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„Wir haben keine Zeit zu verlieren“: Sylter wollen Geisterinsel verhindern

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Von: Dagmar Schlenz

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Kaum bezahlbarer Wohnraum und zu viel Tourismus auf der Nordseeinsel Sylt. Auf einer Bürgerversammlung suchte man nach Lösungen für die Zukunft der Insel und ihrer Bewohner.

Sylt – Die Insel Sylt ganz im Norden von Schleswig-Holstein erfreut sich nicht nur bei Urlaubern großer Beliebtheit. Auch Investoren wittern auf dem Eiland neben Nordseeluft auch das ganz große Geld. Die Folge: Immer mehr Dauerwohnraum verschwindet, stattdessen entstehen Ferienwohnungen, Luxushäuser und Hotels. Gerade wurden die Pläne für den Bau eines neuen Hotels gegenüber vom Bahnhof in Westerland vorgestellt. Viele Sylter können sich das Leben auf ihrer Heimatinsel mittlerweile nicht mehr leisten und ziehen aufs Festland. Und die verbleibenden Insulaner stellen sich die Frage: Wem gehört die Insel?

Name:Sylt (friesisch Söl, dänisch Sild)
Kreis:Nordfriesland (Schleswig-Holstein)
Fläche:99,14 km²
Einwohner:18.118 (2019) 183 Einwohner/km²

Wem gehört die Insel? Bürgerversammlung in Keitum auf Sylt

Die Frage, wem die Insel Sylt gehört, hat das Bürgernetzwerk „Merret reicht’s“ aufgegriffen. Um über die Zukunft von Sylt und den Syltern zu sprechen, haben die Mitglieder für den 24. August 2022 zu einer Bürgerversammlung in Keitum eingeladen. „Auf, ihr Sylter, in den Friesensaal!“, hieß es auf der Facebook-Seite des Bürgernetzwerks. Und die Sylter folgten dem Ruf, die rund 250 Eintrittskarten für die kostenlose Veranstaltung waren schnell vergriffen.

Diverse insulare Vertreter aus allen Bereichen auf der Nordseeinsel wurden von den Veranstaltern gezielt eingeladen, unter anderem die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aller fünf Inselgemeinden. Anwesend waren an dem Abend dann Wenningstedts Bürgermeisterin Katrin Fifeik und der Hörnumer Bürgermeister Rolf Speth. Unter den Gästen waren außerdem die drei Sylterinnen, die ein Bürgerbegehren gegen ein Bauprojekt in Hörnum initiiert hatten, sowie Moritz Luft, Geschäftsführer der Sylt Marketing GmbH.

Viele Menschen sitzen in einem Saal auf Stühlen, im Hintergrund Fenster mit roten Vorhängen, an der Decke ein Kronleuchter. Im gut gefüllten Friesensaal in Keitum verfolgten viele Sylterinnen und Sylter bei einer Bürgerversammlung die Diskussion über die Zukunft der Insel.
Im gut gefüllten Friesensaal in Keitum verfolgten viele Sylterinnen und Sylter bei einer Bürgerversammlung die Diskussion über die Zukunft der Insel. © Dagmar Schlenz

Podiumsdiskussion mit Wirtschafts- und Tourismusminister Madsen

Bei einer Podiumsdiskussion mit anschließender Fragerunde sollte über die aktuelle Situation gesprochen und nach Möglichkeit erste Lösungsansätze gefunden werden. Auf dem Podium saßen Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Tourismusminister Claus Ruhe Madsen, Dirk Erdmann, Sylter Politiker und DEHOGA-Vorsitzender, Stadtentwicklungsexperte Uwe Mantik und Birte Wieda, Initiatorin des Bürgernetzwerks „Merret reicht’s“. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin, Autorin und gebürtigen Sylterin Susanne Matthiessen.

Fünf Personen sitzen auf Stühlen auf einer Bühne, darüber ein Kronleuchter. Wem gehört Sylt? Bei einer Podiumsdiskussion suchten Dirk Erdmann, Claus Ruhe Madsen, Susanne Matthiessen, Birte Wieda und Uwe Mantik (von links) nach Lösungen für die Zukunft der Nordseeinsel.
Wem gehört Sylt? Bei einer Podiumsdiskussion suchten Dirk Erdmann, Claus Ruhe Madsen, Susanne Matthiessen, Birte Wieda und Uwe Mantik (von links) nach Lösungen für die Zukunft der Nordseeinsel. © Dagmar Schlenz

Im Rahmen einer Vorstellungsrunde hob Claus Ruhe Madsen hervor, er könne zwar die Probleme der Insel nicht lösen, aber er wolle hinhören und verstehen. Der parteilose Minister ist erst seit wenigen Monaten unter anderem für den Tourismus im nördlichsten Bundesland zuständig. Er bedauerte, dass er Sylt bisher nur dienstlich besucht hätte – unter anderem als Lieferant für Gartenmöbel für die „Kupferkanne“ in Kampen. Damals war Madsen noch Möbelhändler in Rostock.

Es folgte eine dreijährige Amtszeit als Bürgermeister der Hansestadt, bevor er im Juni 2022 von Ministerpräsident Daniel Günther in den schleswig-holsteinischen Landtag geholt wurde. Sein Ministerium ist unter anderem für die Erstellung und Umsetzung einer Tourismusstrategie für das Land Schleswig-Holstein zuständig, bei der man einen verstärkten Fokus auf nachhaltigen und verantwortungsbewussten Qualitätstourismus setzen will.

Stadtentwickler Mantik: „Ohne Umdenken wird Sylt zum Centerpark“

Mit der aktuellen Lage auf Sylt hat sich Uwe Mantik, Stadtentwickler bei der CIMA in Lübeck, intensiv beschäftigt. Die Gemeinde Sylt hatte bei seiner Firma einen städtebaulichen Entwicklungsplan in Auftrag gegeben. Entstanden ist ein Beherbergungskonzept für Sylt, in dem die Experten klare Worte für die aktuelle Lage finden: Sylt ist gekippt, was das Verhältnis zwischen Dauerwohnraum und Ferienwohnungen angeht. „Wir haben diese Analysen schon für einige Destinationen gemacht, aber was wir auf Sylt gesehen haben, hat uns umgehauen“, so Mantik bei seinen Ausführungen.

Man könne der Entwicklung nicht tatenlos zusehen, wenn man Sylt für die Sylterinnen und Sylter erhalten wolle. Ohne Umdenken gäbe es bald keinen normalen Lebensraum mehr, Sylt würde zum Centerpark, wo man Urlaub machen könne, aber niemand mehr dauerhaft wohne. „Es muss der politische Wille erklärt werden, etwas zu machen“, so Mantik weiter. Die Gemeinde Sylt hat es nun in der Hand, das von der CIMA erstellte Beherbergungskonzept zu beschließen. Damit wären die Lösungsvorschläge in dem Konzept bindend für zukünftige Entscheidungen im Bauauschuss.

Sylterin Birte Wieda mahnt zur Eile: „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Birte Wieda, Sylterin und Gründerin des Bürgernetzwerks „Merret reicht’s“, sieht das Beherbergungskonzept als Schlüssel für ein Umdenken. Das Gutachten belege endlich mit Zahlen den Missstand auf Sylt. „Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wir auf der Insel funktionieren nicht mehr, die lebendige Nachbarschaft ist in Gefahr“, so die klare Botschaft von Wieda auf dem Podium. Jede Ebene müsse tun, was sie könne, Wohnressourcen dürften auf Sylt nicht mehr verschwendet werden.

Wir haben keine Zeit zu verlieren! Wir auf der Insel funktionieren nicht mehr, die lebendige Nachbarschaft ist in Gefahr.

Birte Wieda, Sylterin und Gründerin des Bürgernetzwerks „Merret reicht’s“

Wieda, die selbst einige Jahre im Bauausschuss der Gemeinde Keitum saß, sieht dringenden Handlungsbedarf auf der Insel. So gäbe es beispielsweise noch Entwicklungsflächen, die baurechtlich nicht geschützt seien. Sylt brauche aber keine Entwicklungsflächen mehr. Stadtentwickler Mantik pflichtet ihr bei und macht klar: „Entweder, Sie stellen die Weichen neu und der Zug fährt in die andere Richtung, oder man fährt mit Volldampf weiter in die gleiche Richtung, und das wird Folgen haben.“

Die Geschichte des Bürgernetzwerks „Merret reicht’s“

Als die Insel Sylt aufgrund des coronabedingten Lockdowns im Frühjahr 2020 plötzlich ganz leer wurde, ist vielen auf der Nordseeinsel bewusst geworden, wie gut sich Ruhe anfühlt und welche Naturschönheiten die Insel zu bieten hat. Als der Lockdown beendet war, verfasste die Sylterin Birte Wieda nach einem Besuch von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther auf Sylt einen Leserinnenbrief an die Sylter Rundschau.

Dieser Brief hat viele auf der Insel bewegt. Wieda schreibt, sie und viele andere wollten nicht mehr zurück zu dem „Übervollen“ und dem „Zuviel“. Es müsse sich etwas verändern – Sylt sollte ein Ort zum Leben, zur Erholung und zum sorgsam teilen werden. Sylterinnen und Sylter wollen mitreden, wenn es um die Zukunft ihrer Heimat geht. Das Bürgernetzwerk „Merret reicht’s“ wurde gegründet.

Punks stehen mit Transparenten vor dem Friesensaal in Keitum

Auch die Punks und Aktivisten, die in einem Protestcamp vor dem Westerländer Rathaus für bezahlbaren Lebensraum demonstrieren, hatten von der Veranstaltung im Friesensaal in Keitum gehört. Etwa zehn von ihnen waren mit zwei Transparenten aus Westerland in das Friesendorf an der Ostseite der Insel gekommen. Eintrittskarten für die Bürgerversammlung hatten sie nicht, stattdessen postierten die Aktivisten sich gegenüber dem Eingang des Friesensaals und verfolgten die Diskussion online. Die Punks betonen, sie hätten ähnliche Anliegen wie die Bürgerinitiative „Merret reicht’s“.

Eine Gruppe von Punks und Aktivisten mit einem Transparent, vor dem ein Punk in kurzen Hosen spricht. Auch eine Gruppe von Punks und Aktivisten aus dem Protestcamp in Westerland kam zur Sylter Bürgerversammlung nach Keitum.
Auch eine Gruppe von Punks und Aktivisten aus dem Protestcamp in Westerland kam zur Sylter Bürgerversammlung nach Keitum, unter ihnen Punk „Nimbus“ (vorne im blauen T-Shirt). © Dagmar Schlenz

Auf einem Transparent warnt die Gruppe vor der Übernahme von Wohnraum auf Sylt und in ganz Deutschland durch russische Oligarchen. Einer von ihnen ist Punk „Nimbus“, der schon einige Aktionen im Protestcamp organisiert hatte. Durch seine Initiative war schon Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble als Gesprächspartner im Camp. Und auch den Linken-Politiker Gregor Gysi, für den vor seinem Kurzbesuch im Camp schon mal ein Bier kaltgestellt wurde, hatte „Nimbus“ eingeladen.

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