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„Negerdorf“: Politik streitet über Umbenennung von Siedlung in Glinde

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Von: Kevin Goonewardena

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In Glinde ist ein Streit um die Bezeichnung einer Siedlung als „Negerdorf“ entbrannt. Haben möchte den Namen niemand – doch schnell abschaffen wollen ihn nicht alle Parteien.

Glinde/Hamburg – Unfassbare Namens-Altlast in Schleswig-Holstein: Im südholsteinischen Glinde (Kreis Stormarn) streiten sich die Grünen und die CDU und die SPD um die Umbenennung einer Siedlung. Die trägt nämlich den hässlichen Namen: „Negerdorf.“ Zumindest ist das so zu lesen auf zwei silbernen Tafeln, die zum sogenannten Buchdenkmal gehören; ein im Wohngebiet an einem Wanderweg aufgestellten Denkmal, das an die Geschichte des Heereszeugamtes erinnert.

Die Grünen wollen die Bezeichnung für die angrenzende Siedlung aus sieben Reetdachhäusern mit 24 Wohnungen sofort von den Tafeln entfernen lassen. CDU und SPD haben es da nicht so eilig, wollen lieber in Ruhe diskutieren. Nun haben sich die Parteien in den Haaren.

Name:Glinde
Fläche:11,21 km²
Einwohner:rund 18.300 (Dezember 2021)
Kreis:Stormarn

„Negerdorf“ in Glinde: CDU und SPD haben es bei Umbenennung nicht so eilig wie Grüne

„Ich werfe CDU und SPD keine Böswilligkeit vor, wohl aber Gedankenlosigkeit“, sagt Wolf Tank. Der 75-Jährige hatte 1983 den Ortsverband der Grünen gegründet und ist aktuell dessen stellvertretender Vorsitzender. Vertreter der beiden angesprochenen Parteien wehren sich, kritisieren unter anderem, dass die Grünen zu dem Sachverhalt eine namentliche Abstimmung gefordert hatten. „Es ging nur darum, uns zu brandmarken“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank Lauterbach.

Für den Namen spricht sich dennoch weder seine Partei, noch die CDU aus. Beide Parteien lehnen jedoch eine „Hauruckaktion“, wie es Matthias Sacher, Vorsitzender des Kulturausschusses und CDU-Mitglied, ausdrückt, ab. „Zum Beispiel, wenn man mit einer Flex die Buchstaben herausschneidet“, gab Sacher gegenüber der Tageszeitung Hamburger Abendblatt ein Beispiel für seiner Meinung nach vorschnelles Handeln.

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Glindes Ex-Bürgermeister mit Alternativvorschlag für Siedlung

In Zeiten, in denen bewusster mit Sprache umgegangen wird, und etwa auch die Hansestadt Hamburg in diesem Jahr Straßennamen mit Nazi-Verbindung umgetauft hat, ist aber klar: Das geht nicht. Der frühere Bürgermeister von Glinde, Hans-Peter Busch, findet ebenfalls, dass die Bezeichnung „Negerdorf“ aus heutiger Sicht nicht mehr tragbar sei. Er schlägt vor den Bereich der Siedlung auf den Tafeln „Oher Weg“ zu nennen, so auch der offizielle Name. Auch den Zusatz „ehemaliges Negerdorf“ könne er sich vorstellen.

Das Denkmal gibt es seit 2013, der Begriff „Negerdorf“ ist offenbar Niemandem aufgefallen. Der Begriff ist auch aktenkundig vermerkt. So gibt es, berichtet die Hamburger Zeitung, etwa in den Akten des Landesbauamtes Lübeck aus dem Jahre 1961.

Ein Autobahnschild mit mehreren Orten, darunter die Stadt Glinde in Schleswig-Holstein
Die Autobahnausfahrt der Stadt Glinde in Schleswig-Holstein. Eine Siedlung der Stadt trägt den umstrittenen Namen „Negerdorf“. Die Grünen wollen den Namen schnellstmöglich ändern. © imago

„Negerdorf“: Ursprung der Bezeichnung unklar

Wie die Siedlung zu ihrem Namen gekommen ist, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Etwa die, dass sich der Name von dem schwarzen Tarnanstrich ableite, mit dem im Krieg Häuser zum Schutz vor Bombenangriffen bemalt wurden. Da die Siedlung in sich geschlossen wirkt, erinnert sie manche auch an einen Kraal (Afrikaans) – die Bezeichnung für eine kreisförmige Siedlung, heute gebräuchlicher für kreisrunde Viehgehege. In Südafrika findet sich der Begriff heute noch Ortsnamen.

Woher die Bezeichnung „Negerdorf“ kommt, ist zwar nicht klar, der Volksmund, so schlussfolgert das Abendblatt habe bei der Entstehung und Verbreitung wohl eine wichtige Rolle gespielt.

Kulturausschuss Glinde nimmt sich Bezeichnung „Negerdorf“ im Februar 2023 an

Erst Anfang Februar 2023 werden sich die Parteien erneut mit der Namensänderung der Siedlung „Negerdorf“ beschäftigen. SPD und CDU haben das Thema in den zuständigen Kulturausschuss Glindes verwiesen. Der kommt erst wieder am 6. Februar kommenden Jahres zusammen.

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