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Schluss mit nur männlichen Crashtest-Dummys: EU-Politiker fordern weibliche Puppen

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Von: Fabian Hartmann

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Frauen sind bei Autounfällen stärker gefährdet als Männer. Trotzdem gibt es für sie in der EU bis heute keine eigene Crash-Puppe. Ein Ausschuss des EU-Parlaments will das nun ändern.

Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem ESG.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn ESG.Table am 05. April 2023.

Berlin – Wenn Autohersteller Unfälle simulieren, stellen sie viele Szenarien nach. Aufprall von vorne oder von der Seite, mit anderen Autos oder mit einem Motorrad und das in verschiedenen Geschwindigkeiten – alles wird getestet. Bloß innen, da sitzt vor allem einer: der Crash-Test-Dummy „Hybrid III 50th Male“, 1,75 Meter groß, 78 Kilogramm schwer. Eine standardisierte Puppe, die dem durchschnittlichen Mann entspricht. Oder entsprechen soll. Denn entwickelt wurde sie bereits in den 70er-Jahren in den USA.

Dass Autofahrer heute womöglich andere Maße haben, wird nicht berücksichtigt. Und dass Frauen am Steuer sitzen könnten, auch nicht. Dabei kommen sie ähnlich häufig zu Schaden wie Männer, obwohl sie seltener Unfälle verursachen. Für sie wird lediglich eine kleinere Version des männlichen Modells genutzt: „HIII5F“ ist 1,52 Meter groß und 54 Kilogramm schwer – was eher einem 12- bis 14-jährigen Mädchen als einer Frau entspricht.

Der Transport-Ausschuss des Europaparlamentes setzt sich deshalb jetzt für weibliche Crash-Test-Dummies ein. In einer Stellungnahme zu einem Bericht über die Verkehrssicherheit von Frauen fordert er, dass Crash-Tester künftig auch „weibliche Dummies“ nutzen müssen. „Zu lange wurden Autos, Autositze und Sicherheitsgurte für den männlichen Körper konzipiert, was für Frauen, die in Autounfälle verwickelt sind, katastrophale Folgen hat“, sagt die grüne Europaabgeordnete Tilly Metz, die den Änderungsantrag eingereicht hat. „Mit unserer Stellungnahme fordern wir die Kommission auf, neue Normen für Crash-Test-Dummies zu entwickeln.“

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Debatte um Crash-Puppe: Das Bundesverkehrsministerium sieht keinen Handlungsbedarf

Auch die grüne Bundestagsabgeordnete Swantje Michaelsen kritisiert die derzeitigen Standards. „Die aktuelle Prüfpraxis ist wirklich problematisch, denn sie ignoriert die Mehrheit aller Verkehrsteilnehmenden“, sagt sie. Als Berichterstatterin im Verkehrsausschuss hat sie sich bereits an das Bundesverkehrsministerium gewandt, ohne Erfolg. „Leider lautete die Rückmeldung: Das Ministerium sieht keinen Handlungsbedarf.“

Michaelsens männliche Koalitionskollegen springen ihr nicht bei. Jürgen Lenders (FDP) verweist auf den aktuellen Unfallverhütungsbericht und den wissenschaftlichen Kenntnisstand und kann „aktuell keine Handlungsnotwendigkeit“ erkennen. Der SPD-Angeordnete Mathias Stein warnt davor, „die Debatte um den Innenraumschutz bei Kfz-Unfällen auf die Geschlechterfrage zu reduzieren“. Frauen seien „inzwischen nurmehr geringfügig schlechter geschützt“. Die gravierendsten Unterschiede gebe es noch im Bereich der Schleudertraumata – „ein Problem, das technisch gelöst werden muss“.

Statistik zu Autounfällen: Frauen verletzen sich anders und schwerer

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2021 insgesamt 161.201 Autoinsassen verletzt, darunter 80.732 Frauen. Studien zeigen, dass bei ihnen im Vergleich zu Männern überdurchschnittlich häufig am Becken, an den Beinen und der Wirbelsäule verletzen. Frauen werden außerdem öfter im Unfallfahrzeug eingeklemmt und sind einem etwa doppelt so hohen Risiko ausgesetzt, ein Schleudertrauma zu erleiden.

Forscher untersuchen Unfälle zwischen Autos und Fußgängern
Vorbild Mann: Crash-Puppen orientieren sich noch immer am männlichen Körperbau – dabei sind Frauen im Auto gefährdeter. © Ina Fassbender

Die Unfallchirurgin Rebecca Sänger führt das auf anatomische Unterschiede zurück. „Die Muskulatur und die Bänder von Frauen haben einen kleineren Gesamtdurchmesser, so auch in der Halswirbelsäule, was eine geringere Absorptionsfähigkeit von freigesetzter Energie während Auffahrunfällen erklärt.“ Ein anderes Problem: Weil Frauen mit ihren im Schnitt kürzeren Beinen näher an das Armaturenbrett heranrücken, prallen sie leichter mit ihren Knien und Unterschenkeln auf, was sogenannte „Dashboard-Verletzungen“ nach sich ziehen kann – Brüche des Oberschenkels, der Kniescheibe, ein Ausrenken des Hüftkopfes und Schäden an der Wirbelsäule.

Siegfried Brockmann ist Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV). Für Table.Media hat er in der EUSKA-Datenbank nachgeschaut: Demnach zeigen die polizeilichen Unfalldaten aus elf Bundesländern ein um elf Prozent höheres Risiko für Frauen, im Pkw schwer verletzt zu werden. Bei leichten Verletzungen liegt ihr Anteil um 44 Prozent höher als bei Männern. Zudem bestätigen die GDV-Unfalldatenbank und die internationale Forschung laut Brockmann, „dass weibliche Personen tatsächlich überdurchschnittlich oft eine HWS-Distorsion erleiden“.

So könnte die Puppe aussehen: Team von Forscherinnen stellt weiblichen Dummy vor

Die schwedische Ingenieurin Astrid Linder, die als Forschungsdirektorin am Swedish National Road and Transport Research Institute tätig ist, hat mit ihrem Team deshalb kürzlich „EVA“ vorgestellt. Der Dummy ist weiblich geformt, 1,62 Meter groß und 62 Kilogramm schwer und hat einen veränderten Schwerpunkt, weil das Becken und die Hüfte bei Frauen anderes ausgeprägt sind als bei Männern. Nun fehlt es nur noch an der Nachfrage. „Wenn die Gesellschaft das Modell einer durchschnittlichen Frau haben möchte, dann wird sie das bekommen“, sagt Linder. Noch scheint es allerdings nicht so weit zu sein.

Ein Grund dürften die EU-weit geltenden Vorschriften der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) sein. Die UNECE arbeitet seit Ende der 1950er-Jahre an der grenzüberschreitenden Harmonisierung technischer Standards. In ihren Regelungen 94, 95 und 137, die sich mit der Sicherheit von Fahrzeuginsassen befassen, ist der „Hybrid III 50th Male“ und davon abgeleitete Varianten als Test-Norm für die Autohersteller festgeschrieben. „Es ist, als würde die Gesellschaft sagen: Nein, wir schauen uns das nicht an, wir interessieren uns nur für den Durchschnittsmann“, so Linder. (Carsten Hübner)

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