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Punks auf Sylt: Aussteiger und Anarchos chillen und feiern bei den Reichen

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Von: Dagmar Schlenz

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Die Punks in Westerland auf Sylt gehören seit Pfingsten zum Stadtbild. Während Geschäftsleute klagen, chillen Aussteiger und Anarchos zwischen Insel-Touris.

Westerland – Wer mit dem Personenzug auf die Nordseeinsel Sylt reist, der wird in Westerland am Bahnhof zunächst von den knallgrünen „Reisenden Riesen im Wind“ des Künstlers Martin Wolke empfangen. Noch bunter wird es zurzeit ein Stück weiter, am Brunnen bei der „Dicken Wilhelmine“ Dort haben sich seit Pfingsten 2022 die Punks häuslich eingerichtet, die mit dem 9-Euro-Ticket auf die Insel gekommen sind.

Nachdem eine 24Hamburg-Redakteurin bereits am Pfingstsamstag vor Ort war, machte sie sich fast zwei Wochen später erneut ein Bild von der Lage an der „Dicken Wilhelmine“ und sprach mit einigen der anwesenden Punks.

Name:Westerland (Friesisch: Weesterlön)
Einwohner:9032 (Stand 2007)
Gemeinde:Sylt / Ortsteil Westerland
Postleitzahl:25980
Bürgermeister:Nikolas Häckel (parteilos)

Punks auf Sylt: „Toll, dass wir hier feiern können“

Viele der Punks, die Sylt zu Pfingsten mit dem 9-Euro-Ticket geentert hatten, sind bereits wieder abgereist. Doch es kommen immer wieder neue auf die Insel, so wie Tobias und Lena aus Dortmund. Auch der Zootierpfleger und die Tätowiererin haben sich extra auf den langen Weg nach Sylt gemacht, weil „die Reichen hier nicht die biertrinkenden 9-Euro-Billig-Touristen haben wollten.“ Sie finden es aber super, wie entspannt hier alles ist: „Toll, dass wir hier feiern und unsere Musik hören können“, freut sich Lena.

Punks auf Sylt: Auch Tobias und Lena sind mit dem 9-Euro-Ticket auf die Nordseeinsel gekommen
Punks auf Sylt: Auch Tobias und Lena sind mit dem 9-Euro-Ticket auf die Nordseeinsel gekommen. © Dagmar Schlenz

Scheiße sei aber, so ergänzt die Tätowiererin, dass sich hier einige so asozial benehmen würden. Die beiden gepiercten und tätowierten Punks haben wie viele am Hauptstrand in einem der Strandkörbe übernachtet. Jetzt müssen sie zum Bahnhof, weil es nur an diesem Tag eine gute Zugverbindung nach Dortmund gibt. „Spider“ kommt zu ihnen, um sich zu verabschieden. Der junge Mann mit dem auffälligen Spinnennetz-Tatoo behauptet von sich, er wäre diesen Sommer der erste Punk auf Sylt gewesen.

Punks auf Sylt: „Kann nicht in einer Wohnung leben“

„Spider“, der gebürtig aus Moskau stammt und in Frankfurt aufgewachsen ist, lebt schon lange auf der Straße. Auf Sylt habe man ihm einen Job in einer Kneipe angeboten, sogar eine Wohnung könne er bekommen. Über den Job würde er nachdenken, obwohl er wegen einer Fußoperation nicht gut laufen könne. Aber eine Wohnung? „Das ist nichts für mich. Ich kann einfach nicht in einer Wohnug leben.“

Selbst bezeichnet er sich als Anti-Kapitalist und zeigt seinen Mitgliedsausweis bei der APPD, der Anachrchistischen Pogo-Partei Deutschlands. Neben dem Logo der Partei prangt das Bild eines Gorillas. Die Promi-Insel Sylt muss er wegen einer persönlichen Angelegenheit kurz verlassen. Aber er kommt wieder. Schließlich sind die Chaostage 2022 auf Sylt für Mitte Juli angekündigt, und außerdem soll seine Lieblingsband „Alarmsignal“ ein Konzert in Westerland geben.

Weitgehend friedliches Miteinander der Punks in Westerland

Bereits am Vormittag fließt bei der „Dicken Wilhelmine“ reichlich Alkohol, volle und leere Bierdosen stehen aufgereiht am Brunnen. Aber die Stimmung ist friedlich und entspannt. Der Punk-Sound aus der Bluetooth-Box wird abgelöst durch Akkordeon-Klänge. Während einer der Punks versunken eine Melodie spielt, schunkeln die anderen fröhlich mit. Warum sie sich gerade hier treffen? „Keine Ahnung“, sagt eine junge Punkerin, die gerade versucht, etwas Geld zu schnorren. „Es hieß nur: Wenn du auf Sylt bist, dann komm zum Brunnen.“

Ein junger Mann mit Bart und einer roten Blume hinter dem Ohr spielt an einem Brunnen auf dem Akkordeon, weitere junge Männer liegen und sitzen lachend um ihn herum. In Westerland auf Sylt feiern Punks und Aussteiger am Brunnen bei der „Dicken Wilhelmine“.
In Westerland auf Sylt feiern Punks und Aussteiger am Brunnen bei der „Dicken Wilhelmine“. © Dagmar Schlenz

Irgendjemand aus der Gruppe steht immer mit einem Blechnapf in der Fußgängerzone und fragt die Passanten nach Kleingeld. Viele Urlauberinnen und Urlauber werfen etwas in die Büchse. Ein älterer Herr fotografiert mit dem Handy, wie seine Frau sich mit einem der Punker unterhält. Hat Westerland eine neue Touristen-Attraktion?

Punks auf Sylt: Geschäftsleute sind genervt und fordern Konsequenzen

Während Urlauber Fotos machen und die Punks ihren Sommer auf Sylt sichtlich genießen, werden kritische Stimmen immer lauter. Schon das Pfingswochenende auf Sylt sei die „Hölle“ gewesen, so einige Geschäftsleute und Restaurantbetreiber. Umsätze würden sinken, Touristen verängstigt und es gäbe jede Menge Dreck. Sie fordern jetzt Konsequenzen. Daher hat sich der Hauptausschuss der Gemeinde Sylt mit dem neuen Problem beschäftigt, wie die Sylter Rundschau berichtet.

Eine Lösung scheint aber noch nicht in Sicht zu sein. Und für das kommende Wochenende haben sich erneut etwa 400 Punks angekündigt. Der Filialleiter des Edeka-Marktes „Biallas“ direkt am Brunnen, an dem sich die Punker tagsüber bevorzugt aufhalten, wollte sich derweil zur aktuellen Lage nicht äußern. Einige der Punks decken sich dort mit Getränken und Lebensmitteln ein. Eine Mitarbeitern sagt lediglich lapidar: „Alles okay bei uns.“

Konflikte drohen: Auch die Nazis kommen nach Sylt

Während man auf Sylt noch darüber nachdenkt, wie man mit den Punks in der Fußgängerzone umgehen soll, planen auch die Nazis, der Nordseeinsel einen Besuch abzustatten. Die Neonazi-Partei „Die Rechte“ hat für Ende Juli zu einer Demonstration auf Sylt aufgerufen, auch Gegenproteste aus der Linken Szene sind bereits angekündigt.

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Damit sind Konflikte für den Sommer zu befürchten, in dem sich doch viele einfach nur auf ihren Urlaub 2022 auf Sylt gefreut hatten. Zumindest das befürchtete Verkehrschaos durch eine angekündigte Vollsperrung der L24 auf Sylt zur Hauptsaison bleibt aber aus, die Bauarbeiten wurden in den Herbst verschoben.

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