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Transgender-Zahlen steigen: Immer mehr Kinder wollen Geschlecht wechseln

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Von: Anika Zuschke

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Dank mehr Aufklärung und Toleranz nimmt die Zahl von Transgender-Personen in Deutschland zu. Ein Psychiater erklärt, ob von „Hype“ gesprochen werden kann.

Hamburg – „Es ist, als ob man immer lügt, jede Sekunde. Stellen Sie sich das mal vor: Sie werden gezwungen, mit falschem Namen zu unterschreiben. Sie werden mit dem falschen Namen angesprochen, immer. So hab ich mich gefühlt, bevor ich offiziell meinen Namen ändern durfte.“ Mit diesen Worten beschreibt Gigi Spelsberg im Zeit-Magazin ihre Erfahrungen als transsexuelle Person. So wie Gigi geht es immer mehr jungen Menschen in Deutschland. Denn Studien belegen, dass sich Kinder und Jugendliche immer häufiger dem falschen Geschlecht zugeordnet fühlen.

Umstrittener Begriff:Transsexualität
Wortherkunft:Von lateinisch trans „hinüber, jenseits“ und sexus „Geschlecht[steil]“
Definition:Unvollständige Identifikation eines Menschen mit der bei der Geburt vorgenommenen Zuweisung zu einem sozialen und rechtlichen Geschlecht
Ungefährer Anteil in Deutschland:0,33 bis 0,61 Prozent

Georg Romer ist Kinder- und Jugendpsychiater an der Universitäts-Klinik Münster und hat im Zuge dessen schon über 500 Betroffene auf dem Weg der Transition begleitet. In einem Gespräch mit dem Spiegel berichtet er von seinen Erfahrungen und ob er der Ansicht ist, dass Transidentität inzwischen zu einem „Hype“ geworden ist. Apples neues Betriebssystem wurde beispielsweise auch bereits gender-sensibel eingerichtet.

Transgender-Zahlen steigen in Deutschland massiv

Der Psychiater kann in jedem Fall Studien und Zahlen zustimmen, die auf einen steigenden Anteil von Transgender-Fällen bei Kindern und Jugendlichen verweisen. „Die Nachfrage durch Minderjährige ist in den letzten Jahren massiv angestiegen, sie hat sich teilweise sogar verzehnfacht“, berichtet Romer. 2021 belegte zum ersten Mal auch ein Transgender-Model bei der Castingshow „Germany‘s Next Topmodel“ den ersten Platz*.

Bei genauerem Hinsehen sei dies seiner Meinung nach aber gar nicht so besonders überraschend. Zur Erklärung zieht Romer einen Vergleich zu einer „Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins im Bereich der Homosexualität“, das in den letzten 30 Jahren auch im Kindes- und Jugendalter selbstverständlicher geworden sei.

Eine Schülerin sitzt in einer Schule in Hannover im Sexualkundeunterricht hinter Anschauungsmaterial, eine Regenbogenflagge.
Immer mehr junge Menschen haben das Gefühl, im falschen Körper zu stecken. (24hamburg.de-Montage) © Manuel Balce Ceneta/Julian Stratenschulte/dpa

Aus dem Grund würden „sowohl die Selbstfindungsprozesse als auch die Outings in frühere Lebensphasen in Kindheit und Jugend“ verlagert werden, erklärt Romer laut Spiegel. Denn heute wünschten sich Jugendliche ihm zufolge oft bereits mit 13 oder 14 Jahren eine körperliche Veränderung. Früher sei dies meist erst mit Mitte 20 der Fall gewesen.

Kinder- und Jugendpsychiater kann keinen „Hype“ zur Transsexualität erkennen

Aber „einen Hype zur Transidentität kann ich nicht erkennen“, stellt der Kinder- und Jugendpsychiater fest. Denn obwohl er nicht ausschließen könne, dass es Modeerscheinungen gibt, auf die Jugendliche, die sich ausprobieren wollen, vorübergehend aufsprängen, landen diese nicht bei ihm in Behandlung.

„Diejenigen, die [...] zu uns kommen, sind meist sehr differenziert und überlegen sich diesen Schritt sehr genau“, erklärt Romer. „Gerade weil es um den eigenen Körper geht, erleben wir bei diesen Patienten meist eine große Ernsthaftigkeit“, fährt er gegenüber dem Spiegel fort.

Transgender-Aufklärung an Schulen: „Weiter als viele denken“

Das geht auch mit der Aufklärung an Schulen Hand in Hand. Mit der „sind wir weiter als viele denken“, stellt Romer fest. In Münster in der universitären Spezialsprechstunde habe er mit seinem Team in den letzten sieben Jahren etwa 500 Jugendliche auf dem Weg der Transition begleitet. Teilweise sei dies auch schon in ländlichen Gebieten erfolgt. Auch in der Politik ist das Thema angekommen: Die Grünen fordern beispielsweise einen Badetag für Transsexuelle.

Trotzdem gäbe es insbesondere in Bezug auf die soziale Akzeptanz von Transsexualität noch viel zu tun, merkt Georg Romer an. Bei einer jungen Frau störe es inzwischen kaum mehr jemanden, wenn diese „mit Bürstenhaarschnitt und Khaki Hosen rumläuft.“ Doch bei jungen Männern sieht das laut Romer anders aus: Wenn diese sich beispielsweise schminken wollen, hätten sie es da schwerer, erklärt er dem Spiegel. So heizte beispielsweise auch das neue Emoji für schwangere Männer eine Gender-Debatte an.

Aber Toleranz ist der Schlüssel zum Glück und Wohlbefinden von Transsexuellen: „Je toleranter die Gesellschaft insgesamt mit atypischen Geschlechterrollenverhalten bei Kindern und Jugendlichen umgeht, desto leichter wird es auch für Trans-Personen, ihren Weg und ihren Platz zu finden“, schließt Georg Romer. * 24hamburg.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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