast gar nichts. Und wie sang schon BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken? „Niemals geht man so ganz“.

Dies ist auch eine treffende Be- bzw. Umschreibung für die Spielstätte des Hamburger SVs*, dem Volksparkstadion. Dessen Name ist in diesem Jahrtausend schon öfters geändert worden – was zum Unmut der HSV-Ultras aktuell erneut drohen könnte*, wie 24hamburg.de-HSV berichtet. * 24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Axel Heimken/dpa & Daniel Bockwoldt/dpa & Johannes A. Alsterburg/24hamburg.de

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