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Kopfschütteln auf Sylt über „Pinkelmauer“ und bunte Punkte

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Von: Dagmar Schlenz

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Trotz Haushaltssperre werden auf der Nordseeinsel Sylt Steuergelder für kuriose Maßnahmen ausgegeben: Eine Mauer gegen „Wildpinkler“ und bunte Punkte zur Verkehrslenkung.

Westerland/Sylt – Die Nordseeinsel Sylt ganz im Norden von Schleswig-Holstein ist bekannt für endlose Sandstrände, Dünenlandschaften, aber auch als Promi-Insel mit teuren Hotels und Restaurants. Viele Menschen erwarten es schick und stylisch auf der beliebten Urlaubsinsel – schließlich wurde im Sommer 2022 mit dem Lanserhof Sylt das wohl teuerste Luxus-Resort in Deutschland eröffnet. So gar nicht ins Bild passen da eine Mauer aus Betonblöcken und bunte Punkte in der Fußgängerzone von Westerland auf Sylt. Was es mit den Kuriositäten auf sich hat.

Name:Westerland (Friesisch: Weesterlön)
Gemeinde:Sylt / Ortsteil Westerland
Bürgermeister:Nikolas Häckel (parteilos)
Einwohner:9032 (Stand 2007)

Betonmauer gegen „wildpinkelnde“ Punks auf Sylt

Anfang Juni 2022 waren eine Menge ungewohnter Gäste nach Westerland gekommen: Punks hatten mit dem 9-Euro-Ticket die Insel Sylt geentert. Ausgestattet mit jeder Menge Dosenbier ließen sie sich am Brunnen bei der „Wilhelmine“ nieder, um bei den Reichen auf Sylt zu feiern und zu chillen. Einen Durchgang hinter dem Brunnen nutzten die Punks zum „Wildpinkeln“. Das stieß – verständlicherweise – bei Anwohnern, Bistro- und Kioskbesitzern am Brunnen nicht auf Begeisterung. Die etwas hemdsärmelige Lösung des Problems führte dann allerdings bei vielen Beobachtern zu Kopfschütteln.

Um den Brunnen mit der „Dicken Wilhelmine“ wurde ein Bauzaun errichtet und ein LKW lieferte große Betonblöcke, die vor dem Durchgang hinter dem Brunnen aufgestapelt wurden. Die Kritik an den kuriosen Maßnahmen ließ nicht lange auf sich warten und der Zaun wurde schon nach wenigen Tagen wieder entfernt – ebenso wie das Wasser aus dem Brunnen, der selbst den Punks mittlerweile zu eklig war.

Geblieben ist die Mauer. Leidtragende ist vor allen Dingen die Besitzerin eines Reformhauses, zu dem Kunden vor dem Mauerbau durch den Durchgang gelangten. Die Kosten für das umstrittene Bauwerk betrugen laut Angaben der Gemeinde Sylt immerhin etwa 1400 Euro. Und das, obwohl die Kommunalaufsicht der Gemeinde Sylt eine Haushaltssperre auferlegt hat und somit viele Ausgaben gar nicht getätigt werden dürfen.

Geplanter Abbau der „Pinkelmauer“ auf Sylt verschoben

Die Punks sind längst vom Brunnen bei der „Dicken Wilhelmine“ in ein Protestcamp vor dem Rathaus von Westerland umgezogen. Da sie der Grund für den Bau der Mauer direkt zwischen einem Crêpes- und Eisstand und einem Café in der Westerländer Innenstadt waren, hofften viele auf den Rückbau. Der Mauerfall auf Sylt wurde Mitte August auch angekündigt, doch das inzwischen als „Pinkelmauer“ bundesweit bekannte Bauwerk versperrt bis heute den Durchgang.

Auf Nachfrage von 24hamburg erläutert Carsten Kerkamm (CDU), stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Sylt, dass „nach Beratung mit den Fraktionen der Gemeindevertretung, die Gemeinde Sylt in Abstimmung mit der Polizei die Situation weiterhin genau beobachten und jeweils nach der Sachlage entscheiden wird, wie hinsichtlich der Mauer verfahren wird.“ Im Falle eines Abbaus geht die Gemeinde Sylt davon aus, dass die Aufbaukosten nicht überstiegen werden.

Ein Pinkelverbotsschild vor der Pinkelmauer der Sylter Punks in Westerland
Die berüchtigte „Pinkelmauer“ in der Innenstadt von Westerland sollte die Sylter Punks vom „Wildpinkeln“ abhalten. Bisher wurde das umstrittene Bauwerk nicht wieder entfernt. © Dagmar Schlenz/Montage

Mittlerweile hat sich jemand erbarmt und ein farbenfrohes Motiv auf die weißen Betonblöcke gemalt. Dadurch wirkt das Bauwerk eher wie ein Teil der East Side Gallery in Berlin – einer Open-Air-Galerie, in der die von Künstlern gestalteten Überreste der Berliner Mauer ausgestellt sind. Wer weiß, vielleicht bleibt die „Pinkelmauer“ der Insel Sylt ja noch dauerhaft als neue Touristenattraktion erhalten?

Bunte Punkte kennzeichnen „Begegnungszonen“ in Westerland

Unweit der „Pinkelmauer“ stößt man in Westerland auf ein weiteres Kuriosum. Hier geht es aber nicht um Ausgrenzung, sondern um Begegnung. Große gelbe und rote Kreise zieren an einigen Stellen die Straßen und Teile der Fußgängerzone. Sie kennzeichnen sogenannte „Begegnungszonen“. Ganz ohne Ampeln und Zebrastreifen soll hier der Verkehr geregelt werden – durch gegenseitige Rücksichtnahme. Vorhandene Ampeln in den betroffenen Straßenabschnitten wurden abgeschaltet – was ja in Zeiten der Energiekrise eigentlich eine keine schlechte Idee ist.

Gelbe und rote Punkte auf einer Straße, von links kommt ein Auto. Die Punkte kennzeichnen „Begegnungszonen“ in der Westerländer Innenstadt. Sie sollen den Steuerzahler bisher etwa 11.000 Euro gekostet haben.
Bunte Punkte kennzeichnen „Begegnungszonen“ in der Westerländer Innenstadt. Sie sollen den Steuerzahler bisher etwa 11.000 Euro gekostet haben. © Dagmar Schlenz

Aber die bunten Punkte in der Westerländer Innenstadt sollen bisher etwa 11.000 Euro an Steuergeldern gekostet haben. Diese vermeintliche Steuerverschwendung auf Sylt war sogar schon Thema bei „Mario Barth deckt auf!“, einer Comedy-Show des TV-Senders RTL. Kritiker mahnen an, die Kosten für die „Begegnungszonen“ auf Sylt seien nicht absehbar, da die Farbe schon nach kurzer Zeit teilweise wieder abgeblättert war und nachgebessert werden musste. Außerdem haben sie Sorge, dass sich Raser nicht an die innerhalb der „Begegnungszonen“ vorgegebene Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 Kilometern pro Stunde halten werden.

Das ungewöhnliche Verkehrsprojekt war eigentlich bis Ende Juli 2022 terminiert, auf Beschluss des Umweltausschusses gibt es jetzt aber eine Verlängerung bis zum 28. Oktober 2022. Dann wird die Auswertung des Verkehrsversuchs auf Sylt präsentiert. Nach der ersten Aufregung haben sich viele Einheimische und Gäste mittlerweile an die bunten Punkte auf der Straße gewöhnt. Genau wie an die Punks mit den bunten Haaren im Stadtpark von Sylt, die ebenfalls eine Verlängerung ihres Protestcamps bis Oktober beantragt haben. Bunte Haare, bunte Punkte, bunte „Pinkelmauer“ – viele fragen sich, was wohl als Nächstes kommt auf Sylt.

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