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Kein Dauerwohnraum um jeden Preis – Sylter wollen mitreden

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Von: Dagmar Schlenz

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Ein Investor will in Hörnum auf Sylt Dauerwohnraum schaffen, doch Einheimische wehren sich gegen die bestehenden Pläne. Sie fordern mehr Bürgerbeteiligung.

Update vom 11. August 2022: Eigentlich sollte das Bauvorhaben in Hörnum-Nord, bei dem insgesamt 133 neue Wohnungen auf der Nordseeinsel Sylt entstehen sollten, von der Gemeinde Hörnum in diesem Sommer auf den Weg gebracht werden. Doch nachdem ein Bürgerbegehren für mehr Mitsprache bei dem umstrittenen Projekt zugelassen wurde, traten die Politiker der Allgemeinen Wählergemeinschaft Hörnum (AWGH) unerwartet auf die Bremse. In der Gemeindevertretung wurde beschlossen, den Vertrag mit der Baugenossenschaft Adlershorst nicht zu unterschreiben.

Das kam überraschend für die Einwohnerinnen und Einwohner, die sich für das Bürgerbegehren eingesetzt hatten. Die Kommunalaufsicht wird nun prüfen, ob mit der Entscheidung der Gemeindevertretung das Bürgerbegehren obsolet wird. Das Bauvorhaben soll nach Aussage der AWGH, der auch der Hörnumer Bürgermeister Rolf Speth angehört, angepasst werden. Dabei würden die Kritikpunkte der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigt, wie die Sylter Rundschau berichtet. Dazu soll es zunächst eine Einwohnerversammlung geben.

Bürgerbegehren stoppt Planung für Bauvorhaben in Hörnum-Nord

Ursprungsartikel vom 09. August 2022: Hörnum/Sylt – Die Nordseeinsel Sylt mit ihrer Strand- und Dünenlandschaft ist ein beliebtes Urlaubsziel. Das wirkt sich auch auf die Wohnsituation der Insulaner aus. Während die Anzahl der Gästebetten beständig zunimmt, mangelt es immer mehr an Dauerwohnraum. Die Folge ist ein massiver Personalmangel auf Sylt, denn Arbeitskräfte finden keine bezahlbaren Wohnungen. Ein Investor will nun in der südlichsten Inselgemeinde Hörnum 121 Dauer- und 12 Gästewohnungen schaffen. Doch die Pläne stoßen auf überraschende Gegenwehr bei den Insulanern. Das sind die Gründe.

Gemeinde:Hörnum auf Sylt
Einwohner:1048 (Stand 2018)
Bevölkerungsdichte:185,8 Personen/km²
Bürgermeister:Rolf Speth (Allgemeine Wählergemeinschaft Hörnum)

Bauprojekt Hörnum-Nord: 12 Wohnhäuser mit 133 Wohnungen geplant

Neue Baugrundstücke sind auf Sylt Mangelware, denn ein großer Teil der Heide- und Dünenflächen auf der Nordseeinsel Sylt steht unter Naturschutz. Doch auf einer dieser Heideflächen soll nun gebaut werden, wenn es nach dem Bürgermeister der Gemeinde Hörnum und der Baugenossenschaft Adlerhorst geht. Geplant ist ein Wohnkomplex mit 12 Gebäuden, in denen 121 Dauer- und 12 Ferienwohnungen entstehen sollen. Die Häuser mit einer maximalen Höhe von knapp 15 Metern sollen auf einem Grundstück im Norden von Hörnum neben dem Fünf-Städte-Heim gebaut werden.

Doch es regt sich Widerstand gegen die Baupläne in Hörnum. Dauerwohnungen kann man auf der Insel eigentlich gut gebrauchen. Der durch Wohnungsknappheit bedingte Personalmangel ist auf Sylt überall zu merken. So musste beispielsweise Gastronom Jürgen Gosch sein Restaurant „Jünne“ in List schließen, weil es ihm an Fachkräften fehlt. Jetzt will ein Investor Wohnungen bauen und spürt Gegenwind von den Einheimischen. Was ist da los auf Sylt?

Bauprojekt Hörnum-Nord: CDU bezweifelt Nachfrage für geplante Wohnungen

Eines ist klar: auf Sylt mangelt es schon lange an bezahlbarem Wohnraum. Seit den achtziger Jahren sind auf der Insel im Norden von Schleswig-Holstein zahlreiche Ferienwohnungen entstanden. Und viele Menschen wünschen sich eine Zweitwohnung auf Sylt, um noch mehr Zeit an ihrem Sehnsuchtsort zu verbringen. Die Folge: Dauerwohnraum wird in Urlaubsdomizile umgewandelt. Wo immer ein bisher dauerhaft bewohntes Haus zum Verkauf steht, wird es abgerissen und teure Eigentumswohnungen entstehen. Dieses Schicksal ereilt auch das Traditionslokal „Zur Eiche“ in Tinnum, das im Herbst zwei Doppelhäusern weichen muss.

Die Adlershorst Baugenossenschaft will jetzt ein brachliegendes Gelände im Norden von Hörnum erwerben, um dort bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Entsprechende Pläne wurden bereits 2021 im Bauausschuss der Gemeinde Hörnum vorgestellt. Die muss dem Projekt zustimmen, denn auf dem Baugelände gilt gesetzlicher Biotopschutz. In der Sitzung des Bauausschusses wurde von der CDU bezweifelt, dass es in Hörnum eine Nachfrage für die damals geplanten 132 Wohnungen geben würde, wie die Sylter Rundschau berichtete.

Rote Backsteingebäude in einer Heide- und Dünenlandschaft. Neben dem Fünf-Städte-Heim in Hörnum auf Sylt sollen Wohnungen entstehen, doch die Pläne stoßen auf Kritik.
Neben dem Fünf-Städte-Heim in Hörnum auf Sylt sollen 132 Wohnungen entstehen, doch die Pläne stoßen auf Kritik. © Christian Charisius/dpa

Kritik an geplanter Bebauung in Hörnum-Nord: Zu eng, zu teuer

„Aber was passiert, wenn einige Wohnungen trotz vergleichsweise günstiger Miete nicht vermietet werden können? Weitere Ferienwohnungen?“, fragte man sich schon 2021 seitens der Hörnumer CDU. Bevor man im Außenbereich auf einen Schlag so viele Wohnungen schaffe, solle Hörnum erst innerorts behutsam Wohnungsbau auf eigenem Grund betreiben. Auch sei die Baufläche für 132 Wohnungen klein und lasse kaum Raum für Außenanlagen.

Ähnlich sieht das auch das Bürgernetzwerk „Merret reicht‘s“, das sich 2020 auf der Nordseeinsel Sylt gegründet hat. „Das Gefühl der Fremdbestimmtheit und mangelnden politischen Mitsprachemöglichkeit hat bei den Bürgern zu großer Unzufriedenheit geführt.“, so „Merret reicht‘s“. Auf ihrer Facebookseite informieren die Mitglieder über geplante Projekte auf Sylt. Ihre Kritik an dem Bauvorhaben in Hörnum: „Es sind die Dimensionen, die Architektur und der Ghettocharakter, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Es ist auch der Verlust kostbarer Naturlandschaft.“

Bürgerbegehren gegen das Bauvorhaben Hörnum-Nord zugelassen

Im Planungs-, Bau- und Wegeausschuss der Gemeinde Hörnum stand das Bauprojekt „Hörnum-Nord“ Anfang März 2022 auf der Tagesordnung. Trotz der Bedenken von Hörnumer Bürgerinnen und Bürgern wurde das Projekt mit den Stimmen der Allgemeinen Wählergemeinschaft Hörnum (AWGH), der auch der Bürgermeister der Gemeinde angehört, durchgewunken. Doch so leicht ließen sich die Kritiker nicht abspeisen. Drei Hörnumerinnen starteten eine Unterschriftensammlung für ein Bürgerbegehren.

Und hatten Erfolg. Das Bürgerbegehren wurde Ende Juli 2022 vom Kreis Nordfriesland offiziell zugelassen. Während linke Aktivisten im Protestcamp in Westerland bezahlbaren Wohnraum für alle fordern, müssen sich die Planer des Bauprojektes „Hörnum-Nord“ in Geduld üben. Am 9. August 2022 soll in einer Gemeindevertretersitzung über das Bürgerbegehren und das weitere Vorgehen diskutiert werden. Die Stimmung ist indes nicht gerade konstruktiv. Im Vorfeld hatte Hörnums Bürgermeister Rolf Speth die Initiatorinnen der Unterschriftensammlung der „Irreführung der Bürger“ bezichtigt.

Bauprojekt Hörnum-Nord: Nutzung als Dauerwohnraum sichern

Das Grundstück im Norden von Hörnum, um das es geht, ist Eigentum des Fünf-Städte-Vereins mit Sitz in Pinneberg. Von einem insgesamt vier Hektar großen Areal sollten ursprünglich etwa 8000 Quadratmeter für den Wohnungsbau abgetrennt werden. Von dem Verkaufserlös soll das Jugendferienhaus auf Sylt modernisiert werden. Das Gelände wurde im Jahr 2016 der Gemeinde Hörnum zum Kauf angeboten, diese lehnte jedoch ab. Daraufhin wollte der Verein an das Elmshorner Wohnungsunternehmen Semmelhaack verkaufen.

Der Verkauf an Semmelhaack kam allerdings nicht zustande. Nun will die Adlershorst Baugenossenschaft das Gelände erwerben. Für diesen „Sonderstandort“ 600 Meter nördlich vom Ortskern erlaubt die Abteilung Landesplanung des Landes Schleswig-Holstein nur eine Bebauung, wenn die Nutzung als Dauerwohnraum für Insulaner langfristig sichergestellt ist. Wie das geregelt werden soll, ist eine der entscheidenden Fragen, die jetzt geklärt werden müssen. Während in List gerade das umstrittene Luxus-Resort „Lanserhof Sylt“ eröffnet wurde, wird im Süden der Insel noch einige Zeit bis zum Baubeginn vergehen.

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