Coronavirus in Schlachthöfen

Skandal-Schlachthof bei Hamburg wehrt sich gegen Coronavirus-Kritik

  • Laura-Marie Löwen
    vonLaura-Marie Löwen
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In einem großen Schlachtbetrieb in Schleswig-Holstein breitet sich das neuartige Coronavirus in rasantem Tempo aus. 137 Mitarbeiter haben sich mittlerweile infiziert, die Produktion bleibt vorerst eingestellt. Schlachthofbetreiber Vion äußert sich jetzt mit einem Statement zu den Vorwürfen.

  • Schlachthofbetreiber Vion hat den Betrieb im Schlachtwerk Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) eingestellt.
  • Der Grund: 51 Mitarbeiter hatten sich mit dem neuartigen Corona-Sars-Cov-2-Virus infiziert - mittlerweile ist die Zahl auf 137 Infektionen angestiegen.
  • Die angesteckten Angestellten befinden sich in Quarantäne - Schlachthofbetreiber Vion reagiert jetzt auf Kritik.

Update vom 14. Mai, 14:57: Der Schlachthofbetreiber Vion hat sich nun zu dem Coronavirus-Vorfall im Schlachthof Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) geäußert. Mittlerweile wurden 137 Mitarbeiter und Angehörige (Stand 14. Mai) positiv auf Covid-19 getestet. Gegenüber dem NDR sagte der Vion-Konzern, dass es die Coronavirus-Symptome der Angestellten ernst genommen hätte. Demnach seien Mitarbeiter nicht dazu gezwungen worden, trotz Krankheitsanzeichen weiterzuarbeiten. „Im Gegenteil: Als sich die ersten beiden Mitarbeiter mit Symptomen gemeldet haben, sind sofort die erforderlichen Gesundheitsmaßnahmen eingeleitet worden und die Mitarbeiter haben sich in ärztliche Betreuung begeben“, versicherte Vion.

Dem NDR hingegen lagen andere Informationen vor: Demnach soll der Vion-Schlachtbetreiber seine Angestellten trotz Coronavirus-Symptomen mit Druckmitteln dazu bewegt haben, ihre Arbeit fortzusetzen. Tatsächlich wollte Vion die Quarantäne seiner negativ getesteten Mitarbeiter sogar frühzeitig beenden und drohte dem Kreis Steinburg, wo ein Großteil der Mitarbeiter in einer Sammelunterkunft lebt, mit einer Klage. Die Zeichen stehen jetzt allerdings eher wieder deeskalativ - Vion stünde einem konstruktiven Austausch mit Behörden. Einige negativ getestete Mitarbeiter sollen unter Einhaltung eines abgestimmten Hygienekonzepts voraussichtlich kommende Woche wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Auch die Bundesregierung reagierte auf die zahlreichen Coronavirus-Fälle in Schlachthöfen und plant, am kommenden Montag, 18.05., über neue Regelungen in der Fleischindustrie zu sprechen. Angela Merkel verwendete in dem Zusammenhang mit den Vorkommnissen die Worte „erschreckende Nachrichten“.

Im Vion-Schlachthof Bad Bramstedt haben sich 137 Mitarbeiter und Angehörige mit dem Coronavirus infiziert. Der Betreiber weist Vorwürfe von sich.

Coronavirus in Schlachthof bei Hamburg: Drastische Infektionszahlen - Billigfleisch um jeden Preis?

Update vom 11. Mai, 10:30: Wie der NDR berichtet, steigen die Zahlen der Coronavirus-Infektionen im Fall Bad Bramstedt weiter drastisch an: Insgesamt wurden mittlerweile 128 Mitarbeiter des Vion-Schlachthofs positiv auf Covid-19 getestet. Damit überschreitet der Kreis Steinburg eine bundesweit festgelegte Coronavirus-Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche - denn fast alle Mitarbeiter des betroffenen Schlachthofs leben in einer Sammelunterkunft in Kellinghusen. Die Konsequenz: Weitere Schutzmaßnahmen müssen ergriffen werden.

Das Bundesland Schleswig-Holstein reagiert auf den Vorfall mit der verstärkten Durchführung von Coronavirus-Tests bei Angestellten weiterer Schlachtbetriebe - insgesamt gebe es in Schleswig-Holstein etwa 50 Schlachtbetriebe, sechs davon seien in der Größe vergleichbar mit dem Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt.

Die Zahl der infizierten Mitarbeiter im Vion-Schlachthof steigt weiter an - Kritiker bemängeln den Preisdruck in der Fleischindustrie. (24hamburg.de-Montage)

Der erneute Anstieg von Coronavirus-Infektionen bei den Mitarbeitern des Bad Bramstedter Schlachthofs zieht weitere Kritik mit sich. Die Mopo berichtet, dass insbesondere Gewerkschaften laut werden: Sie kritisierten die schlechten Arbeitsbedingungen und den massiven Preisdruck in der Fleischindustrie. „In Schlachthöfen muss deutlich mehr unternommen werden, um die Risiken für Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu reduzieren“, so Anja Piel vom DGB. Freddy Adjan von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) alamiert: „Diese Krise macht deutlich, wie überfällig es ist, auf Stopp zu drücken und den ruinösen Preiskampf beim Fleisch zu beenden.“

Und auch Politiker lassen das Geschehen nicht unkommentiert - so spricht Schleswig-Holsteins SPD-Fraktionschef Ralf Stegner auf Twitter von „miesem Billigfleisch" und „katastrophalen Umständen in großen Schlachthöfen“.

Coronavirus-Hotspot bei Hamburg: Hier tummeln sich die Viren

Erstmeldung vom 5. Mai, 14:34: Bad Bramstedt - Obwohl gerade über rückgängige Coronavirus-Infektionen in Norddeutschland gesprochen wird, treibt die Pandemie weiterhin ihr Unwesen. Das zeigt der Fall Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein: In einem Schlachthof der Vion Food Group haben sich in kürzester Zeit 51 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Die Folge: Der Betrieb wurde eingestellt. Die Mitarbeiter befinden sich unterdessen in Quarantäne. Der Coronavirus-Vorfall im Vion-Schlachthof bringt außerdem viele kritische Stimmen mit sich.

Coronavirus in Bad Bramstedter Schlachthof: Tests bei Mitarbeitern

Nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks (NDR) wohnen 49 Personen der infizierten Mitarbeiter in einer Arbeiterunterkunft in Kellinghusen, ebenfalls in Schleswig-Holstein. Sie seien über einen Subunternehmer angestellt. Die zwei weiteren Angestellten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, seien direkt über Vion beschäftigt. Alle Mitarbeiter des Schlachthofes in Bad Bramstedt befinden sich nun aus Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen in ihren Wohnungen in Quarantäne. Während dieser Zeit stelle der Arbeitgeber ihnen unter anderem Lebensmittel bereit.

Im Kellinghusener Wohnblock, in welchem ein Großteil der Schlachthof-Mitarbeiter lebe, werden nun weiterhin regelmäßig Coronavirus-Tests durchgeführt - zweimal täglich. Der Kreis Steinburg (Schleswig-Holstein) beauftragte hierfür einen Sicherheitsdienst. „Viele der Bewohner waren froh, dass man endlich getestet worden ist, damit man Gewissheit hat, ob man positiv ist. Interessanterweise waren viele symptomatisch. Das heißt, sie hatten die Anzeichen einer Corona-Erkrankung geäußert“, so Landrat Torsten Wendt zum NDR.

Außerdem solle regelmäßig überprüft werden, ob sich die Bewohner der Kellinghusener Arbeiterunterkunft an die Quarantäne-Vorschriften halten. Insgesamt leben in der ehemaligen Kaserne in Schleswig-Holstein etwa 110 Personen. Sie dürften sich auf Freiflächen vor ihren Wohngebäuden bewegen, so Wendt. Kritiker beanstanden jedoch schon seit längerer Zeit die beengte Wohnsituation in dem Gebäudekomplex.

Bad Bramstedt: Der Schlachthofbetreiber Vion hat die Produktion gestoppt, nachdem 51 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Coronavirus in Bad Bramstedter Schlachthof: Kritik an beengter Wohnsituation der Arbeiter

Dass sich das Coronavirus sich so rasant im Schlachtbetrieb von Vion ausgebreitet hat, wird von Skeptikern mit der beengten Wohnsituation der Arbeiter des Schleswig-Holsteiner Betrieb begründet: „Man wohnt beengt, man fährt zusammen zur Arbeit. Man sitzt eng zusammen“, so Anja Halbritter. Sie gehört der Initiative „Stützkreis: Wohnen arbeiten mit Werkvertrag in Kellinghusen“ an und bietet den Arbeitern ihre Hilfe an.

Der Arbeitgeber Vion fühle sich aber nicht für die Wohnsituation der über Subunternehmen eingestellte Mitarbeiter verantwortlich. „Wir müssen mit den Subunternehmern vereinbaren, dass die ordentlichen Standards der Unterkunft gewährleistet sind. Und dass sie überprüft werden können.“ so Heinz Schweer (Direktor Landwirtschaft Vion). Auch Vorwürfe und Kritik über mögliche Hygienemängel im Werk weist Vion von sich - Schutzmaßnahmen seien seit Beginn der Coronavirus-Krise ergriffen worden. Dazu gehörten nach Angaben von Schweer Sicherheitsabstände, Schutzkleidung und -vorrichtungen.

Unklar ist, wann der Betrieb im Schlachthof Bad Bramstedt wieder aufgenommen wird. Der Konzern Vion strebt aber nach eigenen Angaben eine schnellstmögliche Wiederaufnahme der Produktion in Schleswig-Holstein an. Dem Nachrichtenportal agrarheute.com zufolge plant die Vion Food Group, die Nutztiere in den kommenden Wochen an anderen Standorten zu schlachten. Rund 3.200 Rinder werden pro Woche von norddeutschen Landbetrieben an den Schlachthof geliefert. 

Rubriklistenbild: © Maja Hitij/dpa/picture alliance

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