1. 24hamburg
  2. Politik

Sind die Deutschen Weicheier? Melnyk schildert „heftige“ Begegnung mit Putin

Erstellt:

Von: Stephanie Munk

Kommentare

Andrej Melnyk provoziert gern - auch nach seiner Botschafter-Zeit. Jetzt sprach er über Deutschland, und was Putin im größten „Alptraum“ nicht erwartet hätte.

Kiew/Berlin - Andrej Melnyk hinterließ als ukrainischer Botschafter in Berlin verbrannte Erde. Den deutschen Kanzler Olaf Scholz nannte er „beleidigte Leberwurst“, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warf er „Geschichtsvergessenheit“ und ein „Spinnennetz an Kontakten nach Russland“ vor.

Für einen Diplomaten sind das markige Sprüche - mit denen der 47-Jährige aber wohl auch viel für die Ukraine erreichte, die nach dem Angriff von Wladimir Putin verzweifelt um internationale Hilfe rang.

Auch jetzt, wo Melnyk nicht mehr in Berlin ist, sondern als Vize-Außenminister nach Kiew berufen wurde, mischt er immer noch ordentlich in der deutschen Debatte zum Ukraine-Krieg mit. Zum Besuch von SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich wütete er beispielsweise via Twitter: „Wenn Herr Mützenich glaubt, mit diesem verspäteten, halbherzigen Besuch nach Kiew alle Sünden seiner Russland-Politik reingewaschen zu haben und sein Image aufzupolieren, dann irrt er sich gewaltig.“ Marius Müller-Westernhagen nannte er nach dessen Auftritt bei Maischberger einen „gewissenlosen, megazynischen, arroganten Typ“.

Wladimir Putin bei seinem Besuch im Herbst 2006 in Kiew (l.) - damals begegnete ihn der Ex-Botschafter Andrej Melnyk (r.).
Wladimir Putin bei seinem Besuch im Herbst 2006 in Kiew (l.) - damals begegnete ihn der Ex-Botschafter Andrej Melnyk (r.). © Imago/Itar-TASS (Montage)

Dass er sich immer noch derart provokant äußere, erklärte Melnyk jetzt in einem Interview im Spiegel-Podcast „Moreno +1“. „Ich wünschte mir, dass ich loslasse und einfach mal nicht mehr lese, was in deutschen Zeitungen geschrieben wird oder was da überhaupt geschieht, aber ich habe das bis heute nicht geschafft.“ Seine Frau appelliere täglich an ihn, sich nicht mehr in Deutschland einzumischen, schildert der Ukrainer, „und wahrscheinlich hat sie recht.“

Melnyk: Ende des Ukraine-Krieges hänge „zum großen Teil von Berlin ab“

Die Debatte in Deutschland zur Ukraine sei für ihn zu bedeutsam, als dass er sie ignorieren könne, so Melnyk, denn: „Das Ende dieses Krieges hängt zum großen Teil ab von Entscheidungen, die in Berlin getroffen werden.“

Er habe außerdem oft Angst, dass die Deutschen bekannten Persönlichkeiten wie Alice Schwarzer und Richard David Precht, die sich gegen Ukraine-Waffenlieferungen wenden und für Verhandlungen mit Putin plädieren, mehr Glauben schenken als Politikern, so Melnyk. „Ich fühle mich verpflichtet, da was zu sagen.“

Doch warum nicht diplomatischer? Der 47-Jährige ist sich sicher, dass er oft gar nicht gehört worden wäre, hätte er mildere Töne angestimmt. „Gerade dieser Krieg hat für mich gezeigt, dass in diesen dunklen Zeiten Diplomatie nicht funktioniert und man etwas provokanter formulieren sollte“, schildert er und fügt an: „Spaß habe ich dabei ganz bestimmt nicht.“

Melnyk über Putins größten „Alptraum“

Im Interview ging es aber nicht nur um Melnyks umstrittene Art, sondern auch um Putin und dessen Haltung zu Deutschland. Vor dem Ukraine-Krieg habe Russlands Präsident die Deutschen definitiv für Weicheier gehalten, glaubt Melnyk. „Da hat sich Putin anscheinend verkalkuliert, und zwar ziemlich stark.“

Die Deutschen hätten im Kriegsverlauf immer wieder rote Linien von Putin übertreten, so Melnyk. „Weder er noch seine Geheimdienstchefs hätten im Alptraum [sic] prognostizieren können, dass Deutschland Panzer liefern würde.“ Das zeige, dass die Deutschen „ganz bestimmt“ keine Weicheier mehr seien, findet der Ex-Botschafter und zieht das Fazit: „Deutschland hat sich, Gott sei Dank, geändert.“

Melnyk erinnert sich an „heftige“ Begegnung mit Putin

Er selbst habe Putin ein einziges Mal persönlich getroffen, erinnert sich Melnyk. Im Herbst 2006 sei das gewesen, Putin war recht frisch an der Macht und als junger Diplomat habe er Verhandlungen in Kiew mitorganisieren müssen. „So wie ich ihn erlebt habe, das war schon heftig“, erinnert sich Melnyk. „Der Ton, und auch sein Herangehen an die Ukraine insgesamt, aber auch an sein Gegenüber. Wie er dasaß, das war so paternalistisch, dass ich mich daran immer noch erinnere“, so der Ex-Botschafter.

Wladimir Putin (r.) bei seinem Besuch in Kiew 2006 mit dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch (l.). Andrej Melnyk organisierte das Treffen damals mit.
Wladimir Putin (r.) bei seinem Besuch in Kiew 2006 mit dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch (l.). Andrej Melnyk organisierte das Treffen damals mit. © Imago

Melnyk pessimistisch zum Ausgang des Krieges: „Russland hat leider noch viele Reserven“

Zum Verlauf des Ukraine-Kriegs befürchtet Melnyk: „Putin stellt sich ein auf einen langen Krieg und das kann er sich leisten.“ Russland würde nach wie vor neue, schwere Waffen produzieren und jeden Monat 20 neueste Kampfpanzer an die Front liefern. „Er hat leider noch viele Reserven, und wir sind angewiesen auf die Hilfe unserer Verbündeten.“ Aktuell fürchtet die Ukraine, dass Russlands Armee „freie Bahn“ in andere ukrainische Gebiete hätte, wenn die seit Monaten umkämpfte Stadt Bachmut fällt. (smu)

Auch interessant

Kommentare