Streit um Alltagsrassismus

Weil rassistisch: Initiative fordert Umbenennung aller Mohren-Apotheken

  • Annabel Schütt
    VonAnnabel Schütt
    schließen

Rassismus, oder nicht? Der Streit um die „Mohren-Apotheken“ in Deutschland geht in die nächste Runde. Aktivisten fordern nun die Umbenennung aller Apotheken.

Es ist eine niemals endende Diskussion: Allein in Deutschland gibt es rund 90 Mohren-Apotheken – sehr zum Ärger einiger erboster Bürger. Denn: Seit Jahren wird das Wort „Mohr“ auf dieselbe Stufe wie das N-Wort gehoben und ist für viele eine rassistische Fremdbezeichnung. Obwohl der Begriff bis zum 10. Jahrhundert die Ehrung der Mauren, die im Mittelalter pharmazeutisches Wissen nach Europa trugen, zum Ausdruck bringt. Erst durch die Sklaverei und den Kolonialismus bekam „Mohr“ eine negative Konnotation.

Nun setzen sich bundesweit zahlreiche Aktivisten für die Umbenennung aller Mohren-Apotheken samt Änderung des Logos, das die Klischee-Figur eines schwarzen Menschen mit Kulleraugen und großen Lippen zeigt, in Deutschland ein: mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg.

Stadt in Hessen:Kassel
Fläche:106,8 km²
Bevölkerung:201.585 (2019)
Vorwahl:0561

„Schwarz sein und deutsch sein ist kein Widerspruch“: Ehepaar fordert Umbenennung aller Mohren-Apotheken

Auch ein Ehepaar in Kassel setzt sich im Rahmen ihrer Initiative „Side by Side – Afrodeutsche und Schwarze Menschen Nordhessen“ für die Umbenennung aller Mohren-Apotheken in Deutschland ein.

„Wenn ich das M-Wort lese, lese ich versklavte, schwarze Menschen. Dieses Wort ist einfach der Horror für mich“, sagt Ruth Hunstock im Vorbeigehen an einer „Mohren-Apotheke“. Schon seit Jahren setzt sich die schwarze Aktivistin gemeinsam mit ihrem Ehemann Thomas gegen Rassismus ein. Auch die Antifa-BI unterstützt Aktion solcher Art und bedauert, dass viele „die Kritik an dem Namen sowie dem verwendeten Symbol der Apotheke nicht nachvollziehen konnten.“

Erste Erfolge konnte das Ehepaar Huntstock bereits auf ihrem Konto verbuchen. Denn: Als erste Stadt in Deutschland ächtet Kassel das Wort „Mohr“ – jegliche Verwendung des Begriffes gelte demnach als rassistisch. „Sprache ist kein Museum, und Sprache verändert sich und wir wollen doch nicht stehen bleiben. Und das Miteinander, das ist ganz ganz wichtig. Schwarz sein und deutsch sein ist kein Widerspruch“, so Ruth Hunstock.

Rassismus-Kritik an den Mohren-Apotheken: Erste Betreiber benennen ihre Apotheken um

Mit dieser Meinung stehen sie nicht alleine da. Zahlreiche Betreiber in Wien, Kiel, Bonn, Berlin und München haben den Namen der Apotheke teils aus eigenen Stücken, teils nach heftigen Streitereien mit Anwohnern und Aktivisten geändert. Mit den „Streitereien“ gingen laut der Apotheker Zeitung allerdings in einigen Fällen Demonstrationen und sogar Anschläge einher. Auch die Firma Sarotti, die lange Zeit mit dem Begriff „Mohr“ in Verbindung gebracht wurde, hat schon vor Jahren ihr Logo geändert. Zudem änderte nach andauernder Rassismus-Kritik kürzlich Balsen den Namen der „Afrika“-Kekse in „Perpetum“.

Zahlreiche Aktivisten fordern die Umbenennung aller Mohren-Apotheken in Deutschland. (24hamburg.de-Montage)

Der niedersächsische Flüchtlingsrat hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, dass Straßen und Einrichtungen wie Mohrenstraße und Mohren-Apotheke umbenannt werden. „Entscheidend ist, wie die Betroffenen die Begriffe wahrnehmen. Und viele empfinden beispielsweise das Wort ‚Mohr‘ als etikettierend und stigmatisierend“, so Geschäftsführer Kai Weber. Zudem will auch RTL ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Besonders bei „Alles was zählt” sollen fahren der Sender und UFA Serial Drama eine Kampagne mit Themenschwerpunkt Rassismus und Racial Profiling. Anders sieht es dahingegen Wolfgang Kubicki. Im Gespräch mit Markus Lanz nahm der FDP-Politiker zuletzt jene Menschen in Schutz, die das N-Wort benutzen wollen.

Umbenennung der Mohren-Apotheken spaltet Netz: Namensänderung für viele Betreiber kaum tragbar

Eine solche Namensänderung der Apotheken zieht allerdings auch einige Konsequenzen nach sich: Kontakte und Lieferanten müssen informiert werden, man braucht neue Beschriftungen und Rechnungen – ergo jede Menge Geld! Eine Last, die kleine Einzelapotheken kaum tragen können.

Auch im Netz spaltet sich die Meinung im Zusammenhang mit der Umbenennung sämtlicher Mohren-Apotheken in Deutschland. Während zahlreiche Betreiber der Apotheken Unterstützung beim Erhalt des traditionellen Namens erhalten und User „die übertriebene Political Correctness zum Kotzen“ finden, gibt es auch jene, die der Meinung sind, „dass der Name koloniales Erbe ist und immer noch strukturell rassistisches Gedankengut vertritt“. Eine Debatte, die eben die Gemüter erhitzt – ebenso wie der „Kannibalen-Topf“ in einem Wellness-Hotel. * 24hamburg.de, kreiszeitung.de und tz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © CHROMORANGE/IMAGO & Antonio Calanni/picture alliance/doa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare