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Warmer Oktober 2022: Diese Auswirkungen hat der Klimawandel auf Sylt

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Von: Dagmar Schlenz

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Der Oktober 2022 war überdurchschnittlich warm. Der globale Temperaturanstieg hat Auswirkungen auf jedes Ökosystem – so auch auf das Wattenmeer und die Nordseeinsel Sylt.

Sylt – Als „Blick in unsere Klimazukunft“ bezeichnet Uwe Kirsch, Pressesprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD) die überdurchschnittlich hohen Temperaturen im Oktober 2022. In ganz Deutschland lagen sie im Schnitt bei 12,5 Grad Celsius und damit 3,5 Grad über dem Referenzwert. Auch auf der Nordseeinsel Sylt war der Oktober ungewöhnlich warm, die Höchsttemperaturen lagen zwischen 14 und 16 Grad. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die beliebte Ferieninsel aus?

Name:Sylt (friesisch Söl, dänisch Sild)
Kreis:Nordfriesland
Fläche:99,14 km²
Einwohner:18.118 (2019) 183 Einwohner/km²
Durchschnittstemperatur Oktober:12,3 Grad (Quelle climate-data.org)

Klimawandel auf Sylt: Nordsee immer wärmer – neue Arten breiten sich aus

Anfang November 2022 hat die Nordsee immer noch 13 Grad – Eiswinter sind an der Küste von Schleswig-Holstein mittlerweile sehr selten geworden. Die Durchschnittstemperaturen sinken in den Wintermonaten nicht mehr unter null Grad, wie die Klimatabelle für Sylt von climate-data.org zeigt. Durch die Wärme breiten sich in der Nordsee rasant neue Arten aus, erklärt Christian Buschbaum gegenüber dem Hamburger Abendblatt.

Der Biologe arbeitet für das Alfred-Wegener-Institut in List auf Sylt. Jedes Jahr würden ein bis zwei neue Arten hinzukommen – wie die Amerikanische Schwertmuschel, der Japanische Beerentang oder die Pazifische Felsenkrabbe. Bislang sei das Ökosystem in der Nordsee und im Wattenmeer aber mit dem Klimawandel ganz gut zurechtgekommen, so Buschbaum weiter.

Ein Luftbild von einer Insel mit langem Sandstrand. Auch die Insel Sylt verändert sich durch den Klimawandel – in der Nordsee breiten sich eingeschleppte Arten aus.
Auch die Insel Sylt verändert sich durch den Klimawandel – in der Nordsee breiten sich eingeschleppte Arten aus. © C.Kaiser/imago

Eine weitere Folge der steigenden Temperaturen wird aus seiner Sicht der zunehmende Tourismus an Nord- und Ostsee sein, weil es in anderen Urlaubsdestinationen zu heiß wird. Auf Sylt entwickelt man daher jetzt schon Strategien für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus, um sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen und spätestens 2025 klimaneutral zu werden.

Sandvorspülungen schützen bisher die Küsten von Sylt vor Landrückgang

Ein größeres Problem als die Ausbreitung neuer Arten in der Nordsee ist nach heutigem Kenntnisstand der Anstieg des Meeresspiegels. 2,6 bis 2,7 Millimeter pro Jahr sind es an der nordfriesischen Küste, also auch auf Sylt. Schon vor dem Anstieg des Meeresspiegels wurde zwischen 1950 und 1984 ein Rückgang von Strand und Dünen von 1,5 Meter pro Jahr gemessen. Mit unterschiedlichen Maßnahmen versuchte man, die Insel Sylt vor dem Untergang zu retten. Das Ziel wurde zwar – zumindest vorerst – erreicht, allerdings mit einigen unerwünschten „Nebeneffekten“.

So wurde durch die Errichtung eines Tetrapodenquerkwerk an der Westseite von Sylt die Südspitze um etwa einen Kilometer verkürzt. Vierfüßige Betonblöcke, sogenannte Tetrapoden, waren in den 1960er Jahren in Hörnum am Weststrand ausgebracht worden, um eine neue Wohnsiedlung vor Sturmfluten zu schützen. In der Folge kam es zu starker Erosion an den Dünen an der „Hörnum Odde“, die sich seitdem dramatisch verkleinert hat. Seit 1972 versucht man mit anderen Mitteln, die Insel zu schützen: durch Sandvorspülungen.

Klimawandel auf Sylt: „Müssen akzeptieren, dass sich die Küstenlinien verändern“

„Würde man nichts tun, um die Insel zu schützen, würde sie jährlich ein bis vier Meter zurückgehen“, erläutert Birgit Matelski, Direktorin des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) 2021 in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk. Ohne die Sandvorspülungen würde die Promi-Insel Sylt immer weiter schrumpfen und sich nach Osten verlagern. Besonders betroffen wären neben Hörnum auch List, der Strand von Westerland und das Rote Kliff.

Nicht nur Bauvorhaben in Küstennähe, wie der geplante Neubau eines Restaurants auf dem Roten Kliff in Wenningstedt, sind mittlerweile sehr umstritten, sondern auch die Sandvorspülungen selbst. Sie kosten den Steuerzahler jährlich mehr als 10 Millionen Euro und töten laut NABU auch zahllose Würmer, Muscheln, Krebse und junge Fische, die mit den Saugbaggern aufgenommen und über Pipelines auf den Strand geworfen werden. Cornelius Detloff, Leiter der Abteilung Meeresschutz beim NABU, ist der Ansicht, man müsse mit der Dynamik im Wattenmeer leben.

Das brauche aber eine nachhaltige Strategie und die Bereitschaft, Veränderungen in der Form von Küstenlinien zu akzeptieren, so Detloff. Sollte man auf Sylt also in Zukunft auf Sandvorspülungen verzichten? Langfristig sieht das auch Geologe Ekkehard Klatt so. Er lebt schon lange auf Sylt und fordert im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt, die Menschen sollten bereit sein, sich in den Osten der Insel zurückzuziehen. Doch diese Forderung durchzusetzen, dürfte angesichts weiter steigender Immobilienpreise auf Sylt schwierig werden.

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