Rechte Demo-Taktik

Fake-Journalist bei Attila Hildmann – AfD-Politiker „traktiert“ Pressevertreter

  • Enno Eidens
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Auf einer Demo von Attila Hildmann rückt AfD-Politiker Stefan Bauer einem Pressevertreter auf die Pelle. Dahinter wird eine Medientaktik von rechten und „alternativen“ Medienmachern vermutet.

  • Attila Hildmann bedrängt Journalisten in Berlin.

  • AfD-Politiker Stefan Bauer besucht dieselbe Demo.

  • Dahinter steckt offenbar rechte Medientaktik.

Berlin – Die Attila-Hildmann-Demo am 27. Juni wurde bereits viel diskutiert. Hildmann bedrängte Journalisten des Jüdischen Forums, wurde dafür sogar angezeigt. Doch auch ein anderer Akteur des rechten politischen Spektrums fiel an diesem Tag auf. Stefan Bauer von der AfD-Rosenheim bedrängte denselben Journalisten, aber seine Taktik ist eine andere.

AutorAttila Hildmann
Geboren22. April 1981 (Alter 39 Jahre), Berlin
Größe1,77 m
ElternUrsel Hildmann
AusbildungFreie Universität Berlin

Attila-Hildmann-Demo in Berlin: Fake-Journalist von der AfD bedroht Pressevertreter

Die Situation am Nordeingang der Messe Berlin ist angespannt. Attila Hildmann baut sich vor einem Journalisten des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) auf. Die Berliner Polizei hält die beiden leidlich auseinander. Hildmann droht den anwesenden Journalisten: „[wir] werden Eure Namen finden und dann gucken wir weiter.“ Attila Hildmanns Feindesliste aktualisiert er auch in seiner Telegram-Gruppe.

Attila Hildmanns Demos und die Presse vertragen sich nicht besonders gut. (24hamburg.de-Foto-Montage)

Eine immer größere Menge schafft es trotz Polizeiaufgebot, den Pressevertreter zu vertreiben. Der muss Zuflucht zwischen den anwesenden Polizeiautos suchen. Doch auch dort wird er nicht in Ruhe gelassen. Ein Mann folgt ihm, angeblich mit einem journalistischen Auftrag. Stefan Bauer, Schriftführer bei der AfD-Rosenheim, möchte ein Interview mit dem Pressevertreter führen. Der lehnt mehrfach ab, doch Bauer lässt nicht nach. Er folgt ihm trotz mehrfacher Bitte um Abstand und ignoriert auch die Anweisungen der Polizei, berichtet 24hamburg.de.

Ohne Unterlass traktierte Bauer den Pressevertreter mit Fragen und ignorierte dabei den coronavirusbedingten Mindestabstand von 1,50 Meter.

JFDA-Berlin

Stefan Bauer von der AfD-Rosenheim bedrängt auf Attila-Hildmann-Demo in Berlin Journalisten

Ein Video, das vom JFDA auf Facebook hochgeladen wurde zeigt, wie Stefan Bauer dem Journalisten folgt. Selbst als ein anwesender Polizist ihn anweist, Abstand zu halten, lässt Bauer nicht locker. Der AfD-Politiker behauptet, er könne auch ohne Zustimmung Interviews führen und erklärt dieses angebliche Recht mit der Pressefreiheit. Doch der Pressevertreter des JFDA möchte kein Interview führen, bittet ihn mehrfach darum, Abstand zu halten.

Stefan Bauer fängt an, Fragen zu stellen: „Wie stehen Sie zu Black Lives Matter“ – „Was machen Sie hier?“ – „Wofür steht Black Lives Matter, BLM?“ – „Ist das hier eine Organisation, die dafür sorgt, dass Biden wieder an die Macht kommt?“ Daraufhin bittet ihn die Berliner Polizei wieder, Abstand zu halten. Bauer behauptet, dass Journalisten keinen Abstand halten müssten. Das stimmt nicht. Stefan Bauer bedrängt den Pressevertreter trotz dessen anhaltenden Bitten immer weiter. Dahinter steckt, so vermuten das JFDA, eine perfide Medientaktik.

Attila-Hildmann-Demo: Die Medien-Taktik von rechten YouTubern und „alternativen Medien“

Das Jüdische Forum bereitet den Vorfall selbst auf und kritisiert, wie Stefan Bauer mit ihrem Journalisten umgegangen ist: „Stefan Bauers Bedrängungen und Missachtungen eines professionellen journalistischen und den Infektionsschutz berücksichtigenden Verhaltens gingen so weit, dass sich der Pressevertreter des Jüdischen Forums gezwungen sah, immer weiter Zuflucht hinter den Beamten und Fahrzeugen der Berliner Polizei zu suchen.“

In der „Aggressivität und Hartnäckigkeit“ von Stefan Bauer sehen sie eine Strategie von rechten YouTubern und Aktivisten. „Konsequentes Bedrängen, Behauptungen aufstellen und ‚Framing‘ sollen dazu führen, Aufmerksamkeit zu erzeugen und wahrgenommen zu werden“, schreibt das JFDA auf Facebook.

Stefan Bauer beim versuchten Interview an der Messe Berlin. (Screenshot)

Dahinter steckt laut dem Jüdischen Forum das Ziel, kritisch berichtende Journalisten und Aktivisten so lange zu provozieren, bis diese mit körperlicher Gewalt antworten oder auf eine Art reagieren, die man nachträglich ins Lächerliche ziehen kann. Dabei wird alles gefilmt.

Auch Stefan Bauer wird vor der Messe Berlin von zwei Kameraleuten begleitet, die konsequent draufhalten. Das ist kein Einzelfall. Die Website friedensdemowatch.com hat diverse Fälle dokumentiert, bei denen Stefan Bauer anwesenden Medienvertretern auf die Pelle rückte und später sogar Videos von den Vorfällen veröffentlichte.

Rechtsextremer „Volkslehrer“ veröffentlicht private Daten im Internet

Das JFDA schreibt auf Facebook im selben Kontext über den sogenannten „Volkslehrer“ Nikolai Nerling, der in seinen Videos ebenfalls „Namen und Institutionen der bedrängten Personen öffentlich“ preisgibt. Ebenso, wie es Bauer auf YouTube getan hat. Auf diese Art und Weise wrde die rechte Szene auf Aktivisten und Journalisten aufmerksam gemacht.

Nach dem Hildmann-Video sah sich das JFDA eigenen Angaben zufolge schweren Gewaltandrohungen auf Facebook ausgesetzt. Ein Nutzer schrieb ihnen eine lange Hassnachricht. Sie endet mit dem Satz: „Wir werden euch jagen.“ Auch Attila Hildmanns Rhetorik wird immer heftiger, viele sehen inzwischen eine Nähe zur Propaganda des Nationalsozialismus. Inzwischen hat Hildmann auch Mord-Fantasien gegen einen Grünen-Politiker auf Telegram gestellt.

Aktivisten fordern Schutz von Presse auf rechten Demos

Friedensdemo-Watch fordert wegen der steigenden Bedrohungen durch rechte Aktivisten und vermeintliche Journalisten, dass „Fach-Jounalist:innen, die von extrem rechten Veranstaltungen berichten, besser geschützt werden.“ Zudem solle man den rechten Akteuren keine Presseprivilegien gewähren. Diese seien keine Pressevertreter, sondern Aktivisten. Stefan Bauer selbst gibt dies in einem Video vom 6. Juli zu. Darin spricht er in Bezug auf die Demo von „wir“ und nennt sich selber „Ordner“ – von journalistischer Distanz keine Spur.

Am Samstag, 11. Juli 2020, soll wieder eine Demo von Attila Hildmann stattfinden. Die Hoffnung ist, dass es diesmal friedlich bleibt. Doch der Vegan-Koch lässt seinen Protest direkt vor der Gegendemo stattfinden*. Auch Fanta-4-Sänger Smudo kann von den Anfeindungen* aus der rechten Ecke ein Lied singen. Er hatte öffentlich sein Entsetzen über den Telegram-Kanal von Attila Hildmann* kundgetan und wurde hart angegangen. 24hamburg.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Rainer Jensen/Christophe Gateau/dpa/picture alliance

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