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Nach illegalem Abriss: Der Ausverkauf von Sylt soll gestoppt werden

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Von: Dagmar Schlenz

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Steigende Immobilienpreise, minimale Strafen für illegale Abrisse: Bauen auf der Nordseeinsel Sylt ist ein gutes Geschäft. Insulaner fordern jetzt, den Ausverkauf zu stoppen.

Sylt – 30.000 Euro. So hoch ist voraussichtlich die Strafe, die der Eigentümer für den illegalen Abriss des „Alten Gasthofes“ in List auf der Nordseeinsel Sylt zahlen muss. Ein verschwindend geringer Betrag im Vergleich zu dem, was er mit dem Verkauf der Immobilie verdienen wird, die auf dem Grundstück geplant ist. Einer – in diesem Fall ein Sylter – gewinnt, die Insel Sylt verliert wieder ein Stück ihrer Geschichte. Viele Insulaner sind es Leid und wollen den Ausverkauf der „Perle der Nordsee“ stoppen. Erste Voraussetzungen dafür könnten bald geschaffen werden.

Name:Sylt (friesisch Söl, dänisch Sild)
Kreis:Nordfriesland
Fläche:99,14 km²
Einwohner:18.118 (2019) 183 Einwohner/km²
Pendler:Circa 4500

Urlaubs- und Investoren-Paradies Sylt: Kaum noch bezahlbarer Dauerwohnraum

Lange Strände, das weite Meer, frische Nordseeluft: die Insel Sylt ist schon seit Jahrzehnten ein beliebtes Ferienziel. Wurden die Gäste zunächst noch in den Schlafzimmern der Insulaner einquartiert, begann man in den 1980er-Jahren mit dem Bau von Ferienimmobilien. Das war schon damals ein lukratives Geschäft, und ist es bis heute geblieben. Immer noch steigen die Immobilienpreise auf Sylt, für ein Ein- oder Zweifamilienhaus liegt der Preis laut LBS-Immobilienmarktatlas 2022 im Durchschnitt bei 15.232 Euro pro Quadratmeter.

Auch die Mieten für Dauerwohnraum sind auf der Insel entsprechend hoch. Kaum ein Insulaner kann sich das noch leisten. Das Ergebnis: Abwanderung aufs Festland. Etwa 4500 Menschen pendeln täglich mit dem Zug über den Hindenburgdamm nach Sylt, um dort zu arbeiten. Ohne diese Pendler würde das tägliche Leben auf der Insel zum Erliegen kommen. Der Personalmangel macht Unternehmern und Gastronomen zu schaffen, in einem Restaurant auf Sylt sind schon die ersten Service-Roboter im Einsatz.

Ein Bagger auf den Trümmern eines Hauses und ein Transparent „Feierabend für den Ausverkauf unserer Insel“. Die Sylter fordern ein Ende des Ausverkaufs ihrer Insel – doch wie können Spekulanten noch gestoppt werden?
Die Sylter fordern ein Ende des Ausverkaufs ihrer Insel – doch wie können Spekulanten noch gestoppt werden? (24hamburg-Montage) © Dagmar Schlenz

„Keine Einwohner, nur Arbeitsbienen und betuchte Gäste“ – ist das die Sylter Zukunft?

Auf der Insel Sylt gibt es keine Geburtenstation mehr, kein Postamt, und auch viele Apotheken haben im letzten Jahr geschlossen. Sylter Institutionen wie die Eiche in Tinnum werden abgerissen und müssen Platz machen für Neubauten. Viele Menschen sehen schwarz für die Zukunft der Nordseeinsel. „Sylt wird zum Nordsee-Wunderland. Keine Einwohner, nur angekarrte Arbeitsbienen und gut betuchte Gäste mit ihren Luxus-Herbergen“, kommentiert F. Rudolf G. auf der Facebook-Seite des Bürgernetzwerkes „Merret reicht’s – aus Liebe zu Sylt“.

Sylt wird zum Nordsee-Wunderland. Keine Einwohner, nur angekarrte Arbeitsbienen und gut betuchte Gäste mit ihren Luxus-Herbergen.

F. Rudolf G. auf der Facebook-Seite von „Merret reicht’s“ zum Abriss des Alten Gasthofs

Silke von Bremen, Sylter Gästeführerin und Mitbegründerin von „Merret reicht’s“ spricht auf der Mahnwache für den „Alten Gasthof“ in List aus, was viele Sylter denken: „Es reicht uns, dass ihr die Grundlagen für eine intakte Sozialstruktur schreddert“. Sie fordert, dass Aktionen wie der illegale Abriss eines historischen Gebäudes ein dauerhaftes Nachspiel haben müssten, sonst könne man auf der Insel wirklich langsam einpacken. Das Ziel der Einheimischen ist klar: Die Sylter wollen eine Geisterinsel verhindern.

Stadtentwickler mahnt: „Ohne Umdenken bald kein normaler Lebensraum mehr auf Sylt“

Auch externe Berater sehen die Entwicklung auf der Promi-Insel Sylt kritisch. Uwe Mantik, Stadtentwickler bei der CIMA in Lübeck, hat sich die aktuelle Lage auf Sylt genau angesehen. Die Gemeinde Sylt hatte bei seiner Firma einen städtebaulichen Entwicklungsplan beauftragt. „Wir haben diese Analysen schon für einige Destinationen gemacht, aber was wir auf Sylt gesehen haben, hat uns umgehauen“, erzählt Mantik bei einer Bürgerversammlung auf Sylt.

In seinem „Beherbergungskonzept für Sylt“ findet der Experte klare Worte: Sylt ist gekippt, was das Verhältnis zwischen Dauerwohnraum und Ferienwohnungen angeht. Ohne Umdenken gäbe es bald keinen normalen Lebensraum mehr, Sylt würde zum Centerpark, wo man Urlaub machen könne, aber niemand mehr dauerhaft wohne. Als eine Gegenmaßnahme empfiehlt Mantik der Gemeinde, keine zusätzlichen Ferienimmobilien mehr zu genehmigen.

„Sylt ist kein Wirtschaftsunternehmen“: Beherbergungskonzept soll die Wende einleiten

Nehmen Sylter Politikerinnen und Politiker die Forderungen von Einheimischen und Experten ernst? Zumindest in der Gemeinde Sylt, zu der neben Westerland auch die Orte Tinnum, Keitum, Morsum, Archsum, Rantum und Munkmarsch gehören, scheint es so. Alle elf Mitglieder des Bauausschusses der Gemeinde Sylt haben dem Beherbergungskonzept bereits am 12. September 2022 zugestimmt. In der Sitzung betont Bürgermeister Nikolas Häckel: „Sylt ist kein reines Wirtschaftsunternehmen, in das investiert wird, um einen möglichst hohen Ertrag zu erwirtschaften, sondern eine Heimat ...“

Nach der weitreichenden Entscheidung tat sich allerdings lange nichts, und das Bürgernetzwerk „Merret reicht’s“ äußerte auf Facebook die Befürchtung, das Konzept könne in der Schublade verschwunden sein. Doch siehe da: In der ersten Sitzung des Bauausschusses am Montag, dem 9. Januar 2023 stand nicht nur eine Bauvoranfrage für den Wiederaufbau der durch ein Feuer zerstörten „Badezeit“ auf der Tagesordnung. Es gab auch einen Bericht über den Status des Beherbergungskonzeptes.

Der Bereich Ortsentwicklung der Gemeindeverwaltung Sylt hatte in den vergangenen Monaten den Auftrag, die Auswirkungen 
auf die bestehenden Bebauungspläne zu prüfen und eine Umsetzungsstrategie für das Konzept zu entwickeln. „Die Umsetzungsstrategie ist fast fertig, wird in Kürze mit dem Kreis Nordfriesland abgestimmt und soll im März der Gemeindevertretung zur Beschlussfassung vorgelegt werden.“, so Bürgermeister Häckel gegenüber 24hamburg.de. Mit einem entsprechenden Beschluss könnte auf Sylt die entscheidende Wende in der Baupolitik eingeleitet werden.

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