AfD-Politiker versus ZDF-Moderator

Berlin direkt (ZDF): AfD-Bundessprecher Chrupalla lehnt Maskenpflicht ab – Coronavirus-Streit mit Moderator Koll

  • Yannick Hanke
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Das fünfte ZDF-Sommerinterview vom 9. August 2020, das im Rahmen des Polit-Magazins „Berlin direkt“ ausgestrahlt wird, hält ein Streitgespräch bereit. Moderator Theo Koll und AfD-Politiker Tino Chrupalla werden sich hinsichtlich einer Maskenpflicht nicht einig.

Berlin/Görlitz – Am Sonntag, 9. August 2020 ist mit Tino Chrupalla ein Vertreter der medial kontrovers diskutierten Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) bei „Berlin direkt“ zu Gast. Im Rahmen des Polit-Magazins und der ZDF-Sommerinterviews trifft sich der Bundessprecher des rechtspopulistischen Zusammenschlusses in Görlitz zu einem hitzigen Gespräch mit Moderator Theo Koll. Unstimmigkeiten sind hier garantiert.

Mitglied des Deutschen Bundestages:Tino Chrupalla
Geboren:14. April 1975 (Alter 45 Jahre), Weißwasser/Oberlausitz
Partei:Alternative für Deutschland
Amt:Mitglied des Deutschen Bundestages seit 2017

Berlin direkt (ZDF): Tino Chrupalla (AfD) zu Gast im ZDF-Sommerinterview – Moderator Theo Koll diskutiert mit Politiker über Coronavirus-Sars-CoV-2-Maßnahmen

Um ganz genau zu sein, treffen sich die beiden Männer am „östlichsten Punkt Deutschlands, ganz in der Nähe von Görlitz“, wie Theo Koll direkt zu Beginn des Interviews anmerkt. Bei den Landtagswahlen im Osten* hätte die AfD locker 20 Prozent der Stimmen eingefangen, im Westen hingegen gäbe es Probleme mit der Fünf-Prozent-Hürde, konfrontiert der Journalist Tino Chrupalla mit knallharten Fakten.

Berlin direkt (ZDF): AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla (rechts) lieferte sich ein hitziges Streitgespräch mit Moderator Theo Kolll.

Diese extremen Unterschiede werden natürlich von dem AfD-Politiker kommentiert und relativiert. „Ich denke, wir sind im Osten sehr stark. Hier sind wir bereits Volkspartei, denn hier ist die Enttäuschung über die etablierte Politik besonders groß. Ich denke aber, dass wir in Zukunft auch in Westdeutschland ganz andere Ergebnisse erreichen werden“, heißt es vom 45-Jährigen.

Ob sich dieser während seiner Dienstfahrten anschnallen würde, möchte Koll wissen. Der leicht irritiert wirkende Chrupalla antwortet mit einem schlichten „Natürlich“ und erfährt kurz darauf, was der Moderator mit seiner Frage bezwecken will. „Ich frage deshalb, weil Sie anscheinend kein Freiheitsproblem haben, dass der Staat Ihnen vorschreibt, sich anzuschnallen, um sich somit selbst zu schützen. Aber Sie haben ein Freiheitsproblem, eine Maske anzulegen, um sich und andere zu schützen“.

ZDF-Moderator Theo Koll (rechts) überrumpelte AfD-Politiker Tino Chrupalla im Rahmen von „Berlin direkt“ mit pikanten, provozierenden Fragen.

Volltreffer von Koll, das zunächst lockere Stelldichein wandelt sich flugs in einen verbalen Abtausch, der beste Unterhaltung bietet. Chrupalla verstehe den Vergleich nicht, ihm sei nicht bewusst, was die Masken- mit der Gurtpflicht zu tun habe. Es gehe bei beiden darum, Leben zu retten und auch darum, „ob der Staat das Recht hat, die Freiheit des Einzelnen einzuschränken, um damit Leben zu retten“, erläutert der ZDF-Moderator. Plausible Argumentation, jedoch nicht aus der Sicht des AfD-Politikers.

Berlin direkt (ZDF): AfD-Bundessprecher Chrupalla hinterfragt Sinnhaftigkeit der Maskenpflicht

Er schätze, dass es die Gurtpflicht in Deutschland seit rund 40 Jahren gibt und fragt genervt und sarkastisch: „Sollen wir die Masken nun 40 Jahre lang tragen?“. Ihm gehe es allein um das Prinzip, erwidert Koll. Will Chrupalla aber nicht verstehen, für den der skizzierte Vergleich mehr als hinkt. In dieser Hinsicht kommen die beiden Hemdträger auf keinen Konsens mehr. Im Folgenden erweist sich der gebürtige Oberlausitzer als Hobby-Epidemiologe und hinterfragt die Tauglichkeit der „normalen Stoff-Mund-Nasenbedeckung“.

Denn diese würde seiner Ansicht nach keinen ausreichenden Schutz vor Coronavirus-Sars-CoV-2 bieten. Effektiv die Gesundheit schützen würden nur die FFP2-Masken, welche jedoch kaum im Gebrauch seien. Daraufhin zeigt sich Theo Koll als gut vorbereitet und hält Chrupalla ein Zitat vor, das aus einem Interview von ihm selbst stammt. „Einkaufen mit Maske macht keinen Spaß“, lautet dieses. Der Politiker stört sich an der Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen und verweist auf die Demonstrationen in Berlin*, bei denen sich 17.000 Menschen zusammengefunden hatten, um gegen die Maskenpflicht und Abstandsregelungen zu protestieren.

Dies empfand Linken-Politikerin Katja Kipping* als „Aufruf zur Rücksichtslosigkeit*“, wie sie im Rahmen der ZDF-Sommerinterviews von „Berlin direkt“ wissen ließ. So drastisch drückt sich Chrupalla nicht aus, der sich natürlich keine zweite Infektionswelle im Herbst wünsche, die Demonstration hinsichtlich gesundheitlicher Aspekte aber auch nicht kritisch hinterfragt. Er bleibt vehement bei seinem Standpunkt, dass das Tragen einer Maske auf Freiwilligkeit basieren sollte. Locker und lasch, diese Attribute vermittelt der AfD-Politiker zunehmend.

Empfindet auch Theo Koll, der auf die Ausführungen seines Gegenübers nur mit Kopfschütteln reagieren kann und Chrupalla parteiinterne Aussagen vorliest, die nicht zuletzt auch seinen Führungsstil kritisch hinterfragen. Davon will der Sachse aber nichts wissen, dem schlussendlich der Geduldsfaden reißt. „Herr Koll, über was wollen wir jetzt weiter reden? Wollen wir über die permanenten Einzelmeinungen reden, die geschickt zusammengestellt worden sind und dieses Gespräch hier in eine Richtung bringen? Oder wollen wir lieber noch über die Probleme der Menschen in diesem Land reden?“, platzt es aus dem Politiker in leicht aggressivem Unterton heraus.

Berlin direkt (ZDF): Moderator Theo Koll attestiert AfD-Politiker Chrupalla „interessante Ansichten“ – Diskussion über Ex-Parteimitglied Andreas Kalbitz und dessen Rauswurf

Geschickte Rhetorik, die Koll aber schnell durchschaut. An dieser Stelle ist klar: Die Fronten zwischen den beiden Männern sind mehr als verhärtet, der Geduldsfaden Chrupallas ist, zumindest für den Rest des ZDF-Sommerinterviews, irreparabel. Irgendwie reißen sich die beiden Männer zusammen und führen ihr Gespräch fort. Der Politiker wird auf US-Präsident Donald Trump angesprochen, der massiv Truppen aus Deutschland abzieht. Ob deswegen von einem Ende der NATO gesprochen werden müsste, will der Moderator wissen.

Berlin direkt (ZDF): Moderator Theo Koll (links) und AfD-Politiker Tino Chrupalla stritten sich vor allem über die Maskenpflicht.

Chrupalla weicht einer klaren Antwort aus hält fest, dass Trump der erste Präsident sei, unter dem Amerika in keinen Krieg gezogen ist. Er habe aber bereits bestehende Konflikte nur verschlimmert, merkt Koll an. Davon will der AfDler aber nichts wissen und ignoriert gekonnt die Anmerkung des ZDF-Moderators. Letztendlich kann der Interviewer nur bilanzieren, dass sein Gesprächspartner „interessante Ansichten“ habe. Diplomatisch formuliert vom Journalisten, der auch noch über Ex-AfD-Mitglied Andreas Kalbitz sprechen will.

Dieser sorgte für bundesweites Aufsehen durch das Bekanntwerden seiner Vormitgliedschaft in der Neonaziorganisation Heimtattreue Deutsche Jugend“ und wurde aufgrund dessen aus der AfD verbannt*. Chrupalla würde Leute nach „ihrem Tun und Behandeln“ beurteilen und betont, dass die Urteilsbegründung beim Landgericht Berlin zunächst abgewartet werden müsste. Denn Kalbitz hatte einen Eilantrag gestellt, da er sich nicht mit dem Ausschluss aus der Partei arrangieren wollte. Sollten die Berichte über seine Vergangenheit allerdings stimmen und Kalbitz hatte die AfD angelogen, dann sei der Ausschluss nur konsequent, merkt der Politiker an.

Am Sonntag, 16. August 2020 ist der SPD-Bundesvorsitzende Norbert Walter-Borjans im Rahmen der ZDF-Sommerinterviews bei „Berlin direkt“ zu Gast. Ab 19:10 Uhr wird er Moderator Theo Koll Rede und Antwort stehen. Zuvor waren bereits Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD)*, CSU-Vorsitzender Markus Söder* und FDP-Vorsitzender Christian Lindner* zu sommerlichen Gesprächen eingeladen gewesen. Gesprochen wurde über Pflichttests für Corona-Urlauber*, Söders Kanzler-Kandidatur* und Internet-Pöbeleien gegen Politiker*. * 24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Matthias Rietschel/ZDF

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