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Sylt braucht dringend Dauerwohnraum – und bekommt noch ein Hotel

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Von: Dagmar Schlenz

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In Westerland auf Sylt soll beim Bahnhof ein neues Hotel entstehen. Doch wo bleiben die Angestellten? Planer und Gemeinde suchen nach Lösungen für ein altbekanntes Problem.

Westerland/Sylt – Schick sieht es aus, das neue Hotel gegenüber vom Bahnhof in Westerland auf Sylt. Jedenfalls im Entwurf, denn noch befindet sich das Gebäude in der Planungsphase. Bisher gibt es nur eine Visualisierung, die das Hotel- und Geschäftsgebäude auf dem ehemaligen Gelände der Esso-Tankstelle in Westerland zeigt. Dringender als weitere Gästebetten benötigt man auf der Nordseeinsel allerdings Dauerwohnraum – trotzdem hat der Bauausschuss der Gemeinde Sylt dem Projekt jetzt zugestimmt.

Name:Westerland (Friesisch: Weesterlön)
Einwohner:9032 (Stand 2007)
Gemeinde:Sylt / Ortsteil Westerland
Postleitzahl:25980
Bürgermeister:Nikolas Häckel (parteilos)

Bauprojekt in Westerland: Streit um Pläne für Neubau am Bahnhof

Die ehemalige Esso-Tankstelle direkt gegenüber vom Bahnhof in Westerland auf Sylt ist momentan kein schöner Anblick. Ein Bauzaun sichert das Gelände gegen unbefugtes Betreten, die Zapfsäulen sind längst verschwunden. Schon seit Jahren liegt das Gelände brach – und das, wo Baugrundstücke auf Sylt eine Rarität sind. Da werden dann auch mal Traditionslokale wie die Eiche in Tinnum abgerissen, um Platz für Doppelhäuser zu machen.

Ein Investor, der auf dem Tankstellengelände in Westerland bauen will, ist schon lange gefunden. Die Hamburger Adolf Weber Grundbesitz- und Projekt-Gesellschaft möchte ein modernes City-Hotel in Bahnhofsnähe errichten. Doch die Gemeinde Sylt sowie das zuständige Kreis-Bauamt in Husum hatten zunächst Einwände gegen die Pläne. Der damalige Entwurf sah ein etwa 16 Meter hohes Wohn- und Geschäftshaus vor. Grund für die Auseinandersetzung mit der Gemeinde war die Optik: Der Neubau füge sich nicht in die Nachbarbebauung ein, so die Bedenken der Gemeinde im Jahr 2014.

Am Bahnhof in Westerland entsteht mehrgeschossiger Neubau mit Gewerbe

Die Auseinandersetzung zog sich über Jahre hin, doch seit Februar 2019 hat die Adolf Weber Grundbesitz- und Projekt-Gesellschaft Planungssicherheit. Nachdem das Verwaltungsgericht zugunsten des Bauherrn entschieden hatte, war der Weg frei für die Gesellschaft aus Hamburg. Die brauchte allerdings bis zum 08. Juli 2022, um den Antrag für ihr Bauvorhaben beim Bauamt in Westerland einzureichen. Aus dem Antrag geht hervor, dass auf dem Gelände der ehemaligen Esso-Tankstelle ein moderner, mehrgeschossiger Neubau entstehen soll.

Entwurf eines dreistöckigen Gebäudes mit Hotel und Geschäften. Gegenüber vom Bahnhof in Westerland auf Sylt soll ein neues Bahnhofshotel entstehen.
Gegenüber vom Bahnhof in Westerland auf Sylt soll ein neues Hotel entstehen. Geplant sind auch Wohnungen für Hotelangestellte. (Visualisierung: Bloomimages) © Bloomimages

In den oberen drei Etagen wird nach heutigem Stand ein City-Hotel einziehen, im Erdgeschoss Geschäfte und Gastronomie, zum Beispiel eine Fahrradvermietung, ein Surfshop, ein Café oder ein Restaurant. Der Hotelbetreiber steht noch nicht fest, aber es gibt bereits diverse Interessenten. Dauerwohnraum ist in dem Neubau nicht vorgesehen. Am 08. August 2022 hat der Bau- und Planungsausschuss der Gemeinde Sylt über das Bauvorhaben beraten und das gemeindliche Einvernehmen zum Bauantrag erteilt. Nun bekommt die Promi-Insel Sylt also ein weiteres Hotel.

Hotel-Neubau in Westerland: Auch Personalwohnungen geplant

Entworfen hat den Neubau in der Westerländer Innenstadt das Büro DFZ Architekten aus Hamburg. Für das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof hat man eine besondere Optik gewählt: die geschwungenen Gauben des 14,5 Meter hohen Gebäudes erinnern an ein reetgedecktes Friesenhaus. Bei der Planung befinde man sich in engem Austausch mit der Gemeinde, so Henning Nietz, zuständiger Projektentwickler bei der Adolf Weber Real Estate GmbH. Nach der Zustimmung durch den Bauausschuss auf Sylt ist jetzt der Kreis Nordfriesland für die Erteilung der Baugenehmigung zuständig.

Den Zeitpunkt für den Baubeginn werde man dann mit den Verantwortlichen vor Ort abstimmen, so Nietz gegenüber 24hamburg. Behinderungen auf der wichtigen Durchgangsstraße Trift, an der sich das Baugelände befindet, sollen insbesondere zur Haupt-Urlaubszeit vermieden werden. Bei der Planung für den Neubau wurde auch an die zukünftigen Hotelangestellten gedacht. Nietz betont, dass in dem neuen Hotel in Westerland ausreichend Wohnraum für Personal vorgesehen sei.

Tourismus auf Sylt: Gutachter machen klare Ansage

Viele Menschen sehen den Hotelneubau in Westerland kritisch, denn Hotels und Ferienwohnungen gibt es mittlerweile reichlich auf der Nordseeinsel Sylt. Im Sommer 2022 wurde in List der „Lanserhof Sylt“ eröffnet, ein Luxus-Resort in den Dünen mit 68 Zimmern. Große Bauprojekte wie der „Lanserhof“ sind auf der Insel sehr umstritten. Auf Sylt fehlt es an bezahlbaren Wohnungen, das haben nicht erst die Punks und Aktivisten im Protestcamp vor dem Rathaus in Westerland erkannt. Viele Menschen können sich nur auf dem Festland eine Wohnung leisten.

Schon seit Jahren verlassen immer mehr Sylter ihre Insel, „Neu-Sylter“ gibt es kaum. Die Folge ist ein zunehmender Fachkräftemangel, der mittlerweile dramatische Ausmaße annimmt. Gastronomiebetriebe müssen zusätzliche Ruhetage einlegen oder wie das Edel-Restaurant „Jünne“ in List ganz schließen, weil es an Personal fehlt. Die Gemeinde Sylt hat auf die Entwicklung reagiert und einen Gutachter beauftragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die beliebte Ferieninsel ist zu voll!

Fehlentwicklung auf Sylt: Gemeinde will Maßnahmen beraten – doch das dauert

Am 03. Mai 2022 wurde der Gemeinde Sylt das sogenannte Beherbergungskonzept der beauftragten CIMA Beratung + Management GmbH aus Lübeck vorgestellt. Zusammengefasst lautete die gutachterliche Botschaft: Es gibt eine Fehlentwicklung auf der Insel. Die Berater empfehlen der Gemeinde Sylt, keiner Erhöhung von Bettenkapazitäten mehr zuzustimmen.

„In der Gemeinde Sylt unterhalten wir uns nicht mehr darüber, ob ein Ungleichgewicht zwischen touristischen und übrigen Funktionen der Gemeindeentwicklung eingetreten ist, sondern nur noch darüber, ob und wie die längst eingetretene Fehlentwicklung wieder eingefangen werden kann.“

Auszug aus dem Beherbergungskonzept der Gemeinde Sylt, erstellt von der CIMA

Die Ansage ist also klar, daher fragen sich vielen: Warum entstehen am Bahnhof in Westerland jetzt noch weitere Gästebetten für die touristische Nutzung? Eine Mitarbeiterin der Gemeinde Sylt erläutert auf Nachfrage von 24hamburg, dass für die Erteilung der eigentlichen Baugenehmigung die Untere Bauaufsicht des Kreises Nordfriesland zuständig sei, nicht die Gemeinde. Auch handle es sich bei dem Gutachten der CIMA um ein sogenanntes städtebauliches Entwicklungskonzept, das keine unmittelbare Wirkung auf das geltende Bau- und Planungsrecht habe.

Die Beratung in den politischen Gremien solle in Kürze erfolgen, so die Mitarbeiterin der Gemeinde Sylt. Erst durch Beschluss der Gemeindevertretung würde das Konzept bindend und könne dann beispielsweise im Rahmen von Bauleitplanverfahren berücksichtigt werden. Bei aktuellen Bauanträgen bzw. Genehmigungen könne das Konzept derzeit also keine Anwendung finden. Es wird sich zeigen, ob und wie das Beherbergungskonzept in Zukunft neue Bauvorhaben auf Sylt beeinflussen wird.

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