1. 24hamburg
  2. Schleswig-Holstein

Autos oder Wanderdüne: Wer hat Vorfahrt auf Sylt?

Erstellt:

Von: Dagmar Schlenz

Kommentare

In List auf Sylt befindet sich das größte Wanderdünengebiet Europas. Die Sandberge bewegen sich langsam, aber sicher auf die Landesstraße zu. Soll man sie stoppen?

List/Sylt – Schadenseintritt in etwa 19 Jahren. So drückt es der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV.SH) nüchtern aus. Dann wird eine der insgesamt drei Wanderdünen bei List auf Sylt die Landesstraße 24 erreicht haben, die den nördlichsten Inselort mit dem Rest der Insel verbindet. Auf der Nordseeinsel beginnt die Suche nach Lösungen für dieses in Deutschland einzigartige Problem. Wer soll Vorfahrt bekommen auf Sylt: Autos oder die Wanderdüne?

Name:Lister Wanderdünen
Lage:Südwestlich von List auf der Nordseeinsel Sylt
Fläche:1796 Hektar
Höhe:Bis zu 30 Meter
Wandergeschwindigkeit:3 bis 4 Meter pro Jahr (Durchschnitt)

Wanderdünen in List auf Sylt: Einmalig in Deutschland

Superlative in List auf Sylt. Hier gibt es nicht nur den Lanserhof Sylt mit Europas größtem Reetdach, sondern im Listland auch das größte zusammenhängende Wanderdünengebiet in Europa. Insgesamt drei große Wanderdünen mit einer Höhe von bis zu 30 Metern bedecken eine Fläche von 1796 Hektar – das sind mehr als 2500 Fußballfelder. Die Dünenlandschaft ist geprägt von Veränderung. Heideflächen umgeben die riesigen Sandberge, von denen der größte etwa 1,5 Kilometer lang und 500 Meter breit ist.

Das gesamte Gebiet um die Wanderdünen steht seit 1923 unter Naturschutz, das Betreten ist verboten. Einen kleinen Einblick in die einmalige Natur bieten naturkundliche Führungen bis zum Fuß der Dünen, die das Naturgewalten-Erlebniszentrum regelmäßig anbietet. Interessierte erfahren etwas über die Tier- und Pflanzenwelt und über die Wanderung der Dünen. Denn in der Dünenlandschaft ist der Sand ständig in Bewegung. Bei Westwind wandern die Dünen Richtung Osten, je nach Wetterlage können es bis zu zehn Meter im Jahr sein. Die Dünen sind die einzigen in Deutschland, die noch frei wandern können. Noch.

Eine Straße mit Autos, rechts eine große Düne. Eine der Wanderdünen in List auf Sylt wird bald die Straße erreichen. Werden die Sandmassen den Autoverkehr verdrängen?
Eine der Wanderdünen in List auf Sylt wird bald die Straße erreichen. Werden die Sandmassen den Autoverkehr verdrängen? © Dagmar Schlenz

Wanderdünen in List auf Sylt: Naturphänomen stoppen?

Was tun, wenn der Sandberg die Straße erreicht? Denn östlich des Dünengebietes verläuft die Landesstraße 24 (L24), die Hauptverkehrsader der Insel. Über die L24 gelangen Einheimische und Gäste von List nach Westerland und weiter in den Süden der Insel bis nach Hörnum. Gerade mal 83 Meter ist eine der Wanderdünen noch von dieser Straße entfernt. Das hat der zuständige Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein gerade ausgemessen. Die bisherige Wanderung der Dünen kann man im Naturgewalten Erlebniszentrum in List verfolgen, das nicht nur bei Regen auf Sylt einen Besuch wert ist.

Bei einer durchschnittlichen Wandergeschwindigkeit von drei bis vier Metern pro Jahr bleiben noch etwa 19 Jahre, bis die Düne an der Landesstraße angekommen ist. Bei „ungünstiger Wetterlage“ können es aber auch zehn bis 15 Meter im Jahr sein. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird die Düne also nach und nach den Asphalt der L24 unter sich begraben. Schon jetzt werden Stimmen laut, die Dünen durch Bepflanzung zu stoppen. Strandhafer mit seinen bis zu 12 Meter langen Wurzeln kann die Wanderung aufhalten. Doch das wäre ein weiterer Eingriff in die Natur.

Wer soll auf Sylt Vorfahrt bekommen: Autos oder die Wanderdüne in List?

Die Zerstörung von Natur und Kultur lässt auf Sylt gerade die Wellen hochschlagen. Sylter sind wütend und empört über den illegalen Abriss des „Alten Gasthofes“ in List und wollen den Ausverkauf ihrer Insel nicht mehr länger hinnehmen. Die frei wandernden Dünen in List haben Seltenheitswert und sollten nicht durch Bepflanzung gestoppt werden, findet Karsten Reise. Der langjährige Chef der Wattenmeerstation am Alfred-Wegener-Institut in List spricht sich gegenüber dem Hamburger Abendblatt für den sorgsamen Umgang mit dem Naturphänomen „Wanderdüne“ aus.

Soll die Natur auf Sylt Vorfahrt bekommen, und nicht der Autoverkehr? Alternativen zur Bepflanzung gäbe es. Zum Beispiel der Ausbau der alten Militärstraße auf der Westseite des Naturschutzgebietes. Sie führt vorbei am ehemaligen Restaurant „Wonnemeyer“ in der Weststrandhalle und der Zufahrt zum Ellenbogen bis nach List. Allerdings ist die Straße in einem sehr schlechten Zustand, müsste verbreitert und aufwändig saniert werden. Strandhafer wäre da wohl deutlich billiger.

Kreative Option: Ein Tunnel für die Wanderdüne in List auf Sylt

Karsten Reise hat noch eine weitere Option ins Spiel gebracht, die aber ebenfalls nicht sehr kostengünstig sein dürfte: einen Tunnel für die Wanderdüne. Das klingt erstmal ähnlich kurios wie Schafe schubsen am Deich, aber beides ist bei näherer Betrachtung durchaus sinnvoll. Die Tunnel-Idee hat Reise schon vor einigen Jahren vorgestellt, unter anderem in der NDR-Sendung DAS! Der Tunnel – vielleicht sogar aus transparenten Materialien – sollte gebaut werden, bevor die Düne die Straße erreicht. Der Sand würde dann im Laufe der Zeit die Tunnelröhre bedecken, während der Verkehr ungestört unter der Wanderdüne hindurchfließen kann.

Ein einmaliges Projekt für ein einmaliges Naturphänomen. Das fand auch Antje-Marie Mischke, die 2021 auf Sylt ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvierte und bei einem Vortrag Reises von der Idee eines Tunnels für die Düne hörte. Mischke nahm Kontakt zu dem Projektentwickler Gerhard Koerver vom Hildener Planungsbüro Concept auf. Der arbeitete sich in das Thema ein und besuchte nach einigen Wochen mit Skizzen und Berechnungen im Gepäck die Nordseeinsel, wie Mischke in einem Beitrag für das gemeinnützige Online-Magazin DEMOS MAG erzählt.

Mobiler Tunnel für Wanderdüne in Sylt würde 15 Millionen Euro kosten

Dem Bauexperten Koerver schwebt eine mobile Bauweise aus Stahlelementen vor, die man schnell versetzen und auch wieder abbauen kann, wenn die Düne auf der Ostseite der Insel angekommen ist. Klingt nach einer innovativen Lösung, insbesondere weil Sylt in Zukunft mehr Nachhaltigkeit will. Die Kosten für so einen Tunnel schätzt Koerver auf 13 bis 15 Millionen Euro, wie das Hamburger Abendblatt berichtet. Ob das Land Schleswig-Holstein so viel Geld in die Hand nehmen wird, ist offen.

Die Sandvorspülungen, die die zeitweise durch Stürme vom Untergang bedrohte Insel Sylt schützen sollen, kosten immerhin auch jedes Jahr mehrere Millionen Euro. Und eine nicht befestigte Wanderdüne könnte zum Küstenschutz auf der Ostseite der Insel beitragen. Auf Nachfrage von 24hamburg.de erläutert der zuständige Landesbetrieb Verkehr, man werde im Dialog mit den anderen Beteiligten (Untere Naturschutzbehörde, Gemeinde, …) mittelfristig die möglichen Maßnahmen zusammenstellen und erörtern.

Auch interessant

Kommentare