Aus dem Wasser ins All

Weltraumbahnhof vor Sylt: Countdown für Raketen in der Nordsee – Deutschland macht Elon Musk nach

  • Yannick Hanke
    vonYannick Hanke
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Der Bundesverband der Deutschen Industrie überlegt, in Zukunft kleine Raketen in der Nordsee vor Sylt starten zu lassen. Für den Bau eines Weltraumbahnhofes ist noch die Zustimmung des Wirtschaftsministeriums nötig.

  • Industrieverband BDI will Weltraumbahnhof bauen lassen.
  • Starten bald Raketen in der Nordsee?
  • Coronavirus-Sars-CoV-2*-Krise schädigt Weltraum-Markt.

Berlin/Nordsee – Wie das „Handelsblatt“ berichtet, erwägt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Miniraketen in der Nordsee starten zu lassen. Hierfür benötigt es einen Weltraumbahnhof. Ein entsprechender Entwurf soll im Herbst 2020 vorgestellt werden, es bedarf der Zustimmung des Wirtschaftsministeriums. Die Finanzierbarkeit des Bauunternehmens könnte durch das Coronavirus-Sars-CoV-2 zusätzlich erschwert werden.

Unternehmen:Bundesverband der Deutschen Industrie
Geschäftsführung:Joachim Lang; Holger Lösch; Stefain Mair; Iris Plöger
Vorsitz:Dieter Kempf
Hauptstandort:Berlin
Mitglieder:35
Gründung:1. Juli 1949
Rechtsform:eingetragener Verein

Weltraumbahnhof in Deutschland in der Nordsee: Raumfahrt nach Vorbild Elon Musk und SpaceX – Raketen sollen 2022 starten

Der Industrieverband BDI will in Kooperation mit Schiffbau-Unternehmen ein Konzept entwickeln, das veranschaulichen soll, wie Miniraketen von einem Startplatz in der Nordsee ins All befördert werden können. Die Pläne für einen zwingend notwendigen Weltraumbahnhof sollen dem Wirtschaftsministerium bereits im Herbst 2020 präsentiert werden. Das ursprüngliche Vorhaben, einen Standort an Land zu finden, hat sich damit zerschlagen. Zwischenzeitig war unter anderem der Flughafen Rostock-Laage im Gespräch gewesen.

Vorbild China: Der Weltraumbahnhof auf der südchinesischen Insel Hainan ist für seine Raummissionen bekannt. Könnte so das deutsche Pendant in der Nordsee aussehen?

Nun ist also eine Kehrtwende erfolgt und eine schwimmende Plattform in der Nordsee soll als Startplatz für die Miniraketen fungieren. Matthias Wachter, der BDI-Weltraumexperten, erklärte gegen dem „Handelsblatt“, dass „viele Gespräche mit der maritimen Wirtschaft geführt wurden. Eine Offshore-Plattform als Startplatz ist technisch machbar.“ Die maritime Wirtschaft würde mit Hochdruck an den Spezifikationen der Plattform arbeiten, „die auch ein erstes Preisschild tragen soll“, ließ er verlauten.

Nach der parlamentarischen Sommerpause, in der keine Sitzungen im Deutschen Bundestag stattfinden und die regulär zwei Monate bis Ende August andauert, soll mit dem Wirtschaftsministerium verhandelt werden. Nach Ansicht des BDIs ist ein Startplatz für Miniraketen alternativlos, da die hiesigen Raumfahrt-Unternehmen nur auf diesem Wege „auch geschäftlich abheben können“, schreibt das „Handelsblatt“.

Folgt auf den Offshore-Windpark „Butendiek“ eine Offshore-Plattform in der Nordsee, von der aus Miniraketen in den Weltraum starten sollen?

Bundesverband Deutsche Industrie (BDI) muss Wirtschaftsministerium überzeugen: Deutscher Weltraumbahnhof in Nordsee möglich

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren eine Start-up-Szene von sogenannten „New-Space-Firmen“ entwickelt und etabliert, die Minisatelliten anfertigen und besagte Kleinraketen entwickeln. Diese technischen Gerätschaften dienen der Erdbeobachtung und der Kommunikationsanwendung per Satellit. Firmen wie „Planet“, „Ororatech“, „Hylmpulse“ oder „Rocket Factory“ wollen allesamt Geld im All verdienen. Bei diesem Vorhaben eifern sie dem Vorbild von Tesla-Gründer Elon Musk nach, der für seine SpaceX-Raketen* bekannt ist.

Der lukrative und innovative Markt wurde durch die Coronavirus-Sars-CoV-2-Krise jedoch stark beschädigt. Das Kapital schrumpfte, Aufträge für hochfliegende Weltraumprojekte gingen gen null. Erst durch staatliches Eingreifen konnte die prekäre Situation zumindest teilweise entschärft werden. Bereits im Herbst 2019 hätte das Bundeswirtschaftsministerium gegenüber der Europäischen Space-Agentur (ESA) angekündigt, die Kommerzialisierung der Raumfahrt entsprechend zu fördern.

Den Worten folgten Taten und die deutschen Raketen-Start-upsHyImpulse“, „Isar Aerospace Technologies“ sowie „Rocket Factory“ erhielten je 500.000 Euro Fördergeld. Mit diesem sollen bis zum Frühjahr 2021 die sogenannten „Microlauncher“-Kleinraketen weiterentwickelt werden. Wird nur noch ein geeigneter Startplatz benötigt. Thomas Grübler, Satellitenproduzent bei „Ororatech“, würde den Nordsee-Standort begrüßen. „Es wäre gut, einen Startplatz für Microlauncher hier in Europa irgendwo in der Nähe zu haben. Die Satelliten erst nach Übersee zu schaffen ist ja in Corona-Zeiten nicht mehr so ganz einfach“.

Zudem sieht Grübler die große Chance, dass Deutschland seine Position als Weltraumnation stärken könnte. „Es wäre natürlich einfacher, wenn es eine schwimmende Plattform im Meer wäre, weil Raketenstarts dort weniger stören als an Land“, ließ der Satellitenproduzent gegenüber dem „Handelsblatt“ verlauten. Vorteilhaft wäre es zudem, dass andere Umlaufbahnen erschlossen werden könnten.

Weltraumbahnhof in Deutschland: Macht die Nordsee dem „Kosmodrom Baikonur“ und der „Cape Canaveral Air Force Station“ Konkurrenz?

Thomas Wachter erhofft sich, dass „die erste Rakete bereits in zwei Jahren von einer deutschen Plattform aus“ starten könnte. Dies verriet der BDI-Weltraumexperte der „Welt“. Es bleibt jedoch die Frage, wer den Weltraumbahnhof letztendlich bauen, betreiben und natürlich auch bezahlen soll. „Ein Startplatz für Trägerraketen wäre wichtiger Bestandteil einer strategischen Infrastruktur. Bei der Realisierung sollte sich Deutschland am erfolgreichen US-Modell orientieren“, merkte Wachter an. In den Vereinigten Staaten stelle die Regierung allen privaten Unternehmen die Infrastruktur gegen eine Gebühr zur Verfügung.

Bisher reagiert die Bundesregierung aber mit Zurückhaltung. Das Bundeswirtschaftsministerium soll „die Industrie gebeten [haben], zunächst ihren konkreten Bedarf für Starts mit Micro-Launchern zu identifizieren und die Bereitschaft privater Investoren nachzuweisen“, heißt es von einer Sprecherin, die von der „Welt“ zitiert wird. Denn „[e]rst auf der Grundlage von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen und konkreten Vorschlägen kann geprüft werden, ob und wie eine Unterstützung möglich ist".

Sollte tatsächlich ein Weltraumbahnhof, der oft auch gemäß der englischen Übersetzung als „Spaceport“ bezeichnet wird, in der Nordsee entstehen, würde Deutschland hiermit prominenten Beispielen folgen. Im Kontext von bemannten Raumflügen lassen sich bis dato vier Weltraumbahnhöfe nennen, die aktiv benutzt wurden. Diese sind das von Russland betriebene „Kosmodrom Baikonur“, das chinesische „Kosmodrom Jiuquan“ sowie die US-amerikanische „Cape Canaveral Air Force Station“ (in Florida) und das nördlich daran angrenzende „Kennedy Space Center“. * 24hamburg.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Cai Yang/Xin Hua/dpa picture alliance

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