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Baerbock und Habeck: Ist das grüne Traumduo am Ende?

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Von: Jens Kiffmeier

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Annalena Baerbock will Kanzlerin werden. Dafür braucht sie die Unterstützung von Co-Chef Robert Habeck. Der ist eingeschnappt. Hat das Bündnis eine Zukunft?

HamburgAnnalena Baerbock gegen Robert Habeck: Bekommt das bislang harmonische Verhältnis zwischen den beiden Parteichefs der Grünen jetzt doch Risse? Kanzlerkandidatin Baerbock hat diesen Eindruck vehement zurückgewiesen. Robert Habeck werde im anstehenden Bundestagswahlkampf eine zentrale Rolle spielen, kündigte die 40-jährige Spitzenkandidatin in der ARD-Talksendung von „Anne Will*“ an. Wegen seiner Regierungserfahrung soll der frühere schleswig-holsteinische Umweltminister vor allem mögliche Koalitionsverhandlungen für die Grünen sondieren und vorbereiten.

Annalena BaerbockRobert Habeck
ParteivorsitzendeParteivorsitzender
geboren 15. Dezember 1980, Hannovergeboren 2. September 1969, Lübeck
verheiratet, zwei Kinderverheiratet, vier Kinder

Doch die Zweifel, ob sich der Bundesvorsitzende mit dieser Rolle zufriedengibt, werden immer mehr. Der parteiinterne Machtkampf mit Baerbock hat offenbar tiefere Spuren hinterlassen, als zunächst vermutet werden konnte. Es ist vor allem Habeck selber, der mit einem Interview in der „Zeit“ detaillierte Einblicke in seine Gefühlswelt preisgab und dabei erkennen ließ, wie sehr ihn die Nominierung Baerbocks zur Spitzenkandidatin getroffen hatte.

Annalena Baerbock: Grüne Kanzlerkandidatin – Habeck hadert und soll Koalitionen sondieren

Am Montag vor einer Woche hatte der Bundesvorstand der Grünen Baerbock als Kanzlerkandidatin vorgeschlagen. Der Tag der Entscheidung sei „der schmerzhafteste in meiner politischen Laufbahn“ gewesen, sagte Habeck im Anschluss der „Zeit“. Nichts habe er mehr gewollt, als „dieser Republik als Kanzler zu dienen“. Dieser Traum sei nun zerstört und er müsse versuchen, die persönliche Niederlage in einen Sieg bei der Bundestagswahl umzumünzen.

Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) redet energisch. Daneben steht Parteichef Robert Habeck und schaut enttäuscht.
Herrscht zwischen beiden noch Einigkeit? Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Parteichef Robert Habeck (beide Grüne). (24hamburg.de-Montage) © Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Also doch Baerbock gegen Habeck statt Annalena zusammen mit Robert? Bislang galt der Machtkampf zwischen den beiden als ein politisches Vorzeigeprojekt. Die beiden Parteichefs, die die Grünen seit 2018 gemeinsam führen, hatten früh ihre jeweiligen Ambitionen auf die erste grüne Kanzlerkandidatur kundgetan. Zugleich hatten sie aber stets betont, die Entscheidung in aller Freundschaft zu treffen. Augenscheinlich war ihnen das auch gelungen. Bis zum Tag der Nominierung war nichts nach außen gedrungen. Es gab kein böses Wort.

Seit drei Jahren stehen die Grünen sehr geschlossenen dar. Alte Flügelkämpfe wurden überwunden. Ein Verdienst, der sowohl Baerbock als auch Habeck zugerechnet wird. Mit Blick auf die Kanzlerkandidatur war es am Ende ein knappes Rennen, wie auch der 24hamburg.de-Kandidatencheck zeigt. Am Ende waren Nuancen ausschlaggebend. Während Baerbock vor allem bei der Parteibasis wegen ihrer fundierten Fachkenntnisse beliebt ist, konnte er vor allem seine höheren Popularitätswerte und seine Regierungserfahrung in die Waagschale werfen.

Annalena Baerbock: Fehlende Regierungserfahrung soll Robert Habeck ausgleichen

Die fehlende Regierungserfahrung gilt als das große Manko bei Baerbock, die seit 2013 Bundestagsabgeordnete für Brandenburg ist. Nachdem sie sich unter anderen bereits deswegen von Linkspolitiker Oskar Lafontaine anfeinden lassen musste, nahm ARD-Talkmasterin Anne Will die 40-Jährige deswegen auch am Sonntag in die Mangel – und stieß dabei auf eine zunehmend genervte Baerbock*.

Wenn sie etwas wollte, dann konnte sie das klar sagen.

Spiegel-Autor und ehemaliger Kommilitone Malte Michael-Müller

„Wenn Regierungserfahrung das einzige ist, dann kann die Groko ja einfach so weitermachen“, blaffte sie in die Kameras. Dann argumentierte sie so, wie sie in diesem Fall immer argumentiert: Sie werde nicht im Status quo verharren, sondern sie stehe für einen Neuanfang. So wie es etwa auch US-Präsident Barack Obama oder die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern am Anfang ihrer Regierungszeit gemacht hätten. Und außerdem: Hinter ihr stehe mit den Grünen eine Partei mit Regierungserfahrung. Inklusive Habeck. Punkt.

Baerbock gegen Habeck: Alte Weggefährten bezeichnen den Machtkampf als perfekte Inszenierung

Insofern kommt nun vieles auf Habeck als Teamplayer an. Denn im Gegensatz zur Union, die sich wochenlang einen erbitterten Grabenstreit zwischen den beiden möglichen Kanzlerkandidaten Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU) geliefert hat, erleben die Grünen derzeit einen richtigen Höhenflug. Lagen die Grünen in den vergangenen Monaten stets in den Umfragen hinter der Union* auf Platz zwei, zogen sie nun erstmals an den Konservativen vorbei – auch dank der Geschlossenheit. Aber auch dank Baerbock, die in den Augen vieler Wähler tatsächlich als Neuanfang gewertet wird.

Habeck selber ist schlau genug, das durch weitere Interviews nicht kaputtzumachen. Sollten es die Grünen tatsächlich im September an die Macht schaffen, dann wird für ihn sicherlich ein entsprechendes Superministerium abfallen. Dass für ihn in diesem Rennen nichts anderes drin war und ist, verwundert zumindest einstige Weggefährten von Baerbock nicht.

Das Zusammenspiel zwischen Annalena und ihrem Co-Vorsitzenden habe in den vergangenen Wochen ein wenig zu perfekt inszeniert gewirkt, schreibt „Spiegel“-Autor Malte Müller-Michaels, der zusammen mit Baerbock in der Hansestadt Hamburg studiert hat. Aus den gemeinsamen Studientagen kenne er die heute 40-Jährige nicht als reinen Harmoniemenschen. „Wenn sie etwas wollte, konnte sie das klar sagen“, schreibt er. „Und wenn sie etwas nicht wollte, sogar noch etwas klarer.“ * 24hamburg.de, fr.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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