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Ex-Nato-General rechnet „im Frühsommer mit einem Stillstand“ im Ukraine-Krieg

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Von: Yannick Hanke

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Naht 2023 das Ende des Ukraine-Kriegs? Laut eines Ex-Nato-Generals könnte es im Frühsommer zum Waffenstillstand kommen. Ein Historiker sieht gar das zeitnahe Ende.

Kiew/London/Moskau – Seit mehr als zehn Monaten herrscht in der Ukraine Krieg. Ende Februar 2022 hatte Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Truppen den Befehl zur Invasion gegeben. Ein Ende ist weiterhin nicht in Sicht. Doch könnte es im Frühsommer 2023 zu einem Waffenstillstand kommen. Zumindest, wenn es nach Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse geht.

Naht das Ende des Ukraine-Kriegs? Ex-Nato-General rechnet zumindest mit Waffenstillstand im Frühsommer 2023

Im Laufe des neuen Jahres rechnet Domröse mit Blick auf den Ukraine-Krieg mit einem Waffenstillstand. Zwar würden laut des früheren Nato-Generals sowohl die Ukraine als auch Russland in den nächsten Monaten noch einmal eine Offensive starten, um ihre militärischen Ziele möglichst zu erreichen. Doch schon im Frühsommer könne es zu einem Stillstand kommen, so Domröse gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Links schaut Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse etwas überrascht zur anderen Seite. Im Hintergrund sind zerstörte Gebäude im südlichen Teil der Ukraine zu sehen.
Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse rechnet im Frühsommer 2023 mit einem Waffenstillstand im Ukraine-Krieg. © dpa/imago/Montage

Dann nämlich würden Russland und die Ukraine realisieren, dass ein Weiterkämpfen keinen Sinn mache, wenn kein Raumgewinn mehr möglich sei. „Das wäre der Moment für Waffenstillstandsverhandlungen“, sagt Domröse, der auch General des Heeres bei der Bundeswehr war. Für ihn bleibe nur eine Verhandlungslösung, die für beide Seiten akzeptabel sei.

Ukraine-Krieg: Ex-Nato-General und Sicherheitsexperte sagen Verhandlungen und Waffenstillstand voraus

Als eine der konkreten Lösungen hält es Domröse für möglich, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi auf seine Forderung verzichte, die von Russland besetzten Gebiete wie die Krim sofort wieder in die Ukraine einzugliedern. Vielmehr sollte eine Übergangsfrist vereinbart werden. Das hätte es schon beim Übergang Hongkongs an China gegeben. Damals betrug die Übergangsfrist 50 Jahre.

Die Einschätzung von Domröse teilt András Rácz. Der Russland- und Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) rechnet auch mit Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Daraus würde ein Waffenstillstand resultieren, „mit hoffentlich gar keinen Kämpfen mehr, aber jedenfalls sehr viel geringeren Kämpfen“, so Rácz.

Minsker Abkommen sollte Konflikt zwischen Ukraine und Russland regeln – doch „gingen die Kämpfe weiter“

Die Hoffnung auf ein zeitnahes Ende des Ukraine-Kriegs könnte auch dadurch genährt werden, dass in Russland 2024 die Präsidentschaftswahl ansteht. Aus Sicht von Rácz sei es unwahrscheinlich, dass Russland vor oder während dieser Wahl einen intensiven Krieg anstrebe. „Ich erwarte, dass Russland deshalb im Lauf des Jahres die Intensität der Kämpfe verringern will. Auch, weil sich im Sommer die Nachschubprobleme der russischen Armee verstärken dürften“.

Was ist das Minsker Abkommen?

Das 2015 unterzeichnete Minsk-Abkommen ist nach der belarussischen Hauptstadt benannt. Durch die von Deutschland und Frankreich vermittelte Vereinbarung sollte die Ukraine befriedet werden. Konkret wird zwischen Minsk I und Minsk II unterschieden. Beide Abkommen wurden in der belarussischen Stadt Minsk unterzeichnet. Wenn heute vom Minsker Abkommen die Rede ist, ist damit in der Regel Minsk II gemeint.

Am sogenannten Maßnahmenkomplex zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen waren seinerzeit die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der damalige französische Präsident François Hollande, Russlands Präsident Wladimir Putin und der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko beteiligt.

Durch Minsk II wurde die erste Vereinbarung um einen weiteren Punk auf insgesamt 13 Punkte erweitert. Hierzu zählen beispielsweise der Abzug schwerer Waffen auf beiden Seiten, der Abzug aller ausländischen Söldner und Truppen aus der Ost-Ukraine und die Wiederherstellung der vollständigen Kontrolle über die ukrainisch-russische Staatsgrenze durch die Ukraine.

Schon unter dem Minsk-Abkommen sei mehrmals ein Waffenstillstand vereinbart worden, erinnert Rácz. Zwar habe damals die Intensität der Kämpfe abgenommen, doch sie endeten nicht. „Es war ein begrenzter Krieg, in dem beide Seiten diplomatische Beziehungen hatten, es Handel und Energielieferungen gab – und trotzdem gingen die Kämpfe weiter“, heißt es vom Sicherheitsexperten. Und in einem Jahr werde es wieder ein begrenzter Krieg sein.

Ende vom Ukraine-Krieg: Russlands Invasion ist laut Historiker „in einem halben Jahr vorbei“

Das sieht der britische Historiker Ian Kershaw anders. Für ihn steht fest, dass der Ukraine-Krieg „in einem halben Jahr vorbei“ ist. Nach eigenen Angaben geht Kershaw davon aus, dass das Ende vom Ukraine-Krieg im Sommer 2023 naht. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht der 79-Jährige von einer neuen, mögliche Offensive der „Ukrainer mit westlicher Unterstützung“. Im Frühjahr könne sich dann bereits zeigen, ob die Angreifer aus Russland zurückgedrängt werden können. Und „wenn das der Fall ist, dann könnten wir im Frühjahr oder Sommer auf dem Weg zu der einen oder anderen Lösung sein“.

Generell sei der „derzeitige Grad der Zermürbung für beide Seiten schwer zu ertragen“, so Politik-Beobachter Kershaw. Der Brite spricht von Abnutzungserscheinungen im Ukraine-Krieg, weswegen er vermutet, „dass der Krieg in einem halben Jahr vorbei ist“. Mittlerweile würde sich Wladimir Putin in einer Situation befinden, die er nie vorhergesehen habe, so der Historiker. Russlands Präsident würde sich jetzt in einem Krieg befinden, „den er nicht gewinnen kann und der sehr kostspielig und schädlich ist“.

„Russland ist jetzt isoliert“: Wie der Ukraine-Krieg Moskau langfristig schadet

Nun aber gelte es abzuwarten, in welchem Zustand die Streifkräfte aufseiten Russlands und auf der Seite der Ukraine am Ende dieses Winters sein werden. Die Einschätzung von Kershaw: „Für die Ukraine wird das ein sehr harter Winter, aber natürlich auch für viele Russen“. Man müsse auch sehen, dass der Ukraine-Krieg für Moskau langfristige Konsequenzen habe. „Russland ist jetzt isoliert, jedenfalls in Europa. In dem Sinne war die Entscheidung, in die Ukraine einzumarschieren, eine teure Entscheidung. Sie verändert Europa, wie genau, ist noch nicht absehbar“, ordnet der Historiker ein. Was für Kershaw aber bereits jetzt schon klar sei: „Der Krieg hat uns bereits eine neue Energiepolitik aufgezwungen und eine Rezession beschert“.

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