1. 24hamburg
  2. Niedersachsen

Statt Burnout: So lässt sich Stress im Job vermeiden

Erstellt:

Von: Maria Sandig

Kommentare

Noch besser, noch schneller, noch öfter. Im beruflichen Alltag stehen viele Menschen unter permanenten Druck – das wirkt sich auch auf die Psyche aus. Wie Sie sich schützen können.

Die Leistung nimmt ab, Erschöpfung macht sich breit, der einst geliebte Job fühlt sich nicht mehr richtig an - das sind Symptome von Burnout, die immer mehr Menschen beobachten. Besonders der Spagat zwischen den beruflichen Anforderungen und dem Wunsch, das Privatleben nicht zu vernachlässigen, ruft bei vielen Burnout hervor.

Statt Burnout: So lässt sich Stress im Job vermeiden

Mit 324,6 Arbeitsunfähigkeitstagen je 1.000 Mitglieder entfielen im Jahr 2019 die meisten Burn-out-Krankheitstage im Dialogmarketing als Berufsgruppe. Zusammen mit Führungskräften im Verkauf und in der Altenpflege gehören die Dialogmarketing-Berufe zum wiederholten Mal zu den anfälligsten Berufsgruppen für Burnout.

Der Wert liegt dabei zweieinhalb Mal höher als der Durchschnitt unter AOK-Mitgliedern. Auch die Diagnosehäufigkeit hat sich in den letzten Jahren drastisch erhöht: Im Jahr 2005 wurde durchschnittlich ein Fall von Burnout je 1.000 Mitglieder diagnostiziert, 2019 waren es bereits fast sechs Fälle.

Eine Frau im Home Office unter Stress.
Wenn Mitarbeitende dauerhaft an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten, kann die Arbeit zur Sucht werden. Doch diese Daueranspannung ist ungesund. © Sebastian Gollnow/ dpa

Das weiß auch Psychoanalytiker Karl-Heinz Bomberg. Viele seiner Patientinnen und Patienten arbeiten im journalistischen Bereich. Auch diese Berufsgruppe leidet unter viel Stress. Studien zeigen, dass etwa ein Fünftel der Medienschaffenden unter „hohem Burnout“ leiden. In einer 2019 veröffentlichten Umfrage des Reuters-Institutes gaben 62 Prozent der Teamleitungen in Medienunternehmen an, dass Burnout in ihren Teams für sie ein präsentes und wichtiges Thema sei.

Burnout: Termindruck, Überstunden und Zukunftsängste

„Dass Journalistinnen und Journalisten überlastet sind, kommt sehr häufig vor“, erklärt der Psychoanalytiker und Facharzt für psychosomatische Medizin. Die Berufsgruppe sei einer speziellen Belastung ausgesetzt. „Einerseits gibt es viel Termindruck, hinzu kommt ein hoher Anspruch von innen und außen und damit verbunden auch Überstunden. Darüber hinaus plagen die Menschen Existenz- und Zukunftsängste“, erklärt er.

Bei diesen Frühsymptomen sollten Sie handeln

- Energielosigkeit
- Erschöpfung
- fehlende Freude - Schlafprobleme
- Suchtprobleme
- fehlender Appetit

Viele Personen, die er behandelt, hätten Depressionen, Burnout und auch Angststörungen. Frühsymptome zu erkennen und ernst zu nehmen – das sei wichtig, um einen Burnout zu verhindern, sagt der Experte. „Dabei ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen und anzunehmen“, weiß der Psychoanalytiker aus Erfahrung.

Erlebnisfelder neben dem Beruf seien von großer Bedeutung. „Viele der Personen aus dem Journalismus, die ich betreue, waren lange nicht im Urlaub. Dabei ist Erholung so wichtig“, sagt der Experte. „Hobbys gehören auch dazu. Das gibt Menschen neue Blickwinkel und lenkt sie von der Arbeit ab.“

Was ist wichtig, um Stress zu vermeiden?

Unternehmen und Beschäftigte sollten darauf achten, dass Erholungsphasen eingehalten werden. Das umfasst sowohl den täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus, die Abwechslung von An- und Entspannung im Tages oder Wochenverlauf und die notwendigen erholungsbedingten Urlaube im Jahr. Nur damit können Leistungsfähigkeit und Gesundheit erhalten bleiben. Fehlt die Abwechslung von An- und Entspannung, wenn dauerhaft etwa tagsüber Kinder betreut und abends gearbeitet oder zu viel Arbeit mit hohem Zeitdruck erledigt wird, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Körper und Geist rebellieren. Auch Resilienz ist hier ein wichtiges Stichwort. Damit wird die Fähigkeit bezeichnet, sich anzupassen und zu reagieren, anstatt in Panik zu verfalle

In welchem Umfang ist Mehrarbeit vertretbar?

Wenn Beschäftigte mit einem hohen Engagement ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen, besteht immer die Gefahr einer zu starken Fokussierung. Egal ob im Journalismus mit großem Aufwand eine große Reportage entsteht oder in der Wissenschaft an einer bahnbrechenden Veröffentlichung gearbeitet wird: Dort überall besteht die Gefahr, dass diese für die Sache brennenden Beschäftigte auch leicht ausbrennen. Eine temporäre Fokussierung kennen wir alle. Wenn dies jedoch ein Dauerzustand ist, kann dies dazu führen, dass andere Facetten des Lebens wie Familie, Freunde, kulturelle oder sportliche Aktivitäten vernachlässigt werden. Wenn flexible Mitarbeitende dauerhaft an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten, kann die Arbeit zur Sucht werden. Diese Daueranspannung schwächt das Immunsystem, sorgt für Muskel- und Rückenschmerzen, senkt die Konzentrationsfähigkeit und kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tinnitus oder Depression führen – so die Erkenntnisse aus der Wissenschaft.

Wann sollten Grenzen klar formuliert werden?

Die erwünschte hohe Identifikation mit der Arbeit birgt das Risiko, sich zu überfordern, um den Erfolg sicherzustellen. Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte haben aus meiner Sicht ein gemeinsames Interesse: Sind Beschäftigte überfordert durch einen zu hohen Leistungsdruck, leidet sowohl die Gesundheit des Beschäftigten, die Qualität der Arbeit und auch die Reputation des Unternehmens. Dies sollte vermieden werden, indem die Unternehmensführung, die Führungskräfte befähigt sind, Grenzen zu erkennen, Grenzüberschreitungen zu benennen und gesund erhaltende Grenzen wieder einzuhalten. Gleichzeitig sollten Beschäftigte auch immer das Gespräch mit der Führungskraft suchen. Auch ein Austausch mit Kolleginnen und Kollegen kann hilfreich sein.

Was kann Mitarbeitenden und Führungskräften helfen?

Das Erlernen von gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen, die Themen wie Achtsamkeit, Entspannung, Ernährung und Bewegung umfassen, kann helfen. Alle Beteiligte im Unternehmen sollten Achtsamkeit gegenüber der Gesundheit der Mitarbeitenden und gegenüber der eigenen Gesundheit praktizieren und Warnsignalen und Überlastung frühzeitig erkennen und ansprechen.

Welche Angebote bietet ihre Krankenkasse?

Das Betriebliche Gesundheitsmanagement der gesetzlichen Krankenkassen unterstützt Betriebe und deren Beschäftige mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Angeboten. Doch eines ist klar: Bevor an die Umsetzung gegangen wird, sollte mithilfe einer Mitarbeiterbefragung oder von Arbeitsunfähigkeits-Analysen aufgezeigt werden, wo der Schuh im Unternehmen drückt. Nur dann können Unternehmensleitung, Führungskräfte und Mitarbeitende gemeinsam einen Dialog starten. Erfahrungen zeigen, dass gemeinsame Aktivitäten die Stabilität der beiderseitigen Beziehung zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden festigen. Damit kann nicht nur die Arbeitszufriedenheit der Beschäftigten erhöht werden, sondern auch die Betriebe profitieren davon: Unternehmen gelingt es damit, gesunde und leistungsfähige Fachkräfte dauerhaft an das Unternehmen zu binden.

Stress in Deutschland nimmt immer mehr zu

Knapp zwei von drei Menschen in Deutschland (64 Prozent) fühlen sich zumindest manchmal gestresst. Gut jede vierte Person – 26 Prozent – fühlt sich sogar häufig gestresst. Damit hat der Stress in den letzten fünf Jahren seit der letzten Stressstudie der Techniker Krankenkasse noch einmal zugenommen; damals fühlten sich 23 Prozent der Menschen häufig gestresst. Im zeitlichen Verlauf lässt sich ein Trend erkennen: 2013 waren 57 Prozent mindestens manchmal gestresst, 2016 waren es 60 Prozent und 2021 64 Prozent.

Statistisch betrachtet liegt das durchschnittliche Stressniveau 2021 also deutlich über dem Niveau von 2016 und von 2013. Der Stress hat in Deutschland damit weiter zugenommen. Diese Zunahme des Stresses im Zeitverlauf passt zum Befund, dass psychische Erkrankungen in Deutschland seit 2007 kontinuierlich zunehmen – 2020 führten psychische Erkrankungen zu den meisten krankheitsbedingten Ausfalltagen in Deutschland Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare