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Sieben Minuten bis Berlin: „Lanz“ debattiert Putins Atomschlag-Gefahr - Experte skizziert sichere Lösung

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Markus Lanz debattiert die Atomschlag-Gefahr aus Russland.
Markus Lanz debattiert die Atomschlag-Gefahr aus Russland. © Cornelia Lehmann/ZDF

Ist die Atomkrieg-Gefahr real? Ex-Oligarch Chodorkowski warnt die Nato vor „Deeskalation“. Ein Experte rät Scholz zu einer Dauerlösung mit Frankreich.

Hamburg - Wladimir Putin, da sind sich der Sicherheitsexperte Frank Sauer und der russische Ex-Oligarch Michail Chodorkowski einig, ist ein „extrem schlechter Stratege“. Chodorkowski, der nach zehnjähriger Gefangenschaft im sibirischen Straflager in London lebt, stellt im ZDF-Talk „Markus Lanz“ klar: „Putin versteht das Konzept ‚Win-Win‘ überhaupt nicht“. Er sei ein grausamer Taktiker, aber viel zu ungeduldig für langfristige Überlegungen.

Sauer warnt indes, dass im Falle eines Atomschlages keine Möglichkeit zur Evakuierung bliebe. Bloß sieben Flugminuten seien die in den russischen Westgebieten stationierten nuklearen Sprengköpfe beispielsweise von Berlin entfernt. Auf der anderen Seite stehen unter anderem in Hessen atomare US-Bomben, deren Zielgenauigkeit aktuell mittels neuer Technik verbessert werde. Welt-Journalist Robin Alexander erinnert später an die „nukleare Teilhabe“ der Nato-Länder, die auch für Deutschland gelte: „Die amerikanischen Atomwaffen liegen auch bei uns und würden im katastrophalen Fall auch von deutschen Flugzeugen transportiert“.

Experte: Zehn Prozent der russischen Atomwaffen reichten, um Planeten zu verwüsten

Atomkriegs-Ängste seien kein Novum, betont Sauer: „Das ist Technik der 1980er-Jahre.“ Man habe die Gefahr über die letzten Jahre nur „verdrängt“, sie aufgrund des Entspannungskurses nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Sauer frischt die Erinnerung auf und will die Dimensionen deutlich machen: „In Russland gibt es ungefähr 6.000 Sprengköpfe“, sagt er, davon seien „1550 strategische Waffen“ - also solche mit besonders verheerender Schlagkraft. Schon zehn Prozent dieses Arsenals reichten aus, um die Welt zu verwüsten.

Sauer macht aber auch klar, dass eine „nukleare Drohung“ zwar weiter „im Raum“ stehe, eine akute Gefahr aber derzeit nicht gegeben sei. „Schlaflose Nächte“ seien nicht notwendig, ist der Experte überzeugt. Denn: Für Putin würde der Einsatz von Atombomben nur Nachteile bringen, unter anderem den Einsatz von Nato-Waffen möglich machen - für Putin ein strategischer Nachteil in der Ukraine. Derzeit sei „die Drohung“ für Putin viel „nützlicher als die Tat“. Der Kreml-Chef manipuliere damit bereits weite Teile der deutschen Bevölkerung, befördere Diskussionen und teils auch Zerwürfnisse.

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Putin ermutigt? Chodorkowski warnt Nato vor zu kräftiger „Deeskalation“

Auch der zugeschaltete Chodorkowski findet, eine Haltung der Stärke sei ein wichtiges Mittel des Westens: „Wir sollten nicht Angst vor der Eskalation, sondern vor der Deeskalation haben“, mahnt der Exil-Russe. „Jeder Versuch, Putin zu beruhigen, dass die Nato kein Teil des Konflikts sein wird“ ermutigen Putin eher, taktische Atomwaffen einzusetzen. Putins Rückhalt in der Heimat sieht auch Chodorkowski als Problem.

Die russische Bevölkerung werde durch die Propaganda zum Mitläufer von Putins Machtpolitik, erklärt er. Das erlaube es Putin, seinen Angriff als Verteidigungsmaßnahme zu verkaufen: „Die Menschen in Russland glauben, dass, wenn Putin den Krieg nicht angefangen hätte, Bomben auf die russischen Städte gefallen wären.“ Schärfer geht er mit den russischen Kriegsunterstützern ins Gericht, das seien „Gangster“, so Chodorkowski.

Atomschlag-Sorgen wegen Putin: Liegt der Schlüssel zur Sicherheit in Frankreich?

Auch Alexander hält die Atomschlag-Gefahr derzeit für überschaubar. Vor allem, weil Deutschland bislang „die amerikanischen Atomwaffen“ auf hessischem Boden weitreichend schützten. Der Welt-Journalist kann sich eine Veränderung der geopolitischen Lage aber durchaus vorstellen, zum Beispiel wenn nach den US-Wahlen nicht mehr Joe Biden Präsident sein sollte.

Rund 50 Milliarden US-Dollar, rechnet Sauer vor, koste die USA allein die jährliche Wartung ihrer nuklearen Bomben. Alexander: „Der Gedanke liegt nahe, wenn die Amerikaner unsicher werden“, eine europäische atomare Verteidigung sei mit den Franzosen möglich, die zu den Atomwaffen-Staaten gehören. Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) „drücke“ sich vor der Aufgabe.

Journalist Robin Alexander bei Lanz: Sahra Wagenknecht erpresst die Linken

Dass Sahra Wagenknecht mit ihrem Schüren der Angst vor einem möglichen Atomschlag vor allem der Linken schaden könnte, wird im letzten Teil der Sendung deutlich. Ex-Parteichefin Katja Kipping macht ihrem Unmut Luft: „Für mich ist Linkssein, auf der Seite der Angegriffenen zu stehen und nicht mit Nazis und Rechten zu demonstrieren.“ Sie spielt damit auf das von Wagenknecht initiierte „Manifest für Frieden“ an, dem auch Applaus der AfD zuteilwurde.

Die linke Berliner Sozialsenatorin Katja Kipping äußert sich bei „Markus Lanz“ zur Situation der Geflüchteten in der Hauptstadt, dem Friedensmanifest Sahra Wagenknechts und über mögliche Koalitionen nach der Berlin-Wahl.
Die linke Berliner Sozialsenatorin Katja Kipping äußert sich bei „Markus Lanz“ zur Situation der Geflüchteten in der Hauptstadt, dem Friedensmanifest Sahra Wagenknechts und über mögliche Koalitionen nach der Berlin-Wahl. © Cornelia Lehmann/ZDF

Als Kipping den weiteren Fragen nach dem Zustand der Partei ausweicht, springt Alexander als Dolmetscher ein: „Ich sage mal das, was Frau Kipping nicht sagen darf…“ setzt er an. Seine These: Wagenknecht als Bundestagsabgeordnete mit sechs harten Anhängern, darunter auch Fraktionschef Dietmar Bartsch, „erpresse“ ihre Partei. Auflösung und Mandatsverlust drohe, wenn dieser harte Kern der Gruppe auseinanderfiele.

Wagenknecht treibe „die Partei immer weiter in die Bredouille, die auf Frau Kippings Gesicht gerade deutlich zu lesen ist.“ Kipping dementiert nicht: „Ich bin dafür, dass sich die Fraktion klar positioniert“, sagt sie. Alexander kommt zu einem anderen Ergebnis: Vielleicht habe die Partei auch ihr Aufgabenfeld verloren. Um gescheiterte Ost-Existenzen kümmere sich inzwischen die AfD und Saskia Esken und Kevin Kühnert hätten die linken Sozialthemen zur SPD geholt.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Sicherheitsexperte Frank Sauer entkräftet die angebliche Bedrohung durch nukleare Waffen. Interessant wird die Debatte zu einer möglichen eigenen nuklearen Verteidigung Europas mit französischen Atomwaffen - dieser Strang verläuft aber schnell im Sand. Enttäuschend ist das Gespräch mit Chodorkowski, der als Visionär eines „kompletten Neuaufbaus“ Russlands angekündigt worden war. Doch mit seiner etwas umständlichen Ausdrucksweise und einem fast schon müden Tonfall lässt der Exil-Russe eigentlich keine Konzepte durchblicken. (Verena Schulemann)

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