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Schiffsbauer in der Krise: Energiewende als Chance statt Kreuzfahrten

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Von: Andree Wächter

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Deutsche Werften befinden sich auf rauer See. Korea und China machen die Preise kaputt. Schiffe für Windräder und Personal könnten eine Lösung sein.

Überschattet von nach wie vor unsicheren Aussichten berichtet der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) über die aktuelle Lage der deutschen Werftindustrie. Zentrales Thema sei „die Rolle der maritimen Industrie bei der Abwendung strategischer Abhängigkeiten“, kündigte der Verband an. Dahinter steht die Sorge, dass nach Containerschiffen und Frachtern weitere Teile des Schiffbaus aus Deutschland und Europa nach Asien abwandern könnten.

VSM Mitglieder140 (Stand 2015)
Gründung29.12.1884
SitzHamburg
HauptgeschäftsführerDr. Reinhard Lüken

Dem deutschen Schiffbau waren in der Coronakrise in dramatischem Ausmaß Aufträge weggebrochen. Zudem beklagt der Verband seit langem einen unfairen Wettbewerb vor allem mit der chinesischen Konkurrenz, die anders als hierzulande massiv von staatlicher Seite subventioniert wird. VSM-Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken hatte im jüngsten Newsletter seines Verbandes darauf hingewiesen, dass die mit dem Ukraine-Krieg in den Fokus geratenen Abhängigkeiten von Russland „ein Klacks im Vergleich zu China“ seien.

Die Krise der deutschen Werften hat in den vergangenen Monaten die inzwischen insolventen MV-Werften hart getroffen. Nun wurde bestätigt, dass der schwedische Reedereikonzern Stena AB kein Interesse mehr am Weiterbau des zur Insolvenzmasse gehörenden Kreuzfahrtschiffes „Global One“ hat. Der einzige Kunde, der für das Schiff zu haben gewesen sei, habe am Wochenende abgesagt, sagte Insolvenzverwalter Christoph Morgen am Montag bei einer Pressekonferenz am Werftstandort in Wismar. Dazu gehörte auch auch Bremerhavener Lloyd-Werft.

Schwedischer Schiffsbauer: Unklar wann es in China wieder Kreuzfahrten gibt

Der Aufsichtsrat der Schweden führte den Angaben zufolge sowohl Konkurrenz durch den ehemaligen Inhaber der MV-Werften – den malaysischen Milliardär Lim Kok Thay – als auch Chinas strickte Null-Covid-Politik an. Wie Morgen ausführte, plant Thay, dessen Kreuzfahrtunternehmen Genting Hongkong durch den Zusammenbruch des Markts in der Pandemie in den Gläubigerschutz gehen musste, einen neuen Versuch. Das habe laut Christoph Morgen die Pläne von Stena beeinträchtigt, zum anderen sei nicht klar, wann das Geschäft mit Kreuzfahrten in China angesichts der aktuellen Pandemie-Politik wieder anlaufen wird.

Neben der chinesischen Corona-Politik sind den deutschen Schiffsbauern die Praktiken auf den dortigen Werften ein Dorn im Auge. Von einem Auftragsvolumen von rund 30 Milliarden Dollar (28 Mrd. Euro) hätten Reeder aus der EU im vergangenen Jahr 57 Prozent nach Südkorea und 38 Prozent nach China vergeben; in der EU sei nur ein Prozent davon gelandet, berichtete der Verband VSM. Ähnlich sehen die Verhältnisse beim rund vier Milliarden Euro großen Auftragsvolumen deutscher Reeder aus.

Ein Schiffbauer schweißt auf einem der Decks in einem sich im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff. Laut dem Verband VSM könnte es in Europa bald keinen Schiffsbau mehr geben.
Ein Schiffbauer schweißt auf einem der Decks in einem sich im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff. Laut dem Verband VSM könnte es in Europa bald keinen Schiffsbau mehr geben. © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Der VSM beklagt seit Jahren, dass China und Südkorea ihre Werften mit Milliardensubventionen stützen. „Normale Marktmechanismen werden aufgrund der staatlichen Eingriffe in Asien außer Kraft gesetzt“, sagte Lüken. Trotz Rekordnachfrage in einigen Marktsegmenten seien auch 2021 Preise aufgerufen worden, die um bis zu 30 Prozent unter den Preisen von 2007 lägen und „definitiv nicht kostendeckend“ seien. Nach der Corona-Delle 2020 habe sich der Weltmarkt für neue Schiffe 2021 etwa verdoppelt, vor allem Containerschiffe, aber auch der Gastankermarkt weise „historische Bestellhöchstwerte“ auf.

Vor diesem Hintergrund droht Europa laut VSM der Totalverlust des Seeschiffbaus. „Wir müssen etwas tun, damit wir diese Branche, diese strategische Fähigkeit in Europa nicht verlieren. Wenn wir das nicht geschafft haben, bleiben uns noch zehn Jahre“, sagte Lüken. „Danach wird Europa im Seeschiffbau keine signifikante Rolle mehr spielen, weil einfach die Akteure nicht mehr da sind.“

Energiewende als Rettungsanker für Schiffsbauer

Neben allen düsteren Prognosen gibt es auch Lösungsansätze. Der deutsche Schiffbau setzt auf die Energiewende samt dem anstehenden beschleunigten Ausbau der Windenergie auf See. Denn für Bau, Service und Wartung der Windparks im Meer sind unter anderem viele neue Schiffe nötig, die Material und Menschen an die Standorte der neuen Windanlagen bringen. Doch es ist längst nicht gewiss, dass die entsprechenden Aufträge auch bei deutschen Unternehmen landen und damit dafür sorgen, dass Beschäftigung und technologische Kompetenz im Land bleiben.

Hauptsache billig, egal wie und woher

VSM-Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken

Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) beklagte beispielsweise am Freitag, dass der Bau von Konverterplattformen für Windkraftanlagen in seinem Land vernachlässigt werde. Diese würden auf Werften in Spanien und Belgien produziert. Investoren hätten dies ihm gegenüber mit einer wesentlich besseren staatlichen Unterstützung dort begründet, sagte Meyer. Für VSM-Hauptgeschäftsführer Lüken ist die Energiewende auf See „eine riesige Chance, strategisch wichtige Fähigkeiten zu erhalten und auszubauen“. Das klappe aber nicht mit einer „Industriepolitik nach Discounter-Prinzip – Hauptsache billig, egal wie und woher“.

In einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat daher auch der VSM gemeinsam mit Verbänden der Windkraftindustrie gefordert, dass heimische Fertigung künftig bei den Ausschreibungen für neue Windparks ein Kriterium für den Zuschlag werden müsse. Es sei für die Akzeptanz der Energiewende „nicht mehr vermittelbar, wenn riesige Komponenten für Windpark-Projekte überwiegend im Ausland gebaut werden und weite Transportwege hinter sich bringen, bevor sie in Nord- oder Ostsee installiert werden“, hieß es in dem Brief.

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