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Ansturm auf Sylt wegen 9-Euro-Ticket? „Das haben wir jeden Sommer“

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Von: Kevin Goonewardena

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Ganz Deutschland freut sich aufs 9-Euro-Ticket. Nur auf Sylt herrscht Angst vorm Ansturm der „Billig-Touris“. Wer hat den Hype ausgelöst, was denken die Sylter?

Hamburg/Sylt – Wer auf die Idee gekommen ist, dass unter den vielen Zielen Deutschlands ausgerechnet die Nordseeinsel Sylt der Ort ist, der mit dem bundesweit gültigen 9-Euro-Ticket besucht werden sollte? Das haben Sie sich vielleicht auch schon gefragt, liebe Leser. Oder nicht? Sicherlich haben auch die Medien und Texte darüber, wie Reisende am besten mit dem Zug nach Sylt kommen, in der Berichterstattung über das 9-Euro-Ticket dabei eine Rolle gespielt.

Aber hätte es was Besseres geben können, als die Promi-Insel Sylt? Der Kontrast zwischen der hochpreisigen Insel der Schönen und Reichen und dem 9-Euro-Ticket. Der Kontrast zwischen Audi Q7, Porsche oder Mercedes GLS und in die Jahre gekommenen und vermutlich überfüllten Nahverkehrszügen, in denen sich Reisende, Fahrräder und Kinderwagen dank des 9-Euro-Tickets drängen und in denen zu allem Überfluss auch noch die Klimaanlage ausgefallen ist?

Eben, passt einfach. Wird Sylt nun überrannt, sobald es das Neun-Euro-Ticket gibt?

Name:Sylt (friesisch Söl, dänisch Sild)
Bundesland und Landkreis:Schleswig-Holstein, Nordfriesland (NF)
Fläche:99,14 km²
Bevölkerung:18.118 (2019) 183 Einwohner/km²

Sylt: 9-Euro-Ticket und die Angst vor dem Ansturm – das Internet rastet aus

Die in den Medien kolportierte Angst der Insulaner – ob nun real oder nicht – vor der Invasion des „deutschen Pöbels“ dank des 9-Euro-Tickets nahm insbesondere die Twitter-Community dankend an. Auslöser war ein Interview des Geschäftsführers von Sylt Marketing, Moritz Luft. Das berichtet der NDR. Luft hatte dort gesagt, dass die Infrastruktur der Insel nicht auf ein erhöhtes Aufkommen an Reisenden, wie es durch die Einführung des 9-Euro-Ticket erwartet wird, gerüstet sei.

Im Hintergrund der Bahnhof Westerland und eine Regionalbahn. Favor Moritz Luft von Sylt Marketing und ein Neun-Euro-Ticket.
Moritz Luft, Geschäftsführer von Sylt Marketing, hat in einem Interview über die Angst der Sylter vor einem Ansturm wegen des 9-Euro-Tickets gesprochen – und damit einen echten Hype auf die billigen Reisen auf die Nordseeinsel ausgelöst. (24hamburg.de-Montage) © Daniel Reinhardt/Daniel Bockwoldt/dpa & Wolfgang Maria Weber/imago

Ergo sind die Chaostage auf Sylt wegen des 9-Euro-Tickets also vorprogrammiert? Ein gefundenes Fressen für die Nutzer von Twitter, Facebook & Co. Dort hieß es unter anderem in Anbetracht der einfallenden Horden besockter Sandalen-Träger, die sich dank des 9-Euro-Tickets Richtung Sylt in Bewegung setzen könnten, bereits: „Die Bonzen können sich schon mal Ohrstöpsel kaufen“. Zahlreiche Memes und andere Spielereien heizten den Sylt-Hype durch das 9-Euro.Ticket erst richtig an.

Doch haben die Sylter wirklich Angst vor Tausenden Fahrgästen, die sich das 9-Euro-Ticket an (Vor)verkaufsstellen des HVV ab Mai, eine Möglichkeit der anderen Verkehrsverbände des Landes oder über die Vertriebskanäle der Deutschen Bahn sichern? Die Redakteure und Redakteurinnen des NDR haben versucht in Erfahrung zu bringen, wie groß die Angst vor dem Touristen-Ansturm nach Einführung des 9-Euro-Ticket auf Sylt wirklich ist und sich auf der Insel umgehört.

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Sylt: Personen- und Versorgungsverkehr wird über Nadelöhr Hindenburgdamm abgewickelt

Moritz Luft räumt ein, dass man sich auf der Insel Gedanken gemacht habe. Dabei gehe es aber nicht um „ein Biotop von Schön und Reich oder Klischees die in die Richtung gehen“, so der Sylt Marketing-Mann gegenüber dem NDR. Vielmehr ist die Bahnstrecke nach Sylt schon jetzt und gerade in den Sommermonaten überlastet – auch ohne das 9-Euro-Ticket. Denn die der gesamte Personen- und Warenverkehr Sylts wird per Schiene abgewickelt.

Und zwar über den Hindenburgdamm. Dieser sei „Lebensader und Nadelöhr zugleich“, heißt es in dem NDR-Beitrag zu Sylt und dem Neun-Euro-Ticket. Problematisch: die Bahnstrecke vor und nach dem Hindenburgdamm ist stellenweise nur einspurig befahrbar. Die Frage, ob der Verkehrsverbund und dessen Infrastruktur dem zu erwartenden Ansturm an Fahrgästen durch das Neun-Euro-Ticket gewachsen ist, stellt sich auch beim HVV in Hamburg.

Dieses Thema und diese Ausrichtung entgleitet zunehmend und nimmt eine falsche Wendung.

Moritz Luft, Geschäftsführer Sylt Marketing im NDR

9-Euro-Ticket: Sylter Marketing-Chef vermisst Ernsthaftigkeit beim Thema

Natürlich ist sich Moritz Luft der eingangs erwähnten Klischees und Gegensätze bewusst. Und natürlich spielen er und seine Kollegen von Sylt Marketing auch genau mit eben jenen. Doch bei dem aktuellen Thema rund um das 9-Euro-Ticket und dem bundesweiten Versuch, mehr Menschen für den ÖPNV zu gewinnen, vermisst er eine angemessene Ernsthaftigkeit. Luft macht seinem Ärger Luft, ddass „dieses Thema und diese Ausrichtung zunehmend entgleitet und eine „falsche Wendung“ nimmt. Er betonte aber auch, dass die Insel auf den Ansturm durch das Neun-Euro-Ticket vorbereitet sei und sich auf jeden Gast freue, der auf Sylt auftauche.

Ein Autozug im Bahnhof Westerland auf Sylt, eine Hand die 9 Euro hält und ein Fahrscheinautomat im Hintergrund
Auch ohne 9-Euro-Ticket schon jetzt überfüllt: Ein Autozug im Bahnhof Westerland auf Sylt. (24hamburg.de Montage) © Waldmüller/Sven Simon/Imago

Sylter Chaostage dank 9-Euro-Ticket? Schon 1995 erlebt die Insel Ansturm – nach Einführung des Wochenendtickets

Der Ansturm von Sylt-Besuchern wegen des Neun-Euro-Tickets wäre sogar nicht einmal Neuland für Sylt. Schon einmal erlebte die Nordseeinsel in Schleswig-Holstein einen Ansturm dank günstiger Fahrtkosten. 1995 führte die Deutsche Bahn das Wochenendticket ein. Von Freitag bis Sonntag konnte man damals, ähnlich wie mit dem 9-Euro-Ticket ab dem 1. Juni 2022, mit den Nahverkehrszügen quer durch Deutschland zum vergünstigten (Gruppen-)Preis unterwegs sein. Werden diesmal wieder Tausende aus Hamburg und anderswo auf der Insel einfallen? Es könnte auch anders kommen: Eine Umfrage ergab, dass mehr als jeder dritte Deutsche das 9-Euro-Ticket gar nicht nutzen will.

Ansturm wegen 9-Euro-Ticket auf Sylt: „Unter den Syltern hört man das nicht“

Die Sylterin Amanda Schwarz glaubt, dass in Sachen Neun-Euro-Ticket, Chaostage und Ansturm auf Sylt „viel heißer gekocht wird, als es wirklich ist“, sagt sie im NDR. In den Medien heiße es zwar, dass die Insulaner Angst hätten, aber “unter den Syltern hört man das nicht.“ Unaufgeregt äußert sich auch Manfred Stäcker, ebenfalls Sylter. „Die werden auch nicht viel Geld lassen. Die werden einfach aussteigen und zum Strand gehen und dann war‘s das. Und dann gehen sie irgendwann wieder weg“, so Stäcker im NDR. Er fände einen Ansturm ziemlich normal: „Das haben wir jeden Sommer.“

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