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Begegnungszonen sind umstritten – Bunte Punkte auf Sylt sollen trotzdem bleiben

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Von: Dagmar Schlenz

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Nach einem Jahr Testphase sollen die Begegnungszonen in Westerland nun eine dauerhafte Einrichtung werden. Trotz Skepsis bei Passanten stimmt die Gemeinde Sylt zu.

Westerland/Sylt – Sie wurden von vielen bestaunt und belächelt: die gelben und roten Punkte auf den Straßen von Westerland auf Sylt. Die bunten Punkte sind Teil eines Verkehrsversuchs auf der Nordseeinsel, den sogenannten Begegnungszonen. Diese Zonen sollen nun ein dauerhafter Bestandteil der Westerländer Innenstadt werden – das hat nach Zustimmung durch den Verkehrsausschuss der Gemeinde Sylt nun auch der Ortsbeirat von Westerland entschieden.

Name:Westerland (Friesisch: Weesterlön)
Einwohner:9032 (Stand 2007)
Gemeinde:Sylt / Ortsteil Westerland
Postleitzahl:25980
Bürgermeister:Nikolas Häckel (parteilos)

Begegnungszonen auf Sylt: Gegenseitige Rücksichtnahme statt Ampeln

Gerade während der Hauptsaison ist die Verkehrsbelastung in der Westerländer Innenstadt teilweise extrem hoch. Kein Spaß für Autofahrer, Radfahrerinnen und Fußgänger. Um den Verkehrsfluss zu verbessern und Wartezeiten zu reduzieren, hat die Gemeinde Sylt im Jahr 2021 einen Verkehrsversuch gestartet. An einigen Verkehrsknotenpunkten wurden die bestehenden Ampeln ausgeschaltet.

Stattdessen sollte auf der Promi-Insel Sylt die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer gefördert werden. Zu diesem Zweck sind im September 2021 in Westerland drei sogenannte Begegnungszonen eingerichtet worden:

Zur „Erhöhung der Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer“ wurden in den Begegnungszonen rote und gelbe Punkte auf die Fahrbahn gemalt. Das Projekt, für das Kosten von etwa 11.000 Euro entstanden sein sollen, hat damals diverse Kritiker auf den Plan gerufen. So thematisierte Mario Barth die vermeintliche Steuerverschwendung auf Sylt in seiner Sendung „Mario Barth deckt auf!“ am 06. April 2022. Der Comedian machte sich über die „Achtsamkeitspunkte“ lustig, für die – trotz Nothaushalt der Gemeinde Sylt – „öffentliche Gelder mit vollen Händen zum Fenster herausgeworfen wurden.“

Eine Straße mit gelben und roten Punkten, dahinter das Rathaus von Westerland. Die Gemeinde Sylt hat entschieden: Die umstrittenen Begegnungszonen in Westerland sollen bleiben.
Die Gemeinde Sylt hat entschieden: Die viel diskutierten Begegnungszonen in Westerland sollen bleiben. © Dagmar Schlenz

Begegnungszonen auf Sylt: Passanten skeptisch – Polizei sieht Projekt positiv

Während man sich bei der Einführung von kostenlosem WLAN auf Sylt wohl weitestgehend einig sein dürfte, ist der dauerhafte Erhalt der Begegnungszonen durchaus umstritten. Obwohl man im TV und im Netz über die bunten Punkte spottete, wurde der am 01. September 2021 begonnene Verkehrsversuch mehrmals verlängert, zuletzt bis zum 31. Oktober 2022. Nach einer Projektlaufzeit von über einem Jahr liegt jetzt die Beurteilung der Begegnungszonen durch das beauftragte Ingenieurbüro SHP vor. Für die Evaluierung wurde unter anderem der Verkehr beobachtet und Passanten befragt.

Insbesondere das Ergebnis der – ausdrücklich als nicht repräsentativ bezeichneten – Passantenbefragungen spiegelt das schon seit Monaten zu beobachtende Misstrauen gegenüber den Begegnungszonen wider. 53 Prozent der 72 befragten Passanten gaben an, ihr Sicherheitsgefühl in der Begegnungszone sei gering oder sehr gering. 24hamburg.de hat sich bei der zuständigen Polizeidirektion Flensburg zu dem Verkehrsversuch auf Sylt erkundigt. „Das Projekt ist aus unserer Sicht positiv verlaufen. Unfälle wurden nicht registriert“, teilte ein Pressesprecher der Polizei daraufhin mit. Trotzdem: das unsichere Gefühl der Passanten bleibt.

Gemeinde Sylt wertet Begegnungszonen als Erfolg – dauerhafter Erhalt beschlossen

Auch das Ingenieurbüro SHP bewertet den Verlauf des Verkehrsversuchs grundsätzlich positiv. Die skeptische Reaktion der befragten Passanten wird damit erklärt, dass erfahrungsgemäß gerade bei Fußgängern zunächst Widerstand vorhanden sei. Die Gemeinde Sylt kommt in ihrer Beschlussvorlage für den Verkehrsausschuss zu der Einschätzung, dass „bei entsprechender Umgestaltung der beiden Querungsstellen in der Maybachstraße und einer guten Öffentlichkeitsarbeit“ die bisherigen Verkehrsregelungen entbehrlich seien. Sprich: Vorhandene Ampeln sind überflüssig.

Der Umwelt-, Küstenschutz- und Verkehrsausschusses der Gemeinde Sylt hat am 2. November 2022 nach ausführlicher Diskussion mehrheitlich beschlossen, die drei Begegnungszonen als dauerhafte Einrichtung zu erhalten. Allerdings sollte vor der Umsetzung noch der Westerländer Ortsbeirat angehört werden. Der stimmte auf seiner Sitzung am 1. Dezember 2022 ebenfalls für den Erhalt der drei sogenannten „verkehrsberuhigten Geschäftsbereiche“ – und zwar einstimmig.

Ein grünes Schild mit weißen Symbolen für Fußgänger, Radfahrer und Autos, dazu die Beschriftung „Begegnungszone“. Trotz skeptischer Passanten bleiben die Begegnungszonen in der Innenstadt von Westerland.
Trotz skeptischer Passanten ab jetzt dauerhaft auf Sylt: Die Begegnungszonen in der Innenstadt von Westerland. © Dagmar Schlenz

Durch bunte Punkte werden auf Sylt Ampeln und Poller eingespart

In Hamburg soll es bunte Fahrradständer statt Parkplätzen geben, auf Sylt ersetzen bunte Punkte jetzt also einige Ampeln. Als Grundlage für die dauerhafte Beibehaltung der Begegnungszonen fordert der Kreis Nordfriesland aber eine Umgestaltung. An den beiden Querungsstellen in der Maybachstraße soll die Straße durch eine leicht erhabene Pflasterung merklich unterbrochen werden. Die Gemeinde Sylt plant, diese Pflasterarbeiten im Rahmen notwendiger Sanierungsarbeiten durchzuführen. Die Kosten dafür wurden mit etwa 175.000 Euro veranschlagt.

Aber es gibt auch Einsparpotential durch die Begegnungszonen: Poller und zwei Ampeln werden abgebaut, die man ansonsten hätte reparieren bzw. erneuern müssen. Dadurch spart die Gemeinde Anschaffungskosten von mindestens 75.000 Euro für neue Ampeln und 20.000 bis 30.000 Euro, die eine neue Steuerung für den automatischen Poller kosten würde. Auch entfallen jährlich etwa 5000 Euro Wartungs- und Unterhaltungskosten. Gerade der reduzierte Energieverbrauch ist ein positiver Nebeneffekt in Zeiten von Klimawandel und Energiekrise. Denn Einsparungen bei der Weihnachtsbeleuchtung auf Sylt sind nur ein erster Schritt.

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