Wer wird Kanzlerkandidat?

Grünen-Wahlkampf: Frauenquote-Vorteil beim Duell zwischen Habeck und Baerbock?

  • Jens Kiffmeier
    VonJens Kiffmeier
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Im Kampf um die Kanzlerkandidatur gilt eine Frauenquote bei den Grünen. Vorteil für Annalena Baerbock gegenüber Konkurrent Robert Habeck? 24hamburg.de gibt Antworten.

Hamburg – Geht es nach Daniel Cohn-Bendit, dann ist die K-Frage bei den Grünen längst entschieden. Das Urgestein der Öko-Partei hat sich auf Robert Habeck als Spitzenkandidaten bei der kommenden Bundestagswahl festgelegt statt Annalena Baerbock. Der Parteichef sei der „bessere Kanzlerkandidat“, schrieb der ehemalige Europaabgeordnete in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Das Problem ist nur: Habeck ist ein Mann. Im Machtkampf um den Top-Posten ist das ein Nachteil – wegen der Frauenquote.

Annalena Baerbock:Robert Habeck
Parteivorsitzende der Grünen (seit 2018)Parteivorsitzender der Grünen (seit 2018)
geboren 15. Dezember 1980 (Alter 40 Jahre), Hannovergeboren 2. September 1969 (Alter 51 Jahre), Lübeck
verheiratet, zwei Kinderverheiratet, vier Kinder

Am 19. April 2021 wollen die Grünen ihre K-Frage klären. Mit Annalena Baerbock und Robert Habeck stehen die beiden Co-Parteichefs zur Auswahl. Beide haben ihr Interesse bekundet. Der Bundesvorstand will übernächste Woche einen Personalvorschlag machen. Zwar nominiert ein Parteitag am 11. Juni 2021 offiziell den Kanzlerkandidaten. Aber die Empfehlung des Parteigremiums ist eine deutliche Vorfestlegung.

Baerbock oder Habeck: Die Grünen nominieren ihren Kanzlerkandidaten unabhängig von der Frauenquote

Zumindest auf dem Papier liegt Baerbock im Vorteil. In der Partei gilt seit 1986 eine strenge Frauenquote*. Alle Gremien müssen demnach zu 50 Prozent mit Frauen besetzt sein und auf allen Wahllisten ebenso viele Frauen wie Männer aufgestellt werden. Die ungeraden Zahlen und damit auch der Listenplatz eins sind den Frauen vorbehalten, sprich: Es gibt ein weibliches Erstzugriffsrecht, das im grünen Selbstverständnis auch bei der Besetzung einer Kanzlerkandidatur gelten könnte.

Annalena Baerbock oder Robert Habeck? Die Grünen entscheiden bald die K-Frage. (24hamburg.de-Montage)

Habeck selber hat das bereits anerkannt. Erst kürzlich sagte er bei einem Auftritt in der ARD-Talksendung von Anne Will: „Wenn Annalena Baerbock als Frau sagen würde, ich mache es, weil ich eine Frau bin – und die Frauen haben das erste Zugriffsrecht – dann hat sie es, natürlich.“ Doch weder er noch Baerbock, die sich auch gerne mit Bundeskanzlerin Angela Merkel anlegt, würden so platt argumentieren, schob er hinterher. „Wir haben immer gesagt, dass aus unserer Sicht das Kanzleramt nicht quotierbar ist.“

Spitzenkandidaten der Grünen für Bundestagswahl 2021: Umfragen bescheinigen gute Wahlchancen

In diesem Fall stößt die jahrzehntelange Praxis der Grünen jetzt an ihre Grenzen. Denn für die Grünen bietet sich eine historische Chance: Zum ersten Mal in der Geschichte haben sie tatsächlich die berechtigte Aussicht, den Chefsessel im Kanzleramt zu erobern. Seit Monaten liegen sie stabil in den Umfragen mit über 20 Prozent als zweitstärkste Kraft hinter der CDU.

Doch seit dem die Union ihrerseits wegen der Maskenaffäre an Beliebtheit einbüßt, bieten sich plötzlich neue Machtoptionen. Denkbar ist nun auch eine Ampelkoalition – und zwar unter grüner Führung, weshalb die Partei auch erstmals einen eigenen Kandidaten nominieren will. Der Gewinner der K-Frage ist dabei nicht nur der Vorturner im Wahlkampf, der möglichst viel für Partei und Abgeordnete herausholen soll, sondern der am Ende vielleicht auch das Land führen muss.

Wir sind keine Prinzipienreiter.

Annalena Baerbock, Parteichefin der Grünen, zur Frauenquote

Habeck und Baerbock, die die Partei seit 2018 harmonisch gemeinsam als Vorsitzende führen, wissen beide um die Bedeutung der Rolle. Sie wollen die Nominierung deshalb auf keinen Fall auf die Frauenfrage reduziert wissen. Auch Baerbock nicht. Auf die Quote angesprochen, sagte die 40-Jährige unlängst im „Spiegel“: „Wir sind keine Prinzipienreiter, sondern wir entscheiden aus der Sache heraus. Das macht uns viel, viel freier.“

Entscheidung über Kanzlerkandidaten der Grünen: Baerbock gegen Habeck – Keine Frage der Quote

Eine Entscheidung aus der Sache heraus – auch unabhängig von der Quote spricht einiges für Baerbock als Kanzlerkandidatin. Obwohl Habeck als ehemaliger Umweltminister in Schleswig-Holstein vor allem mit seiner Regierungserfahrung punkten kann, gilt Baerbock in dem Tandem als inhaltlich stärker. Zuletzt kämpfte sie stark für das Kindeswohl in der Corona-Krise. Er gilt als eloquenter, offenbart aber in Interviews öfter mal Wissenslücken. Sie hingegen, die Völkerrechtlerin und langjährige Parlamentarierin, glänzt durch Detailkenntnisse.

Die Deutschen jedenfalls halten beide für kanzlerfähig*. In einer aktuellen Umfrage von RTL/ntv trauen die Befragten zu 20 beziehungsweise 23 Prozent Baerbock oder Habeck den Posten des Regierungschefs zu. Vor ihnen in der Gunst liegt nur Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der aber noch kein offizieller Kandidat der Union ist. Olaf Scholz für die SPD ist abgeschlagen.

Insofern genießt auch Baerbock ein hohes Maß an Vertrauen und Respekt in Partei und Bevölkerung, nicht nur der Talkshow-affine Habeck. Außerdem wäre die 40-Jährige trotzdem die einzige Frau im Kandidatenrennen. Das kann ein Vorteil für die Grünen sein, der nichts mit der Quote zu tun hat. Denn die Mehrheit der Wählerschaft ist weiblich. Und ob die sich nur zwischen Söder, Laschet, Scholz oder Habeck entscheiden will, ist fraglich. Insofern kann es durchaus sein, dass Cohn-Bendit irrt. * 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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