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„Eine Schweinerei“: Illegaler Abriss des „Alten Gasthofes“ auf Sylt schlägt hohe Wellen

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Von: Dagmar Schlenz

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Mit einer Trauerfeier verabschiedeten sich die Sylter vom „Alten Gasthof“ in List – und fordern nach dem illegalen Abriss Konsequenzen für Investoren.

List/Sylt – Blumen, Grablichter, Trauerkarten – die Sylter nehmen Abschied. Nicht von einem geliebten Menschen, sondern von einem Stück ihrer Geschichte. Rund 500 Menschen haben sich am 8. Januar 2023 zu einer Mahnwache in List auf Sylt versammelt. Ihre Wut und ihre Empörung über den Abriss des „Alten Gasthofes“ in List sind groß. Das alte Friesenhaus, in dem sich bis 2021 der „Alte Gasthof“ befunden hatte, war fast 400 Jahre alt. Jetzt sind nur noch ein paar Trümmerreste von dem historischen Gebäude geblieben. Die Sylter fordern Aufklärung durch die Politik und Konsequenzen für Investoren.

Name:Alter Gasthof
Adresse:Alte Dorfstraße 5, 25992 List auf Sylt
Baujahr:1650
Gasthof seit:1804
Abriss:30. Dezember 2022

„Alter Gasthof“ in List: Warum konnte der illegale Abriss nicht gestoppt werden?

Am 30. Dezember 2022 rückten die Bagger an und begannen mit dem Abriss des historischen Gebäudes in der Alten Dorfstraße 5 in List auf Sylt. Im Frühjahr 2021 hatte der „Alte Gasthof“ den Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer wollte das alte Friesenhaus eigentlich umbauen, geplant war die Umwandlung des Gastraums in ein Ferienapartment. Doch die Gemeinde genehmigte die entsprechende Bauanfrage nur unter dem Vorbehalt, es müsse Dauerwohnraum geschaffen werden.

Viel lukrativer sind bei den steigenden Immobilienpreisen auf Sylt allerdings Ferien- und Zweitwohnungen. War das der Grund für den Abriss des „Alten Gasthofes“? Eine Genehmigung dafür lag nicht vor – und trotzdem hat der Bürgermeister der Gemeinde List die Zerstörung des alten Gebäudes nicht verhindert. Ronald Benck ist am 30. Dezember persönlich anwesend gewesen und hatte versucht, über die Denkmalschutzbehörde den Abriss zu stoppen. Doch viele Menschen fragen sich, warum er nicht einfach die Polizei gerufen hat.

Tulpensträuße und ein Transparent an einem Bauzaun, dahinter ein Bagger und Container auf Trümmern. Trauerfeier für ein historisches Gebäude: Sylter protestieren gegen den Abriss des „Alten Gasthofes“ in List.
Trauerfeier für ein historisches Gebäude: Sylter protestieren gegen den Abriss des „Alten Gasthofes“ in List. © Dagmar Schlenz

Abriss „Alter Gasthof“ in List auf Sylt: „Mutwillige Zerstörung von Kulturgut“

Auf der Trauerfeier für den „Alten Gasthof“ am 8. Januar 2023, die von verschiedenen Sylter Vereinen, Netzwerken und Parteien organisiert wurde, meldete sich zunächst der ehemalige Betreiber Manfred Koch zu Wort. Ihm war sein Ärger über den Abriss deutlich anzumerken. „Das ist ein Statement von jemandem, der uns sagt: Ihr könnt mich alle mal ...“, sagte er unter dem Applaus der rund 500 anwesenden Sylterinnen und Sylter. „Geschichte und Geschichten wurden im Alten Gasthof lebendig. Da werden Gefühle wach, und wer sowas zerstört, der hat diese Gefühle nicht“, so Koch weiter.

Auch Silke von Bremen, Sylter Gästeführerin und Mitbegründerin des Bürgernetzwerkes „Merret reicht’s – aus Liebe zu Sylt“, ist empört. Dies sei eine „mutwillige Zerstörung von Kulturgut“, die ein dauerhaftes Nachspiel haben müsse. Im Hinblick auf die Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein im Mai 2023 merkte sie an, man werde genau hinsehen, welche Maßnahmen die Politiker nun ergreifen würden. Bisher, so von Bremen weiter, würden durch die Kommunalpolitik zu viele Anreize für Investoren geschaffen, es gäbe keine Konsequenzen.

Eine Frau am Mikrofon hält eine Rede, um sie herum Menschen, im Hintergrund Häuser und Bauzäune. Silke von Bremen, Mitbegründerin des Bürgernetzwerkes „Merret reicht’s“, bezeichnet den Abriss des „Alten Gasthofes“ in List als „mutwillige Zerstörung von Kulturgut“
Silke von Bremen, Mitbegründerin des Bürgernetzwerkes „Merret reicht’s“, bezeichnet den Abriss des „Alten Gasthofes“ in List als „mutwillige Zerstörung von Kulturgut“. © Dagmar Schlenz

Abriss „Alter Gasthof“ in List: „So eine Schweinerei darf nie wieder passieren“

Maren Jessen, Vorsitzende des Vereins Sölring Foriining, sprach von einer Respektlosigkeit und forderte von Politikerinnen und Politikern: „Machen Sie sich kundig, bevor Sie sich in einen Gemeinderat wählen lassen. Wer B-Pläne (Anm. der Redaktion: Bebauungspläne) aufstellt, muss genau wissen, was er tut!“ Der Erhalt von Kulturgütern wie dem „Alten Gasthof“ in List oder dem Steinzeitgrab Denghoog in Wenningstedt müsse in Zukunft besser berücksichtigt werden.

Hans-Georg Hostrup von der IG Baupflege stellte – wie viele auf Sylt – die Frage, warum der Abbruch nicht verhindert wurde. Hostrup deutete auf das Trümmerfeld hinter sich und sprach dabei von der „Verachtung gegenüber der friesischen Kultur“, die der Abriss zum Ausdruck bringe. „Das hier schlägt dem Fass den Boden aus“, fügte er hinzu. Man dürfe dem Eigentümer jetzt auf keinen Fall eine Baugenehmigung nach Wunsch erteilen. „So eine Schweinerei darf nie wieder passieren“, schloss Hostrup seine Rede.

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Nach illegalem Abriss des „Alten Gasthofes“: Bürgermeister erstattet Anzeige

Bagger reißen ohne Genehmigung ein historisches Haus ab. Das waren nicht etwa Dreharbeiten für eine neue Folge der Sylter Krimi-Reihe „Nord Nord Mord“, sondern bittere Realität. Ronald Benck, Bürgermeister der Gemeinde List, muss sich nun der Frage stellen, warum er den Abriss des „Alten Gasthofes“ nicht verhindert hat. Er war am 30. Dezember 2022 vor Ort. Er wusste, dass es keine Abrissgenehmigung gab. Und trotzdem hat er nicht die Polizei verständigt.

Es habe keinen Polizeieinsatz am „Alten Gasthof“ gegeben, bestätigt eine Sprecherin der Polizeidirektion Flensburg. Da es sich bei dem Abriss aber um einen Verstoß gegen die Erhaltungssatzung der Gemeinde List gehandelt hat, erstattete Bürgermeister Benck nun Anzeige gegen den Eigentümer Andreas Kammholz. Der befindet sich noch bis zum 16. Januar 2023 im Urlaub, wie shz.de berichtet. Für den illegalen Abriss droht ihm eine Geldstrafe zwischen 30.000 und 50.000 Euro.

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