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Hartz IV: Arbeitsloser prahlt – „Bei mir bleiben 200 Euro übrig“

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Von: Jens Kiffmeier

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Kaum Geld zum Überleben? Seit Monaten prangern Sozialverbände die Erhöhung von Hartz IV an. Doch nun schießt ein Arbeitsloser quer und sagt: Das ist Quatsch!

Berlin – Der Streit um eine Erhöhung von Hartz IV in der Politik erhält neue Nahrung: Ausgerechnet ein Arbeitsloser hat die Debatte jetzt wieder befeuert. Jedoch anders als gedacht. Denn der Berliner ALG-II-Bezieher Sven Walther lehnt eine Aufstockung des Regelsatzes ab. „Die 446 Euro im Monat sind viel zu viel“, sagte der Leistungsempfänger der Berliner Boulevardzeitung „BZ“. Er komme locker mit dem Geld aus und spare sogar jeden Monat bis zu 200 Euro, gestand er.

Finanzielle Hilfe für Arbeitslose:Arbeitslosengeld II (genannt Hartz 4)
Eingeführt:1. Januar 2005
Grundlage für ALG II:Zweites Buch der Sozialgesetzgebung

Seit Monaten fordert ein breites Bündnis von Gewerkschaften und Sozialverbänden eine deutliche Erhöhung von Hartz IV auf mindestens 600 Euro pro Monat. Nach der derzeitigen Gesetzeslage überweist die Arbeitsagentur einem alleinstehenden Arbeitslosen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB II) im Monat einen Satz von 446 Euro.

Hartz IV: Streit um Erhöhung vom Regelsatz – Arbeitsloser Sven Walther hält das für unsinnig

Für die alltäglichen Bedürfnisse reiche dies aber nicht aus, kritisierte unlängst wieder der Paritätische Wohlfahrtsverband. So drückten die Zusatzkosten in der Corona-Krise ebenso wie Preissteigerungen bei Lebensmitteln mittlerweile enorm das monatliche Budget. Vor allem ab dem kommenden Jahr müssten deswegen viele Arbeitslose den Gürtel finanziell noch enger schnallen*, hieß es. Dennoch scheuen viele Parteien vor der Bundestagswahl eine Hartz-IV-Reform.

Eine Hartz IV-Empfängerin geht durch einen Laden mit stark reduzierten Lebensmitteln. An einem Stapel Brot hängt ein Preisschild. Darauf steht „Brot nur 10 Cent“.
Brot für 10 Cent? Wer von Hartz IV leben will, muss günstig einkaufen. © Jan Woitas/dpa/picture alliance

Die geforderte Erhöhung setzt aus Sicht von Walther sowieso einen falschen Anreiz. „Warum sollte man arbeiten gehen, wenn man fürs Nichtstun, dieses Geld bekommt. Das ist hier in Deutschland ein Paradies“, frohlockte er auch in einem Interview mit dem TV-Sender RTL. Viele Jobs, die für Hartz-IV-Empfänger infrage kämen, seien schlecht bezahlt. Der Unterschied zwischen Gehalt und Sozialleistung? „Lächerlich klein“, so der Berliner. Wegen 100 Euro müsste ich meinen Wecker auf 5 Uhr stellen. Das ist keine Relation“, fügte der 55-Jährige provokant hinzu.

Dabei führte Walther eigenen Angaben zufolge früher einmal ein ganz anderes Leben. Als Versicherungsmakler verdiente er ordentliches Geld, hatte sogar Angestellte. Doch dann leistete er sich einen Fehltritt – und landete im Jahr 2006 im Gefängnis. Warum genau, wollte er in seinen freigiebigen Interviews lieber nicht verraten. Aber fest steht: Seit 2008 muss er von Hartz IV leben. Denn 200 Bewerbungen blieben bislang erfolglos.

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Dennoch kommt Walther klar. In Berlin-Reinickendorf bewohnt er eine 40 Qudratmeter große Ein-Zimmerwohnung. Die Miete bezahlt das Sozialamt – wie bei allen Hartz-IV-Empfängern. Seine eigenen Ausgaben beziffert der Arbeitslose in der BZ wie folgt: 160 Euro für Essen und Trinken, 20 Euro für Hygieneartikel, 6,60 Euro für den Handyvertrag, 29,99 Euro Wlan-Kosten, 30 Euro für Strom sowie 15 Euro für Gas. Hinzu kommen außerdem noch 4 Euro für einen Streamingdienst. Unter dem Strich macht das 265,58 Euro. Bleiben also fast 200 Euro übrig. „Ich spare, wo ich nur kann“, sagt Sven Walther stolz.

Für den Berliner mag das vielleicht funktionieren. Auf Restaurantbesuche oder einen Abstecher ins Kino legt er nach eigenem Bekunden keinen Wert. Doch für Sozialexperten ist das eher ein Einzelfall. So kann sich Wolfgang Büscher vom Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ nicht vorstellen, dass man mit 260 Euro im Monat in Würde um die Runden kommt. Hartz IV sei keine Dauerlösung, sagte er RTL. Insbesondere wenn Kinder auf die soziale Unterstützung angewiesen seien, werde so ein Leben auf Sparflamme zu einem großen Problem. Gerade sie müssten mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Bleibt nur die Frage: Was macht Sven Walther mit dem ganzen angesparten Geld? Auch das hat er verraten: Sein Traum sei es, irgendwann einmal nach Australien zu fliegen. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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