Corona-Koch und „deutsche Arbeiter“

Attila Hildmanns schreckliche Berlin-Demo: Damenbinden, „NS-Rhetorik“, Umsturz-Fantasien

  • Enno Eidens
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Bei seiner Kundgebung vor dem Alten Museum in Berlin packt Attila Hildmann allerhand heftige Thesen aus. Einige sehen darin Annäherung an die Rhetorik der Nationalsozialisten.

  • Attila Hildmann demonstriert am Samstag in Berlin.
  • Heftige Sprüche, „NS-Rhetorik“ und Masken-Witze sind dabei.
  • Gegendemo vor Ort, Lage bleibt friedlich.

Berlin – Wieder steht Attila Hildmann vor einer Menschenmenge und spricht über die angebliche Coronavirus-Verschwörung, seine politischen Feinde und – Damenbinden. Der Corona-Koch aus Berlin driftet rhetorisch immer weiter nach rechts. Einige vergleichen seine aktuelle Rhetorik mit der, wie sie auch die Nationalsozialisten genutzt haben. Noch eine solche Demo wird es vorerst nicht geben - die Polizei Berlin hat Attila Hildmann ein entsprechendes Verbot erteilt.

AutorAttila Hildmann
Geboren: 22. April 1981 (Alter 39 Jahre), Berlin
Größe1,77 m
ElternUrsel Hildmann
AusbildungFreie Universität Berlin

Attila Hildmanns Demo in Berlin: Corona-Wahnsinn, „NS-Rhetorik“ und viel Deutschland

Am Samstag, 11. Juli steht Attila Hildmann vor dem Alten Museum in Berlin. Mit Lautsprecher und Mikrofon ausgerüstet setzt er zu einer langen Rede an. Darin geht es – neben vielen anderen Dingen – um die Maskenpflicht, die Black-Lives-Matter-Demonstrationen, Hildmanns angeblichen politischen Feinden und das deutsche Kaiserreich. Die Kundgebung endet mit Umsturzfantasien und lauten „Attila, Attila“-Rufen aus dem Publikum.

Attila Hildmanns Rhetorik ist aggressiv, anprangernd und vollgeladen mit Verschwörungs-Erzählungen. Er vermengt die Themenbereiche Coronavirus, Reichsbürgerbewegung und eine angebliche internationale bolschewistische Bedrohung zu einem wilden Mix, der stellenweise an Propaganda-Erzählungen aus dem Dritten Reich erinnert. Vor allem, wenn es um den deutschen Arbeiter und die Beschreibung seiner politischen Gegner geht, spielt Hildmann mit NS-Rhetorik.

Attila Hildmann mit ABC-Maske vor dem Alten Museum.

Eine anwesende Gegendemo setzt ein Zeichen gegen Hildmanns Präsenz in Berlin. Zudem hat das Alte Museum ein großes Banner aufgehängt. Über den Treppen prangt der Schriftzug: „Für Weltoffenheit und demokratische Werte. Gegen Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Hetze“ – die Berliner Museen haben sich bereits öffentlich von den Hildmann-Demos distanziert.

Coronavirus-Verschwörungstheorien: „Sklavenmaskenpflicht“, China und die Virus-Attacke

Eine absolute Maskenpflicht gibt es auf der Demo nicht. Das wurde zwar vorher angekündigt, kurzfristig aber wieder aufgehoben. Die Teilnehmer müssen auf Ansage der Polizei den Mindestabstand einhalten oder Masken tragen. Vor Ort trägt kaum einer Maske, auch der Abstand wird nur selten eingehalten. Attila Hildmann macht sich über das Tragen von Masken zum Schutze vor dem Coronavirus lustig. Diese nennt er nur „Sklavenmasken.“

Er bewirbt eine Damenbinde und einen Kaffeefilter als sinnvolle Schutzmaßnahmen gegen eine Coronavirus-Infektion. Hildmann glaubt nicht an die Gefährlichkeit des Coronavirus in Deutschland. Im Gegenzug spricht er allerdings dennoch davon, dass der Coronavirus eine „Virus-Attacke“ der chinesischen Regierung sei.

In der Attila-Hildmann-Telegram-Gruppe wird diese China-Erzählung von gut zwei Dritteln mitgetragen – das ergab eine Umfrage Hildmanns auf Telegram. Nachprüfen lässt sich das nicht. Jüngst nutzte er den Kanal, um einen „Blitzkrieg“ gegen Playmobil auszurufen*. Auf der Kundgebung am Samstag sorgen Hildmanns Masken-Witze für viel Erheiterung. Nur mit einer militärischen ABC-Schutzmaske könne man sich effektiv vor dem Virus schützen, so der Corona-Koch. Den Widerspruch zwischen „Virus-Attacke“ und erfundener Pandemie löst Hildmann nicht auf. Nach seiner Theorie will eine mächtige Elite durch das Coronavirus die Geschicke der Welt steuern.

„NS-Rhetorik“ von Attila Hildmann: Der „deutsche Arbeiter“ das „deutsche Volk“ und „hinterhältige Zecken“

Attila Hildmann gibt offen zu, Reichsbürger zu sein. Die schwarz-weiß-rote Flagge – die des deutschen Kaiserreichs – sei die einzig richtige deutsche Flagge. Reichsbürger glauben nicht an die Legitimität der Bundesrepublik. Hildmann äußert auf der Demo später noch Umsturzfantasien über die Bundesregierung. Heftig ist an diesem Samstag seine Rhetorik zum Thema Deutschland und deutsche Arbeiter.

Hildmann behauptet, Deutschland sei 75-Jahre „ausgeblutet“ worden, sieht sich und seine Anhänger als Krieger für ein deutsches Vaterland und nennt seine politischen Gegner „hinterhältige Zecken, die sich mit Blut vollsaugen vom deutschen Arbeiter.“ Der deutsche Arbeiter hat es Hildmann angetan. Er spricht von ihm als „der Stolz Deutschlands.“

Auch in der Propaganda der Nationalsozialisten wurde der deutsche Arbeiter stets hervorgehoben. Das Lebendige Museum Online schreibt dazu: „Gleichzeitig glorifizierte die Propaganda das Bild des arbeitenden ‚Volksgenossen‘. Parallel zur Arbeiterschaft wurden Bauern und Soldaten als Grundlage und Verteidiger der ‚Volksgemeinschaft‘ verherrlicht, als dessen Keimzelle und Garant sittlicher Ordnung die traditionelle, kinderreiche Familie galt.“

Attila Hildmanns Umsturzfantasien – „Wird die Wahrheit ans Licht kommen”

Vor dem Alten Museum demonstrieren viele Menschen gegen Attila Hildmann. So zum Beispiel die „Archäolog*innen gegen Antisemitismus“, die „Verschwörungsideologien begraben“ wollen. Der Begriff Verschwörungsideologie statt -theorie wird verwendet, weil er präziser ausdrückt, dass die Anhänger solcher Ideen ihren Vorstellungen ohne sachliches Hinterfragen folgen und nicht nach Gegenbeweisen suchen. Eine Theorie an sich muss widerlegbar sein, eine Ideologie nicht.

Attila Hildmann adressiert die Gegendemo in seiner Rede. Diese sei ein „schwarzer Block von deutschlandfeindlichen Terroristen“ und fordert sie dazu auf Deutschland zu verlassen. Dann beleidigt er seine politischen Gegner: „Was habt ihr mit Deutschland zu tun? Ihr seid Zecken, linke Terroristen seid ihr!“ Auch hier baut Hildmann den deutschen Arbeitermythos ein: „Das sind hinterhältige Zecken, die sich mit Blut vollsaugen vom deutschen Arbeiter.“ Attila Hildmann führt eine Feindesliste, hat 24hamburg.de herausgefunden.

Hildmann bemühte in seinen Reden nicht nur die schon bekannten verschwörungsideologischen Bilder, wonach Corona eine Erfindung von Zionisten sei, um die Welt unter die Kontrolle zu bekommen, die Qualität der Reden ist mittlerweile aggressiv antisemitisch und lehnt sich an NS-Rhetorik an. Während er sich selbst als Widerstandskämpfer für den „reinen deutschen Volkskörper“ und die Dt. Arbeiterschaft betrachtet, wurden seine Feinde, zu denen hierzulande insbesondere Angela Merkel und „die Antifa“ gehören, zum volkszersetzenden Gift.

Friedensdemo-Watch

Attila Hildmanns Demo endet in lauten „Attila, Attila“-Rufen. Vorher hat er seinen Anhängern versprochen, dass man sich nach einem Umsturz der bestehenden Verhältnisse an sie erinnern werde. Die Aktivisten von „Friedensdemo-Watch“ kritisieren Hildmanns Auftritt und dessen NS-Rhetorik.

Die Berliner Polizei schützte die Veranstaltung und setzte weder die Maskenpflicht noch den Mindestabstand der Teilnehmer durch. Trotz Gegendemos vor Ort lief der Samstag friedlich ab. Doch kurz nach der Demo legte der Corona-Koch bereits nach. Attila Hildmann verbreitete Mordfantasien gegen einen Grünen-Politiker*. 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Jörg Carstensen/dpa/picture alliance

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