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„Gleiche Brust für alle!“ – Shitstorm gegen Oben-ohne-Diskriminierung im Schwimmbad

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Von: Ulrike Hagen

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Weil eine Frau im Schwimmbad ihre Brust nicht bedeckt, rufen Bademeister die Polizei. Es folgt ein Diskriminierungs-Shitstorm der Aktion „Gleiche Brust für alle“.

Göttingen – Geht von einer unbedeckten weiblichen Brust eine Bedrohung aus? Die Reaktion von Bademeistern in einer Badeanstalt in Niedersachsen, wo gerade ein Inzidenz-Schock mit dem höchsten Wert seit Beginn der Corona-Pandemie* verzeichnet wird, legt das nahe. Als sie sehen, dass eine 30-jährige Besucherin sich „obenrum“ frei macht, rufen sie die Polizei und verhängen ein Hausverbot für die Frau. Nun ist ein Shitstorm darüber entbrannt, der dem Schwimmbad Diskriminierung und Sexismus vorwirft. Die Initiative „Gleiche Brust für alle“ fordert Genugtuung und hat inzwischen auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingeschaltet.

Stadt in Niedersachsen:Göttingen
Fläche:116,9 km²
Einwohner:116.845
Oberbürgermeisterin:Petra Broistedt (SPD)
Studentenanteil in der Bevölkerung:20 Prozent

Wegen nackter Brust: Hausverbot und Polizeieinsatz im Schwimmbad

Was war passiert? Anfang August dieses Jahres wurde eine junge Frau aus einem städtischen Freizeitbad der Göttinger Sport und Freizeit GmbH & Co. KG, dem Pendant des Hamburger Bäderlandes*, geworfen, weil sie sich im Sole-Becken des „Badeparadieses Eiswiese“ ihres Oberteiles entledigt hatte. Ihre freigelegte Brust rief erst die Bademeister und anschließend sogar die Polizei auf den Plan. Nun wirft die dem Schwimmbad verwiesene Frau dem Spaßbad und ihren Mitarbeitern Sexismus vor, wie das „Göttinger Tageblatt“ berichtet. Auf Facebook wird der Vorfall leidenschaftlich diskutiert.

eine Demonstrantin für „My body my choice“ hält ein Plakat in den Händen.
Nach dem Protest der Badeanstaltbesucherin hat sich die Göttinger Initiative „Gleiche Brust für alle gebildet“. (Symbolbild) © Artur Widak/imago

„Wie können ein paar Gramm Fettgewebe darüber bestimmen, wie viele Freiheiten ein Mensch haben darf?“

Die Betroffene: „Ich wollte einfach einen entspannten Nachmittag im Badeparadies verbringen. Stattdessen erlebte ich zwei Bademeister, die mich unter Androhung der Polizei dazu zwingen wollten, mir ein Oberteil anzuziehen – nur weil ich Brüste habe. Während ich an diesem Tag hunderte (Männer-)Nippel sehen musste, wurden meine eigenen als Sexualmerkmal markiert und als nicht in Ordnung dargestellt. Wegen dieser Einkategorisierung als weiblich wurde mir abgesprochen, dass ich selbst darüber entscheiden darf, welche Badekleidung ich gern tragen möchte. Wie können ein paar Gramm Fettgewebe mehr oder weniger darüber bestimmen, wie viele Freiheiten ein Mensch haben darf?“

 „Wir brauchen keinen Zwang zum Oberteil für die Hälfte der Menschen“

Die Geschichte erinnert an die Aktion „Stoppt das Verbot von nackten Bäuchen“, die sich im Kampf gegen ein Sport-BH-Verbot an einer dänischen Uni gebildet hatte, sowie den Protest der weiblichen Spieler bei der Beach-Handball-EM, bei der Frauen in knappen Höschen spielen sollten. Auch in Göttingen gründete sich nach dem Vorfall am Rande des CSD* das Bündnis „Gleiche Brust für alle“, das jetzt weitere Aktionen plant, um das Anliegen zu unterstützen. Auf Campact gibt es inzwischen eine Petition, die unter dem gleichen Titel „eine konkrete Regelung, die eine explizite Erlaubnis beinhaltet, dass alle Personen unabhängig des Geschlechts sich gleichermaßen ohne Einschränkungen mit freiem Oberkörper bewegen dürfen“ fordert.

Facebook-Post des Göttinger Tageblatts, Abbildung von Demonstrantinnen ohne Oberteil, mit schwarzen Balken abgedeckte Brüste.
Das „Göttinger Tageblatt“ berichtete zuerst über das Hausverbot für eine Schwimmbad-Besucherin, die ihre Brust nicht bedeckte. Nun tobt der Shitstorm im Internet. © Göttinger Tageblatt/Facebook/Screenshot

„Gleiche Brust für alle“ im offenen Brief: „Von unseren Brüsten geht keine Bedrohung aus“

In einem offenen Brief an das „Badeparadies Eiswiese“ schreibt „Gleiche Brust für alle“: „Das Geschehene beruht darauf, dass die Betroffene von den anwesenden Bademeister*innen in eine Geschlechtskategorie (=weiblich) einsortiert wurde. Das bedeutet: Ihr Körper wurde nicht einfach als Körper eines handelnden Subjekts mit dem Wunsch, sich zu entspannen gesehen, sondern es wurde von Männern behauptet, der Oberkörper sei – aufgrund seiner ‚Weiblichkeit‘ – etwas Sexuelles und gehöre deshalb versteckt.“ Und weiter: „Von unseren Brüsten geht keine Bedrohung aus... Nippel – egal welcher Art – sind keine Gefährdung für Kinder.“

„Badeordnung dient dem Schutz vor sexuell motivierten Verhaltensweisen“

Voran wurde in einer Stellungnahme der Badeanstalt das Eingreifen mit dem Schutz der Frauen selbst und auch dem von Kindern begründet: „Unsere Badeordnung dient insoweit dem Schutz der Intimsphäre unserer Gäste, als nämlich bei allgemeinem Badebetrieb das eine Geschlecht vor sexuell motivierten Verhaltensweisen und Blicken des anderen Geschlechts (oder sonstiger anderer Geschlechter) besser geschützt werden soll.“ Das Bündnis kontert empört: „Wenn ein Mensch in Ihrem Schwimmbad (sexuell) belästigt oder anderweitig diskriminiert wird, haben Ihre Bademeister*innen dafür zu sorgen, dass die Belästigung gestoppt wird. Denn die Belästigung ist der Fehler und nicht die Bekleidung.“

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„Da sieht man mal, wie oldschool doch die Menschheit ist.“

Auch auf der Facebook-Seite des „Göttinger Tageblatts“, das zuerst von dem Vorfall berichtete, kochen die Gemüter hoch. Viele unterstützen die Brustfrei-Initiative: „Schade, dass sowas überhaupt noch diskutiert´ werden muss. Da sieht man mal, wie oldschool doch die Menschheit ist. Wir sollten uns gesellschaftlich dahin bewegen, dass es uns allen scheiß egal sein sollte, wie andere Menschen herumlaufen. Und wenn Frauen so selbstbewusst sind und oben ohne ins Schwimmbad gehen wollen... Meine Güte, warum nicht?“, schreibt ein User. Ein anderer findet: „Tatsächlich ist das Ganze eher ein Generationsproblem. Die jüngeren finden es gut und die älteren denken, Nacktheit versus Moralvorstellung´.“

„Provozieren um jeden Preis wollte sie, mehr nicht!“

Es melden sich aber auch Kritiker zu Wort: „Sooooo lächerlich war sie, sooooo lächerlich. Provozieren um jeden Preis, mehr wollte sie nicht. Und jetzt macht die Presse so einen Wind, übrigens ziemlich einseitige Berichterstattung. Ich war damals in der Eiswiese froh, als sie weg war. Hat ja lange genug gedauert, ihre Diskutiererei.“, kommentiert ein Augenzeuge den Vorfall.

„Es geht uns nicht darum, dass alle Menschen ab jetzt oben ohne baden sollen!“

Der offene Brief von „Das Bündnis Gleiche Brust für Alle Göttingen“ macht hingegen deutlich: „Uns ist wichtig klarzustellen: Es geht uns nicht darum, dass alle Menschen ab jetzt oben ohne baden sollen! Wir wollen einfach nur, dass es nicht mehr verboten ist. Und dass alle das gleiche Recht haben, es zu dürfen, wenn sie es wollen. Beendigung der Diskriminierung. That´s it. Dazu müssen Sie nicht einmal Ihre AGB ändern. Nur die Auslegungspraxis.“

Spaßbad lenkt ein: „Klären, welche Badebekleidung angemessen und übereinstimmend mit den gesellschaftlichen Vorstellungen ist“

Inzwischen lenkt auch das „Badeparadieses Eiswiese“ ein. Geschäftsführer Andreas Grube erklärte gegenüber der „taz“: „Wir haben für den Wunsch von einigen Nutzer:innen, dass unser Schwimmbad von allen Besuchern auch ohne Badeoberbekleidung besucht werden kann, großes Verständnis“. Die geltende Badeordnung werde dahingehend überprüft, inwieweit eine „neue mögliche veränderte öffentliche Wahrnehmung in der Haus- und Badeordnung berücksichtigt werden könnte“. 

Man kläre, „welche Badebekleidung als angemessen und übereinstimmend mit den gesellschaftlichen Vorstellungen gelten soll und für alle Nut­ze­r:in­nen möglich erscheint“, zitiert die taz. Gut möglich also, dass auch weibliche blanke Brüste bald zum Schwimmbadalltag gehören. Angesichts der aktuellen Gender- und Gleichstellungs-Debatten und Zeiten, in denen in Hamburg bereits an vielen Schulen Unisex-Klos – für Gender-Gerechtigkeit eingerichtet* wurden, und mit Regenbogenfarben Zeichen für Toleranz gesetzt werden*, unter Umständen kein völlig falsches Signal. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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