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Gesundheitsbehörde spricht Klartext: Kein „Freedom-Day“ für Hamburg

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Von: Anika Zuschke

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Ein Tag, an dem alle Corona-Beschränkungen abgeschafft werden: Der „Freedom Day“ wird momentan heiß diskutiert. Doch Hamburg positioniert sich deutlich dagegen.

Hamburg – Es klingt wie ein Traum, wirkt aber auch genauso surreal: Von einem auf den anderen Tag soll es keine Corona-Beschränkungen mehr geben? Das fordert der Kassenärzte-Chef Andreas Gassen für ganz Deutschland mit dem sogenannten „Freedom Day“. Seiner Ansicht nach sollten zum 30. Oktober 2021 sämtliche Corona-bedingten Einschränkungen und Regeln aufgehoben werden. Doch die Politik und auch Bürger Hamburgs sind skeptisch.

Corona 7-Tage-Inzidenzwert Hamburg:64,7 (Stand: 20. September 2021)
Corona 7-Tage-Inzidenzwert Bremen:110,9 (Stand: 20. September 2021)
Corona 7-Tage-Inzidenzwert Niedersachsen:58,6 (Stand: 20. September 2021)
Corona 7-Tage-Inzidenzwert Schleswig-Holstein:36,2 (Stand: 20. September 2021)

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nimmt sich bei seinem Vorschlag Großbritannien zum Vorbild. Das Land diente auch bereits bei dem Ausgleich von Feiertagen an Wochenenden als Vorbild für die SPD. Im Vereinigten Königreich wurde der „Freedom Day“ bereits am 19. Juli 2021 mit der Aufhebung der meisten Corona-Beschränkungen gefeiert.

In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) fordert Gassen die Politik zum gleichen Schritt auf, denn das habe in Großbritannien geklappt, ohne dass das Gesundheitssystem kollabiert sei, äußert er. Und unser deutsches sei deutlich leistungsfähiger als das britische, so seine Ansicht.

Bedeutung des „Freedom Day“: Andreas Gassen visiert den 30. Oktober 2021 an

Wofür steht der „Freedom Day“ denn genau? Übersetzt bedeutet es soviel wie „Tag der Freiheit“. Andreas Gassen bringt seine Forderung in der NOZ folgendermaßen auf den Punkt: „In sechs Wochen ist auch bei uns Freedom Day! Am 30. Oktober werden alle Beschränkungen aufgehoben!“

Seiner Ansicht nach würde das auch die momentan stagnierenden Impf-Zahlen nach oben treiben: „Das gibt jedem, der will, genug Zeit, sich noch impfen zu lassen. Meine Wette: Dann sind wir Ende Oktober bei einer Impfquote von 70 Prozent oder noch höher, weil sehr viele Menschen das Angebot dann doch schleunigst annehmen werden.“ Momentan liegt der prozentuale Anteil vollständig Geimpfter in Deutschland bei 63,1 Prozent.

Die Elbphilharmonie Hamburg und ein Schild mit der Aufschrift „Freiheit, Leben, ohne Lockdown und Isolation“.
Für die Hamburger Gesundheitsbehörde ist der „Freedom Day“ kein Thema. (24hamburg.de-Montage) © Daniel Reinhardt/Axel Heimken/dpa

Großbritannien als Vorbild: „Freedom Day“ bald auch in Deutschland?

Aber funktioniert die riskante Initiative in Großbritannien* überhaupt? Kurz nach dem „Freedom Day“ halbierte sich die Ansteckungsrate auf der Insel tatsächlich – momentan liegt die Inzidenz jedoch bei 350 und die Corona-Todesfälle sind auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Und das bei einer Impfquote von über 81 Prozent.

Aus dem Grund ist der anvisierte „Tag der Freiheit“ für die Hamburger Gesundheitsbehörde kein Thema. Ihr Sprecher Martin Helfrich legt sich laut NDR.de fest: „Es ist ganz einfach: Alles, was nicht mehr nötig ist, wird abgeschafft.“ Dabei orientiere man sich in Hamburg aber an der Corona-Lage und nicht an einem bestimmten Datum. Im Mittelpunkt stünden die Corona-Inzidenz sowie die Auslastung der Krankenhäuser.

Covid-19-Situation in Hamburg: Freedom Day ist für Gesundheitsbehörde keine Option

Stand Freitag, 17. September 2021, wurden in Hamburg 132 Covid-Patienten in Krankenhäusern stationär behandelt, 48 von ihnen intensivmedizinisch. Das war etwas weniger als noch am Vortag. Die Inzidenz liegt am 20. September bei 64,7 – auch diese ist in den vergangenen Tagen leicht gesunken. Mit Blick auf die Herbstferien geht die Gesundheitsbehörde laut NDR.de trotzdem von zukünftig wieder steigenden Zahlen aus.

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Bürger in Hamburg sehen den „Freedom Day“ kritisch – wegen stagnierender Impf-Zahlen

Aus Gründen der Inzidenzen und stagnierenden Impf-Zahlen in Hamburg sehen auch viele Bürger und Bürgerinnen der Hansestadt einen „Freedom Day“ kritisch. Auf Nachfrage des „Hamburg Journal“ äußerte ein älterer Herr: „Ich bin da noch ein bisschen vorsichtig, würde ich sagen. Es wäre mir zu früh, das alles fallenzulassen.“ Eine junge Dame stimmt dem Konsens mit den Worten: „Ich halte davon nicht viel. Besonders, weil die Impfbereitschaft ja auch gerade abgeflaut ist. Da müsste mehr Engagement von den Bürgerinnen und Bürgern kommen“, zu.

Ein weiterer junger Herr fände einen „Freedom Day“ in Hamburg ebenfalls falsch, „weil die Impfquote dafür nicht hoch genug ist bei uns“, so die Begründung. Ein Befragter äußert jedoch gegenüber dem Hamburg Journal: „Ja, wenn alle geimpft sind oder die meisten geimpft sind, dann ist das doch alles okay.“

Hamburgerin hält „gar nichts davon“, einen „Freedom Day“ in Hamburg einzuführen

Ein junger Mann würde die Aufhebung der Beschränkungen begrüßen, sei sich jedoch nicht sicher, „wie viel Sinn das macht, einen speziellen Tag dafür auszuwählen“. Er glaube, dass man die Pandemie nicht auf einen Tag beschränken und sagen könne, hier an diesem Tag werden wir alles aufheben und da sei alles wieder gut.

Eine junge befragte Frau hält ebenfalls „gar nichts davon“, einen „Freedom Day“ in Hamburg einzuführen: „Auch wenn ich geimpft bin, ich kann mich noch infizieren. Die Zahlen sind nach wie vor hoch. Ich würde sagen, man kann das aufheben, wenn wirklich die Zahlen sehr niedrig sind, aber aktuell definitiv nicht, nein! Sehe ich nicht so“, äußert sie vehement im Hamburg Journal.

Deutschlandweit keine politische Zustimmung für „Freedom Day“

Dem allgemeinen Hamburger Konsens stimmt die bundesweite Politik zu. Auch Bremen und Niedersachsen lehnen einen „Freedom Day“ ab.* SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält Gassens Vorschlag für „ethisch nicht vertretbar“, so die Hamburger Morgenpost. Auf Twitter schrieb Lauterbach, dass eine Öffnung bei 85 Prozent Geimpfter besser wäre. Bis dahin solle die 2G-Regel gelten. Aufgrund der 2G-Regel ist in Hamburg wieder Party-Rückkehr auf dem Kiez möglich.

Auch der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun hält „derzeit nicht viel“ von einem „Freiheitstag“. Seiner Meinung nach könne es „gut sein, dass es noch eine weitere Welle geben wird“, so seine Begründung.

Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet Gassens Forderung sogar als zynisch: „Jetzt so zu tun, als sei die Pandemie ein Privatvergnügen und Ungeimpfte letztlich selbst dran Schuld und wir könnten uns jetzt von allen Schutzmaßnahmen verabschieden, das halte ich für zynisch“, sagt Dahmen bei NDR Info.

FDP hält Diskussion über Aufhebung der Corona-Regeln für richtig

Gesundheitsexperte und FDP-Mitglied Andrew Ullmann hält eine Diskussion über eine Aufhebung der Corona-Regeln zwar für richtig, aber auch seiner Meinung nach sei es zu früh, ein konkretes Datum wie den 30. Oktober zu nennen, berichtet die Hamburger Morgenpost.

Die Übereinstimmung der Politik und Bürger liegt also primär in der Sorge um die Impf-Zahlen. Um diese Quote zu erhöhen, ruft die Sozialbehörde Hamburgs nun Firmen, Vereine und Organisationen auf, eigenständig Impfaktionen zu starten. Senatorin Melanie Leonhard (SPD) appellierte am vergangenen Sonntag an die Hamburger: „Wenn Sie beispielsweise in einem Verein engagiert sind, können Sie eine eigene Impfaktion organisieren, um bisher nicht Geimpfte zu erreichen.“ * 24hamburg.de, Merkur.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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