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Lauterbach widerspricht bei „Maischberger“ offiziellen WHO-Angaben: „Zählweise nicht überzeugend“

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu Gast bei „Maischberger“ (ARD).
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu Gast bei „Maischberger“ (ARD). © Screenshot ARD Mediathek

Karl Lauterbach ist zurück. Bei „Maischberger“ inszeniert er sich als erfolgreicher Pandemie-Bekämpfer. Viele Fragen ließ die Moderatorin allerdings im Köcher.

Berlin – Fast schon hatte man ihn auf der abendlichen Mattscheibe vermisst, doch bei Sandra Maischberger kann sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Dienstag wieder in Szene setzen. Neue Erkenntnisse bringt die Diskussion allerdings nicht. Die Lücken und fehlenden Daten in der aktuellen Coronavirus-Politik treten deutlich zu Tage. Doch die aktuell brennendsten Fragen werden nicht gestellt.

Den Übergang vom Thema Ukraine-Krieg, mit dem sich die erste Hälfte der Talkshow beschäftigt, hin zu Corona und Impfung, läutet die taz-Journalistin Ulrike Herrmann ein. Sie attackiert die „Impfverweigerer“ persönlich: „Das ist echt ‘ne Zumutung.“ Corona-Minister Lauterbach, der im Anschluss neben Sandra Maischberger zum Einzelgespräch Platz nimmt, stimmt ihr hier ausdrücklich zu: „Es ist eine Zumutung, dass wir all dies machen müssen, um die zu schützen, die sich nicht impfen lassen wollen.“

Bevor Maischberger die aktuelle Diskussion um die Effektivität der Impfung ansprechen kann, fragt sie den Minister provokativ, ob er selbst denn schon Corona gehabt habe. „Hatte ich noch nicht“, antwortet Lauterbach, „ich bin sehr vorsichtig gewesen, ich bin auch viermal geimpft und achtsam gewesen. Hab‘ bisher Glück gehabt.“

Lauterbach bei „Maischberger“: Gesundheitsminister kann Frage zu Corona-Zahlen nicht beantworten

Maischbergers nächste Frage, wie viele Menschen denn nun eigentlich von Corona betroffen gewesen seien, kann Lauterbach überraschenderweise gar nicht beantworten. „Wir haben diese Daten nicht“, muss er zugeben. Er sei jedoch froh, dass er ein paar Corona-Regeln über den „Freedom Day“ hinaus habe „herüberretten können“, sagt er. „Ich habe trotz der Lockerungen immer appelliert, freiwillig die Maske zu tragen. Bei diesen Menschen möchte ich mich bedanken.“ Großer Applaus aus dem, größtenteils noch immer maskierten, Publikum.

Maischberger versucht es mit einem Hauch mehr Schärfe. Nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sei Deutschland, was die Übersterblichkeit angeht, „gar nicht so gut durch die Krise gekommen“, zitiert sie. Eine Tatsache, die Karl Lauterbach argumentativ kaum kontern kann. Fast alle Nachbarländer Deutschlands haben die Corona-Krise besser gemeistert. Lauterbach nimmt den Ball deshalb volley und vermeidet die Details: „Das ist eine Statistik und keine Studie“, sagt er. Die Übersterblichkeit sei etwas anderes als das Zählen der Todesfälle. Was er damit meint, erklärt er allerdings nicht. Sein Urteil in Richtung WHO ist pauschal abwertend: „Die Art und Weise, wie das dort gezählt worden ist, ist nicht überzeugend.“

Lauterbach: „Ich habe die Evaluierung der Corona-Maßnahmen nicht verschoben“

Nachdem Deutschlands Topvirologe Christian Drosten sich vor wenigen Tagen dagegen aussprach, eine Evaluierung der Corona-Maßnahmen wie gefordert Mitte 2022 vorzulegen, sondern lieber bis 2023 zu verzögern, fragt Maischberger den Minister ganz direkt: „Sie haben diese Evaluierung verschoben, warum?“ Das ist ein Elfmeter ohne Torwart, den sich Lauterbach nicht entgehen lässt. „Ich habe die Evaluierung nicht verschoben“, kontert er.

Maischberger versucht es anders und will nun Details haben. „Was werden wir denn wissen Ende Juno?“ Maskenpflicht, Schulschließungen, Lockdowns, Ausgrenzung Umgeimpfter, sei das alles richtig gewesen? Sofort verliert Lauterbach den gerade gewonnenen Punktevorsprung wieder: Man werde wohl wissen, „ob die Kommunikation gut war und ob die rechtliche Basis korrekt war“, muss er schmallippig gestehen. Für den Herbst bedeutet dies, dass erneut Maßnahmen verordnet werden könnten, über deren Effizienz man keine Daten hat. „Das heißt“, fragt Maischberger, „wir werden das alles nicht wissen im Herbst?“ Doch er antwortet lieber gar nicht. Eine stumme Bestätigung. Das Publikum bleibt still.

„Maischberger“ – Diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

Wie extrem solche Maßnahmen ausfallen können, wird deutlich, als Maischberger den deutschen Dozenten Peter Ganea zuschalten lässt. Er sitzt in Shanghai fest, und das buchstäblich. Es gibt sinkende Infektionszahlen in der Stadt, und trotzdem muss er seit Wochen in seinem Büro wohnen, ohne Badezimmer oder Waschmaschine, mit Essenszuteilung „wie in einem Gefängnis“. Das Haus darf er nicht verlassen. Seine Schilderungen sind bedrückend und niederschmetternd. Selbst Lauterbach, der mit hochgezogenen Augenbrauen zuhört, reagiert mit nervösem Zucken in den Mundwinkeln. Nur Ulrike Herrmann folgt mit seligem Lächeln den Schilderungen Ganeas über seine persönliche Lockdown-Apokalypse .

Sandra Maischberger im Ersten: Journalistin über Scholz-Rhetorik in Ukraine-Russland-Krieg

taz-Journalistin Ulrike Herrmann hatte im ersten Teil der Sendung ihren großen Auftritt, als sie eine Art „Verstehen Sie Scholz“ spielte, wie Maischberger es nennt. Der Rhetorik des Bundeskanzlers stellt sie ein Armutszeugnis aus. Ansonsten aber bringt der Ukraine-Teil der Sendung keinerlei Spannung. Weder Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni noch Ex-Botschafter Rüdiger von Fritsch können nennenswerte Erkenntnisse beitragen.

Das Fazit der Sendung

Damit bleibt es zunächst schleierhaft, warum Maischberger künftig zweimal wöchentlich gesendet wird. Angeblich reichte die Zeit bisher nicht für alle wichtigen Themen der Zeit, hieß es aus der Redaktion. Heute Abend geht es in der zusätzlichen Sendung daher ausführlich um Frank Elstner. (Michael Görmann)

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