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Punks, Partys, Proteste: So war der 9-Euro-Sommer auf Sylt

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Von: Dagmar Schlenz

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Ende August läuft der Gültigkeitszeitraum für das 9-Euro-Ticket aus. Der Nordseeinsel Sylt hat das verbilligte Bahnticket viele Gäste, aber auch neue Probleme gebracht.

Sylt – Der Sommer 2022 wird wohl vielen Syltern und Gästen in Erinnerung bleiben. Es war der Sommer, in dem die Punks mit dem 9-Euro-Ticket die Insel Sylt geentert haben. Aber nicht nur die Punks stellten die Verantwortlichen auf Sylt vor neue Herausforderungen: Mit dem günstigen 9-Euro-Ticket nutzten auch mehr Menschen den ÖPNV, Linienbusse auf Sylt waren teilweise hoffnungslos überfüllt. War das verbilligte Ticket für Sylt also mehr Fluch als Segen?

Name:Sylt (friesisch Söl, dänisch Sild)
Kreis:Nordfriesland (Schleswig-Holstein)
Fläche:99,14 km²
Einwohner:18.118 (2019) 183 Einwohner/km²

9-Euro-Sommer 2022 auf Sylt mit Punks, Traumhochzeit und Demonstrationen

Das 9-Euro-Ticket hat seine Schatten vorausgeworfen – zumindest auf der Nordseeinsel Sylt. Ganz im Norden von Schleswig-Holstein hatte man Sorge, Sylt könne durch das verbilligte Bahnticket überrannt werden. Viele Menschen machten sich in der Folge über den befürchteten Ansturm des Pöbels auf die Promi-Insel Sylt lustig. Zahlreiche Memes kursierten im Netz, so manch einer rief sogar zu den Chaostagen auf Sylt auf. Und an Pfingsten kamen die Besucher dann wirklich in Scharen mit dem 9-Euro-Ticket auf die Nordseeinsel, unter ihnen viele Punks.

Und die neuen Gäste mit den bunten Haaren sind den ganzen Sommer über geblieben. Die Punks waren da, als Christian Lindner seine Traumhochzeit mit Franca Lehfeldt auf Sylt feierte. Die hätten sie am liebsten gecrasht, drohten an, zum Gratulieren in das Luxushotel des Finanzministers zu kommen. Auch an der größten Demonstration der Inselgeschichte haben die Punks auf Sylt teilgenommen. Am 16. Juli hatte ein linkes Bündnis unter zum Protest gegen die Ungleichverteilung von Reichtum aufgerufen. Unter dem Motto „Luxus für alle“ zogen etwa 400 Demonstranten von Westerland nach Kampen, anschließend gab es ein Punk-Rock-Konzert vor dem Rathaus in Westerland.

Links küssen sich Franca Lehfeldt und Christian Lindner, rechts reißt ein Punk mit Anarchie-Zeichen auf der Jacke die Arme in die Höhe. Traumhochzeit und feiernde Punks: Das war der 9-Euro-Sommer auf Sylt.
Traumhochzeit von Christian Lindner und feiernde Punks: Das war der 9-Euro-Sommer auf Sylt. © Axel Heimken/dpa/Dagmar Schlenz

Auch viele Demo-Teilnehmer sind mit dem 9-Euro-Ticket nach Sylt gekommen – und einige gleich geblieben. Gemeinsam mit den Sylter Punks haben sie vor dem Rathaus in Westerland auf Sylt ein Protestcamp errichtet. In dem kleinen Stadtpark hingen zwischen bunten Zelten und Bäumen Transparente - die Bewohner des Camps demonstrierten unter anderem für bezahlbaren Wohnraum. Die Aktivistinnen und Aktivisten haben einiges auf die Beine gestellt, unter anderem eine Diskussionsrunde mit CDU-Politiker Wolfgang Schäuble. Und auch für Linken-Politiker Gregor Gysi hatte man vor dessen Kurzbesuch schon mal ein Bier kaltgestellt.

Punks auf Sylt: So etwas darf sich nicht wiederholen

Noch sind sie gar nicht weg, die Sylter Punks. Eine Verlängerung ihres Protestcamps vor dem Rathaus von Westerland auf Sylt wurde zwar nicht genehmigt, doch die bunte Truppe hat erstmal Widerspruch eingelegt. In der Politik ist man sich indes einig: So etwas wie in diesem Sommer auf Sylt darf sich im nächsten Jahr nicht wiederholen. Auch wenn es mehr als ungewiss ist, ob es im Sommer 2023 einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket geben wird, hat man auf Sylt Null Bock auf eine erneute Punk-Invasion.

Die Anwesenheit der Punks auf Sylt sorgte auf der Insel für kontroverse Diskussionen. Gäste und Anwohner waren genervt, einige Geschäftsleute sahen sich durch die Punks gar in ihrer Existenz bedroht. Immer wieder wurden gefordert, gegen die Bier trinkenden Dauergäste durchzugreifen. Die hatten sich in den ersten Wochen am Brunnen bei der „Dicken Wilhelmine“ häuslich eingerichtet. Um die Punks am „Wildpinkeln“ zu hindern, wurde der Brunnen eingezäunt und ein Durchgang hinter dem Brunnen mit Betonblöcken verschlossen.

Der Zaun um die „Dicke Wilhelmine“ ist inzwischen wieder verschwunden, doch das mittlerweile bundesweit als „Pinkelmauer“ bekannte Bauwerk vor dem Durchgang in der Innenstadt von Westerland steht immer noch. Damit man im nächsten Jahr nicht wieder solche kuriosen Maßnahmen auf Sylt ergreifen muss, soll gemeinsam mit allen Beteiligten ein Konzept erarbeitet werden. Das kündigt Carsten Kerkamm, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Sylt, gegenüber shz.de an. In Zukunft werde man eher reagieren und deutlich früher zusätzliche Sicherheitskräfte einstellen, so Kerkamm.

Punks auf Sylt: Aus Sicht der Polizei nichts Außergewöhnliches

Wie war der Sommer 2022 auf Sylt aus Sicht der Polizei? 24hamburg fragte bei der Polizeidirektion in Flensburg nach, die auch für den Kreis Nordfriesland zuständig ist, zu dem die Insel Sylt gehört. Nach telefonischer Auskunft von Sandra Otte, Sprecherin der Polizeidirektion, gab es im Sommer 2022 wieder deutlich mehr Ruhestörungen auf Sylt, hauptsächlich durch Feiern am Strand und auf Privatgrundstücken. Außerdem wurden mehr Fälle von Ladendiebstählen und Körperverletzung angezeigt – alles Straftaten, die vermehrt auftreten, wenn viele Menschen an einem Ort sind, so Otte.

Nachdem in den letzten zwei Jahren durch die Corona-Pandemie die Menschen stark eingeschränkt waren, lockten in diesem Sommer das gute Wetter und das 9-Euro-Ticket wieder sehr viele Gäste nach Sylt. Unter anderem die Punks, die ebenfalls Grund für Polizeieinsätze auf der Insel waren. Otte betont, dass dies aber aus Sicht der Polizei nicht außergewöhnlich gewesen sei. Auch die Großeinsätze wie bei der Lindner-Hochzeit und den Demonstrationen seien zwar für die Insel ungewöhnlich, aber für viele Städte auf dem Festland normal.

9-Euro-Ticket hat auf Sylt nicht für weniger Autoverkehr gesorgt

Aber zurück zum 9-Euro-Ticket. Der verbilligte Fahrschein hatte unter anderem das Ziel, mehr Menschen vom öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu überzeugen. Ist das auf der Insel Sylt gelungen? 24hamburg hat bei der Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG) nachgefragt. Eine Sprecherin teilt mit, auf Sylt konnte ein Zuwachs an Fahrgästen von circa 10 - 20 Prozent über den Aktionszeitraum festgestellt werden. Aufgrund dessen waren zusätzliche Busse im Einsatz.

„Der Verlagerungseffekt vom PKW in den Bus aufgrund des 9-Euro-Tickets ist zu gering und kaum spürbar, die Mehrverkehre sind offenbar hauptsächlich Gäste, die sowieso mit dem Bus fahren. Ein kostenfreier ÖPNV allein reicht nicht ausreicht, um den Individualverkehr zu vermindern.“, so die Sprecherin der SVG weiter. Es müsse auf Sylt an weiteren Stellschrauben gedreht werden, zum Beispiel höheren Parkgebühren und eingeschränktem Zugang mit Auto auf die Insel (Autos müssten auf dem Festland bleiben). Während bundesweit schon über die Nachfolge für das 9-Euro-Ticket diskutiert wird, sieht man bei der SVG keinen Bedarf für ein Nachfolgeticket.

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