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Schock-Bilanz: Krippen und Kitas fehlen 230.000 Erzieherinnen

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Von: Ulrike Hagen

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Kita-Notstand droht: Um eine kindgerechte Betreuung zu gewährleisten, fehlen bis 2030 mehr als 230.000 Erzieherinnen und Erzieher.

Gütersloh – Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeichnet ein düsteres Bild für die frühkindliche Bildung und Betreuung in Kitas und Krippen. Über 70 Prozent der Kita- und Krippenkinder in Deutschland werden jetzt schon in Gruppen mit nicht kindgerechtem Personalschlüssel betreut. Und: Werden die Weichen nicht gestellt, fehlen im Jahr 2030 bis zu 230.000 Erzieher und Erzieherinnen, so die Berechnungen von Forschern für den „Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2021“ und das „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“.

Stiftung:Bertelsmann Stiftung
Hauptsitz:Gütersloh
Gründungsjahr:1977
Mitarbeiter:363
Stiftung:619,7 Millionen Euro

Riesen-Lücke zwischen Angebot und Nachfrage an Fachkräften für die Kinder-Betreuung

Die Diskrepanz zwischen dem Angebot an pädagogischen Fachkräften und dem errechneten Bedarf für eine gute Betreuung in Kitas und Krippen bei gleichzeitig bedarfsgerechtem Ausbau der Plätze lasse sich in diesem Jahrzehnt nicht mehr vollständig schließen, prognostiziert das Forscherteam um Pädagogen, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, Biologen und Volkswirte. Schuld an dem zu erwartenden Defizit sei zum einen der Fachkräftemangel, zum anderen die steigende Nachfrage der Eltern nach einer zuverlässigen Betreuung, heißt es in der erstmalig erhobenen Studie, die gemeinsam mit dem „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ veröffentlicht wurde. 

Weder sei die Lücke durch ein Aufstocken der Ausbildungskapazitäten zu schließen, weil dafür Berufsschullehrer fehlen, noch könne man bis 2030 genügend Quereinsteiger gewinnen, die zudem erst pädagogisch qualifiziert werden müssten. Verschärfen, so die Analyse, werde den Personalmangel ab 2026 der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder.

Bundesland und Wohnort entscheiden über die frühen Bildungschancen eines Kindes

Die Studienleiter betonen, dass sich die Situation der Kindertagesbetreuung im Vergleich der einzelnen Bundesländer, aber auch innerhalb des jeweiligen Bundeslandes sehr unterschiedlich darstellt – die Betreuungsverhältnisse und Bildungschancen jedes Kindes hingen deshalb stark von dessen Wohnort ab. Trotz massivem Kita-Ausbau zeige sich immer noch dasselbe Bild: Im Westen gibt es zu wenig Plätze und im Osten kommen auf jeden Erzieher und jede Erzieherin zu viele Kinder. Das bedeutet eine Benachteiligung in den Bildungschancen, auch für beispielsweise Kinder aus Familien, die Hartz IV beziehen.

Grafik: 
Anteil der Kinder in Gruppen mit einem nicht kindgerechten Personalschlüssel nach Bundesländern.
Alarmierend: Der Anteil der Kinder in Gruppen mit nicht kindgerechten Personalschlüssel liegt bereits jetzt in ganz Deutschland überall im kritischen Bereich. © Bertelsmann Stiftung

Im Osten zu viele Kinder auf einen Erzieher, im Westen zu wenig Betreuungsplätze

Von gleichwertigen Lebensverhältnissen in der frühkindlichen Bildung sei Deutschland darum nach wie vor Meilen entfernt. Während in den neuen Bundesländern 53 Prozent der Kinder unter drei Jahren in einer Einrichtung betreut werden, sind es in den alten Bundesländern magere 31 Prozent. Die besseren Personalschlüssel haben jedoch die Kitas im Westen. Dort betreut rechnerisch eine Kita-Fachkraft 3,5 Krippenkinder, in Ostdeutschland sind es 5,5 Kleinkinder. Dieses Ost-West-Gefälle könnten Bund und Länder innerhalb der kommenden zehn Jahre weitgehend auflösen, wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden. 

Forscher: Etappenziel Ost-West-Gefälle abschaffen

Trotzdem gebe es die Chance, bis 2030 „einen großen Schritt auf dem Weg zu gleichwertigen Lebensverhältnissen“ zu machen und im Osten die Personalschlüssel an das Westniveau und im Westen das Angebot an das Ostniveau anzugleichen. In Hamburg*, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein wäre dafür nach Berechnungen das Personal vorhanden, in Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland fehlten jedoch allein insgesamt rund 33.000 ausgebildete Erzieher und Erzieherinnen. Wie in ganz Deutschland macht sich auch hier der Fachkräftemangel bemerkbar*.

Mädchen in blau-gestreiftem Kleid steht mit dem Gesicht abgewandt auf einem gelben Roller allein in einem Kita-Flur mit vielen Fahrzeugen.
Allein auf weiter Flur? Bis zum Jahr 2030 werden Hunderttausende Erzieherinnen fehlen. Die kindgerechte Betreuung ist in Gefahr. © Michael Schick/Imago

Paradox: Früher war die Betreuungssituation noch schlimmer

Dabei verraten die Zahlen der Bertelsmann-Stiftung sogar einen „enormen quantitativen sowie qualitativen Ausbau des frühkindlichen Bildungssystems“ im vergangenen Jahrzehnt. So ist die Zahl der Fachkräfte in den Einrichtungen seit 2011 um 61 Prozent gestiegen. Ebenfalls 61 Prozent der bis zu sechs Jahre alten Kinder besuchen inzwischen eine Kita oder andere vorschulische Einrichtung - ein Anstieg von 22 Prozent. Die größten Sprünge gab es danach im Westen bei den unter Dreijährigen: 2020 hatten 31 Prozent der Krippenkinder einen Betreuungsplatz, knapp zehn Jahre zuvor waren es noch etwas unter 20 Prozent. In den alten Bundesländern hatten 2020 dagegen 53 Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz, 2011 waren es 47 Prozent.

Dramatische Zahlen auch in Umfragen bei Kita-Leitungen

Auch Umfragen des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) haben Dramatisches ergeben: 40 Prozent der Kitaleitungen gaben laut VBE an, dass sie rechnerisch an mindestens einem Tag pro Woche ihrer Aufsichtspflicht in der Kita nicht mehr gemäß gesetzlicher Vorgaben nachkommen können, weil ihnen das Personal fehle. Die Corona-Pandemie* habe den Personalmangel noch verschärft, geht aus der repräsentativen Befragung von 4466 Kitaleitungen hervor. VBE wie die Stiftung fordern nun eine Fachkräfteoffensive und mehr Ausbildungskapazitäten.

Anette Stein, Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung gegenüber der dpa: „Es kann nicht sein, dass wir den Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland haben, aber schon in der ersten Bildungsinstitution scheitern.“ Stein weiter: „Wenn Kinder in schlechten Betreuungssettings sind, weil zu wenig Personal da ist, dann gefährden wir ihre Entwicklung – etwa in sprachlicher, motorischer oder emotionaler Hinsicht“, so die Bildungsexpertin. „Egal wie gut eine Fachkraft ausgebildet ist: wenn sie sich um zu viele Kinder kümmern muss, kann sie maximal eine Betreuung gewährleisten.“

Attraktivere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung als erster Schritt aus der Misere

Insgesamt, da sind sich die Experten einig, ist es zur Vermeidung von dramatischen Notstände höchste Zeit, neues Personal für die Kinderbetreuung zu gewinnen, auszubilden und zu binden. In der im letzten Jahr von Bundesjugendministerin Franziska Giffey (SPD) vorgestellten Jugendbefragung „Kindertagesbetreuung und Pflege – attraktive Berufe?“ zeigte sich das Potential: Knapp ein Viertel konnte sich vorstellen, in der Kindertagesbetreuung (24 Prozent) oder Pflege (21 Prozent) zu arbeiten.

Allerdings bewerteten die Jugendlichen die Weiterentwicklungs- und Karrierechancen kritisch und hielten das Gehalt für zu niedrig. An was es also mangelt, sind „nur“ attraktivere Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten. Vielleicht wäre ein gesetzlicher Mindestlohn, wie ihn Annalena Baerbock und auch die SPD fordern* zumindest der erste Schritt in die richtige Richtung aus der Misere. *24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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