Dreiste Masche?

Tönnies: 15 Tochterfirmen gegründet – so trickst der Schlachtriese Gesetz aus

  • Christian Domke Seidel
    vonChristian Domke Seidel
    schließen

Mit 15 neu gegründeten Tochterunternehmen soll die Tönnies Unternehmensgruppe versuchen, ein zukünftiges Verbot von Leiharbeitern zu umgehen. Im Netz fordern viele die Enteignung.

  • Nach Coronavirus*-Skandal: Tönnies Holding gründet 15 Tochtergesellschaften.
  • Der Vorwurf wird laut, der Fleisch-Konzern wolle damit ein neues Gesetz zum Mitarbeiterschutz umgehen.
  • Auf Twitter fordern User die Enteignung von Clemens Tönnies.

Hamburg – Nach den vielen Coronavirus-Infizierten in Gütersloh* steht die Tönnies Unternehmensgruppe wieder im Mittelpunkt eines vermeintlichen Skandals. Ab Freitag, 1. Januar 2021, soll ein Gesetz gelten, dass der Fleischindustrie Leiharbeiter verbietet. Allerdings nur, wenn das Unternehmen mehr als 49 Mitarbeiter hat. Tönnies gründete daraufhin in Gütersloh 15 GmbHs. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, dass so die neue Regelung umgangen werden soll. Und fordern die Enteignung.

UnternehmenTönnies Holding
TochterunternehmenZur-Mühlen-Gruppe, Tican A/S, Rüdiger Thomsen Schlacht- und Zerlegebetrieb, Tönnies Fleisch Italia Srl, Weidemark Fleischwaren GmbH, Heinz Trummel GmbH, B&C Tönnies Rind GmbH, Tillman´s Covenience GmbH, C&K Meats, Veracus GmbH, Allgäu Fleisch GmbH, Incarnava S.L., Riverway Foods Ltd.
Mitarbeiterzahl9.007 (2018)
ZentraleRheda-Wiedenbrück
RechtsformApS & Co. KG
Gründung1971

Tönnies gründet 15 Tochterfirmen: Will Schlachtriese Werkvertrag-Regelung umgehen? Enteignung gefordert

Dieser Skandal versetzte eine ganze Stadt in den Ausnahmezustand. Bis zum 22. Juni 2020 wurden im Kreis Gütersloh 7.000 Mitarbeiter eines Schlachtbetriebes von Tönnies auf das Coronavirus-Sars-CoV-2 getestet. 1.553 Tests waren positiv. Strenge Quarantäne für die Betroffenen und verschärfte Hygienemaßnahmen für die ganze Stadt waren die Folge. Zwei Wochen dauerte der Lockdown.

Clemens Tönnies hat Ärger wegen seiner Fleischerhöfe. Strengere Gesetze und Hygienemaßnahmen kommen. Im Internet tobt ein Shitstorm. (24hamburg.de-Montage)

Auch die Bundespolitik zog Konsequenzen aus dem Vorfall. Am Mittwoch, 29. Juli 2020, brachte das Kabinett ein Gesetz auf den Weg, das schärfere Gesetze für die Fleischindustrie vorsieht. So sieht es eine Pflicht zur elektronischen Arbeitszeiterfassung vor, Mindestanforderungen für Gemeinschaftsunterkünfte der Mitarbeiter und eine höhere Quote an Arbeitsschutzkontrollen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet.

Nach Coronavirus-Skandal in Gütersloh: Politik beschließt schärferes Gesetz - Werkvertrag nur noch für kleine Unternehmen

Ein weiterer Kernpunkt ist, dass Unternehmen, die mehr als 49 Mitarbeiter haben, keine Leiharbeiter mehr beschäftigen dürfen. Eine Regelung, die direkt auf die Coronavirus-Fälle bei Tönnies zurückzuführen ist. Sie traten eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie los. Dort sind viele Leiharbeiter aus Osteuropa beschäftigt. In der Talkshow von Markus Lanz übte unter anderem Anton Hofreiter*, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Grünen, harsche Kritik an dieser Praxis. Auch die schockierenden Bilder, die aus einem Zulieferer-Masthof aufgetaucht sind*, haben die Kritik an der Tönnies Holding verschärft.

Ein Polizist kontrolliert die Quarantäne-Maßnahmen, die nach dem Ausbruch des Coronavirus bei Tönnies nötig wurden.

Plötzlich kommt Leben ins Handelsregister des Amtsgerichts Gütersloh. Gleich 15 GmbHs mit dem Namen „Tönnies-Production“ – ergänzt um eine römische Ziffer von I bis XV – wurden für den Kreis Rheda-Wiedenbrück eingetragen, deckte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ auf. Im Internet tauchte schnell der Vorwurf auf, mit diesen Gesellschaften solle das neue Leiharbeiter-Gesetz umgangen werden.

Tönnies widerspricht Vorwürfen: 15 neue Tochtergesellschaften seien „völlig normaler Vorgang“

Ein Vorwurf, dem die Tönnies Unternehmensgruppe widerspricht. Es würde sich um „Vorratsgesellschaften“ und einen „völlig normalen Vorgang“ handeln. Diese seien auch nötig, weil das Unternehmen noch gar nicht wisse, was das neue Gesetz bringen würde, teilte ein Unternehmenssprecher dem „Spiegel“ weiter mit: "Es ist momentan noch völlig unklar, welche Organisationsformen das geplante Gesetz vorsieht. Vorsorglich haben wir deshalb diese Gesellschaften gegründet."

Auch Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, glaubt nicht daran, dass Tönnies mit den Tochtergesellschaften das neue Gesetz umgehen könnte: „Der Schlachthofbetreiber ist für alle Arbeitnehmer in seinem Kerngeschäft zuständig“, erklärt er im Interview mit „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Das Gesetz sei „umgehungsfest“.

Unschuldiges Logo auf der Zentrale der Tönnies Holding in Rheda-Wiedenbrück.

Bundesarbeitsministerium: Gesetz ist „umgehungsfest“ – unrealistisch, es mit Tochtergesellschaften zu umgehen

Denn auch in der Praxis sei diese Art der personellen Aufteilung: „Ein Unternehmen hat etwa 9.000 Mitarbeiter, bei ihm werden etwa 100.000 Schweine wöchentlich geschlachtet. Es könnte natürlich versuchen, alle Mitarbeiter jeweils in 49er-Einheiten aufzuteilen, die dann aber auch unter Einhaltung aller Hygiene- und Kühlvoraussetzungen räumlich getrennt werden müssten.“

Im Internet und vor allem auf Twitter verhallt diese Erklärung aus dem Arbeitsministerium allerdings. Dort wird der Hashtag „ToenniesEnteignen“ zum Trend. Ein User fordert: „Wer Mensch und Staat nicht achtet, wer ständig vor Augen führt, dass der Gewinn wichtiger ist als das Leben etlicher Menschen, der muss die volle Härte des Rechtsstaats erfahren.“

Twitter-Trend: Tönnies enteignen - sogar Kevin Kühnert (SPD) mischt sich ein

Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass weder die Fleischindustrie noch Clemens Tönnies ein Einzelfall wären: „Wer Tönnies jetzt als Einzelfall hinstellt, irrt gewaltig. Würden alle Milliardär:innen in Deutschland so in der Öffentlichkeit stehen und ihre Praxis mal ordentlich durchleuchtet werden, man wüsste gar nicht, wen man als Erstes enteignen muss.“

Kevin Kühnert (SPD), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten (Jusos), versucht die Wogen zu glätten: „Man kann ja gerne versuchen Gesetze zu umgehen. Aber a) ist das Gesetz noch gar nicht beschlossen und b) ist der Entwurf so konstruiert, dass Tönnies mit dieser sich abzeichnenden Strategie keinen Erfolg haben wird.“

Drei Schlachthöfe von Tönnies in Schleswig-Holstein: „Engmaschige“ Kontrollen wegen Coronavirus-Skandal

In Schleswig-Holstein betreibt Tönnies insgesamt drei Schlachthöfe*. Einer davon Kellinghusen – nur 65 Kilometer von Hamburg* entfernt. Als der Skandal in Gütersloh aufkam, reagiert die Landesregierung in Kiel schnell und verschärfte die Hygienemaßnahmen drastisch. Mitarbeiter der Schlachthöfe mussten zwei negative Coronavirus-Tests im Abstand von zwei Tagen machen. Die Arbeitsschutzbehörde kündigte damals ein „engmaschige“ Kontrollen an. Die werden mit der Einführung des neuen Gesetzes weiterhin nötig sein.

Auch Udo Lindenberg macht mit deutlichen Worten in Richtung Clemens Tönnies klar*, was er von der modernen Fleisch-Industrie hält. Dazu gehört auch der Tiertransport, bei dem immer wieder zu schweren Unfällen wie hier in Niedersachsen* kommt. *24hamburg.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Ina Fassbender/Bernd Thissen/dpa/picture alliance

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare