„Nicht-binäre Toilettenausstattung“

Mülleimer für menstruierende Männer: SPD-Antrag sorgt für Aufregung

  • Annabel Schütt
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Menstruierende Männer? Gibt es nicht, sagt die AfD. Gibt es, erwidert die SPD und fordert eine Toilettenausstattung für queere Menschen in der Öffentlichkeit.

Sachsen – Die SPD will sich für eine ganz besondere Minderheit starkmachen: für menstruierende Männer. Und fordert daher eine „Nicht-binäre Toilettenausstattung“ für queere Menschen in der Öffentlichkeit, damit „menstruierende Männer und menstruierende nicht-binäre Personen“ bei „der Entsorgung von Hygieneprodukten“ nicht diskriminiert werden. Eine Forderung, die im Netz auf viel Unverständnis und Kritik stößt.

Partei:Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Gründung:23. Mai 1863, Leipzig
Hauptsitz:Berlin
Gründer:August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Ferdinand Lassalle
Parteiführung:Saskia Esken (Parteivorsitzender), Norbert Walter-Borjans (Parteivorsitzender)

Nicht-binäre Toilettenausstattung: SPD fordert Mülleimer für menstruierende Männer

Frauen? Menstruierende Menschen? Menstruant:innen? Die Periode ist und bleibt ein Thema, über das weltweit gleichermaßen so viel diskutiert wie geschwiegen wird. Das zeigt nicht nur ein Vorfall in Kent, wo eine Schülerin wegen ihrer Periode im Isolationsraum gelandet war, sondern auch die Reaktionen auf einen Antrag der SPD. Darin heißt es konkret: „Menstruierende Männer und menstruierende nicht-binäre Personen sind auf öffentlichen Männertoiletten bei der Entsor­gung von Hygieneprodukten eingeschränkt, da anders als bei Frauentoiletten keine Entsorgungsmöglichkeit für diese innerhalb der Toilettenkabinen vorhanden ist. Deshalb fordern wir, dass auf allen öffentlichen Toiletten die Toilettenkabinen mit Mülleimern für Hygieneprodukte ausgestattet sind.“

Kurz: Die SPD fordert eine „Nicht-binäre Toilettenausstattung“ für queere Menschen, die weder ausschließlich männlich noch weiblich sind, und für menstruierende Männer – nachdem bekannt wurde, dass Menstruationsbeschwerden nach einer Corona-Impfung stärker ausfallen können. Gemeint sind damit Männer, die als Frau geboren wurden, sich aber als Mann fühlen und auch so leben. Gingen diese Männer bislang auf eine öffentliche Toilette, statt ihnen kein Mülleimer zur Verfügung, um Tampon, Binde und Co. zu entsorgen. Doch genau das will die sächsische SPD nun ändern!

Die sächsische SPD fordert eine „Nicht-binäre Toilettenausstattung“ in der Öffentlichkeit. (24hamburg.de-Montage)

Denn für die SPD stehe fest: „Es mag für manche schwierig zu verstehen sein, aber nur weil es um Probleme geht, die nicht die Mehrheit betreffen, sollten sie trotzdem nicht ignoriert werden. Das hat nichts mit Klientel zu tun, sondern mit Menschlichkeit.“

„Menstruierende Männer gibt es nicht“: Nicht-binäre Toilettenausstattung sorgt für Social-Media-Shitstorm

Doch der Vorstoß der sächsischen SPD für mehr Gleichberechtigung stößt nicht überall auf Begeisterung. Unter #menstruierendemänner lassen viele Twitter-Nutzerinnen und -nutzer ihrem Unverständnis freien Lauf. „Niemand hat etwas gegen zusätzliche Mülleimer für Hygieneprodukte. Aber eine Partei, die auf einem Parteitag die Probleme ‚menstruierender Männer‘ zu lösen versucht, hat irgendwo in ihrer langen Geschichte den Kompass verloren. Außerdem: vor kurzem haben wir hier doch gelernt, dass nur ‚Menschen mit Gebärmutter“ menstruieren“, schreibt Journalist Jan Fleischhauer.

Andere schreiben: „Menstruierende Männer? So was gibt es doch gar nicht!“ So auch AfD-Politiker Christian Blex, der ebenfalls seinen Senf dazugeben muss: „Menstruierende Männer? Die SPD hat wohl im Biologieunterricht nicht aufgepasst.“ Doch, die SPD hat aufgepasst! Insbesondere Menschen aus der LGBT-Bewegung werden nicht müde, unter den zahlreichen teil fiesen, teils diskriminierenden Kommentaren zu erklären, dass sich eben nicht alle Transmänner operieren, geschweige denn mit Hormonen behandeln lassen, die die Periode unterdrücken.

Zudem würde es einem Outing gleichkommen, wenn Nicht-binäre, intersexuelle Menschen oder menstruierende Männer in der Öffentlichkeit auf eine Damentoilette gehen würden. Ein Outing, für das der ein oder andere zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht bereit wäre.

Akzeptanz statt Hormonen und Operationen: Cass Bliss kämpft um Anerkennung queerer Lebensrealitäten

Auch Cass Bliss bemüht sich seit Jahren um die Anerkennung queerer Lebensrealitäten. Der Social-Media-Star ist maskulin nicht binär, möchte keine Hormone nehmen und menstruiert weiterhin. „Ich bin eine nicht binäre Transmenstruatorin – jemand mit einer monatlich blutenden Gebärmutter –, die sich aber außerhalb der festgelegten Kategorien von Mann und Frau identifiziert. Aus diesem Grund muss ich die Herausforderungen bewältigen, jeden Monat meine Periode zu bekommen, in einer Welt, die sich weigert anzuerkennen, dass nicht jede Frau, die ihre Periode bekommt, eine Frau ist und nicht jede Frau ihre Periode bekommt“, schreibt er in der „Huffington Post“. 

Cass Bliss sei es daher besonders wichtig, „in ein Geschäft zu gehen und Tampons zu kaufen, ohne verurteilt zu werden, meine Binden zu wechseln, ohne mich um meine eigene Sicherheit auf der Toilette zu sorgen, und in ein Gespräch einbezogen zu werden, das den Körper, in dem ich geboren bin, miteinschließt – egal, ob ich eine Frau bin oder nicht.“ Denn: „Anscheinend ist es einfacher, eine ganze Community zu bitten, sich einer größeren Operation zu unterziehen, als für andere, einfach die Perioden nicht mehr zu gendern und uns in Ruhe menstruieren zu lassen.“ * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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