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Mobiltätswende: Auto vs. Fahrrad in der City von Hannover

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Von: Andree Wächter

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Nach dem Weltkrieg war Hannover Vorreiter fürs Auto. Nun will die Stadt es wieder werden, mit Velorouten und City-Rad-Ring für Fahrräder.

Hannover – Der Klimawandel macht einen Mobilitätswandel erforderlich. Das treibt viele Städte um, auch der Deutsche Städtetag setzt auf nachhaltige Mobilität. Und genau diese Mobilität macht Hannover nun greifbar und wirkt wieder up to date. Da mag sich der eine oder andere die Augen reiben, aber es stimmt. Rückblick: Nach dem Zweiten Weltkrieg und angesichts massiver Zerstörungen sollte die Stadt nach damaligem Verständnis modern geplant und „autogerecht“ werden – mit mehrspurigen Straßen, einem Cityring. Ein Vorbild für andere Städte.

Im Städtebau gilt all das längst nicht mehr, der Klimawandel macht eine erneute Wende nötig. Das treibt viele Städte um, auch der Deutsche Städtetag setzt auf nachhaltige Mobilität. Und Hannover? Arbeitet an der Wende und – radelt künftig.

Mobiltätswandel in Hannover: Landeshauptstadt radelt Richtung Zukunft

Das Fahrrad scheint das neue Auto zu sein. Zwischen 2002 und 2017 sei der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr in der Stadt von 13 Prozent auf etwa 19 Prozent gestiegen, erklärt Tim Gerstenberger, Verkehrsplaner in Hannover. Und künftig? Ziel sei, bis auf einen Anteil von 40 Prozent zu kommen, kündigt Oberbürgermeister Belit Onay an.

„Das ist nicht aus dem Stand zu erreichen“, gibt der Grünen-Politiker zu. Aber: „Da geht noch mehr.“ Onay fährt oft und gern mit dem Rad – und ist damit nicht allein in der Stadt: An einer elektronischen Zählstelle am beliebten Maschsee in Hannover zeigt die Uhr über 500.000 Radler allein in diesem Jahr.

Ein Netz von Fahrradrouten sorgt für Mobilität

Stimmen muss aber die Infrastruktur, wie Belit Onay betont. Eine der Lösungen: ein Netz von Velorouten, ausgehend vom City-Rad-Ring in der Innenstadt in alle Stadtbezirke, insgesamt über 90 Kilometer und zwölf Fahrradrouten, von denen eine in Richtung Laatzen immerhin fast fertig ist. Bis 2027 oder 2028 soll „bis auf Restarbeiten“ alles fertig sein, wie Gerstenberger sagt. Das Ziel: „Ein gesunder Mobilitätsmix übers Jahr – für die Umwelt und für uns selbst“, sagt er.

Auf zum Ortstermin mit dem Oberbürgermeister – und zur Radtour durch Hannover. Dabei zeigt sich, dass sich in Hannover schon einiges getan hat, auch wenn die meisten Velorouten noch in Planung sind oder von den politischen Gremien beraten werden. Am Maschsee hat die erste Veloroute eher schon Radschnellwegniveau – eine vier Meter breite Asphaltspur, getrennt vom Gehweg, beliebt bei Radlern ebenso wie bei Inline-Skatern und Joggern.

Mobilität: Mehr verletzte E-Bike-Fahrer

Auch wenn das nicht das Ziel war. Rücksichtsvolles Fahren sei eben das „A und O“, meint Onay. Nicht zuletzt, weil laut Verkehrsunfallstatistik der Polizeidirektion Hannover die Zahl der verunglückten Radfahrer zwischen 2017 und 2021 um 12,6 Prozent auf 1987 stieg – die der verunglückten E-Bike-Fahrer stieg gar um 230,4 Prozent.

Auch an der riesigen Kreuzung des Aegidientorplatzes, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, gibt es Veränderungen – vor allem von oben betrachtet färbt die Stadt sich rot. Was das bedeutet? Die Rotmarkierungen für Radfahrer auf den Straßen werden immer mehr, der entsprechende Etat habe sich, grob gerechnet, vervierfacht, sagt Gerstenberger. Das steigert die Sichtbarkeit der Radfahrer und dient als Warnung für Autofahrer. Auch rund 100 Trixi-Spiegel gegen den toten Winkel beim Rechtsabbiegen wurden im Stadtgebiet montiert.

Die Rotmarkierungen für Radfahrer auf den Straßen werden immer mehr. So sollen Radfahrer besser geschützt sein.
Die Rotmarkierungen für Radfahrer auf den Straßen werden immer mehr. So sollen Radfahrer besser geschützt sein. © Monika Müller

Darüber hinaus sind Fahrradstraßen entstanden, mit Symbolen markiert und abschnittsweise für Autos gesperrt. Der Vorteil: Kein Durchgangsverkehr mehr, der Radverkehr aber könne fließen, erklärt Gerstenberger. „Ich glaube, die Gesellschaft ist so weit, den nächsten Schritt zu gehen.“

Der Stadt hilft dabei ein Urteil des Verwaltungsgerichts Hannover – auf die Klage eines Anwohners hatte das Gericht entschieden, dass ein Teilabschnitt einer Straße angesichts parkender Autos zu schmal sei für die Begegnung von Fahrrädern und Autos. Die Stadt machte flugs eine Einbahnstraße daraus, erklärte sie erneut zur Fahrradstraße und ließ das Parken nicht mehr durchgängig zu. Das Gericht war zufrieden – nach einer Berufung im laufenden Jahr, als die Parkplätze entfernt wurden, um Platz für Räder zu schaffen.

Der Wille ist da“

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay

Belit Onay betont, die Anspruchshaltung, Parkraum vor der Tür zu finden, entspreche nicht mehr dem Standard. Dennoch seien viele Menschen auf das Auto angewiesen, diesen „werden wir Lösungen anbieten“. Eine könne sein, Stellplätze für Lastenräder umzuwandeln, sagt der Verkehrsplaner. Für Pendler interessant: Der Bunker unter dem Hauptbahnhof, der für bis zu 1000 Fahrräder geeignet sei, solle künftig als Radstation dienen, sagt Onay. „Der Wille ist da.“ Oder: Park+Ride- sowie Bike+Ride-Angebote werden ausgebaut, 3300 neue Stellplätze für Autos und rund 5500 für Fahrräder sind geplant.

Hannover: Drei-Meter-Fahrstreifen für mehr Fahrrad-Mobilität

Die Velorouten, aufbauend auf einem Vorschlag des ADFC, sollen durchgehend erkennbar und mindestens drei Meter breit sein. Die Oberflächen sollen „hohe Qualität“ haben – also schön glatt sein, wie Radler es lieben. Das hat seinen Preis und ist millionenschwer: Die Kosten für die ersten sechs Velorouten werden auf über 24 Millionen Euro geschätzt, verschiedene Fördertöpfe sollen angezapft werden.

Mit den Verbindungen von der Innenstadt in die Stadtbezirke sei ein „deutliches Signal gesetzt“, sagt Eberhard Röhrig-van der Meer, Vorsitzender des ADFC Stadt Hannover. In der Corona-Pandemie seien mehr Menschen aufs Fahrrad gestiegen, der Anteil des Radverkehrs liege inzwischen bei über 20 Prozent. Mit den geplanten Veränderungen sei er „weitgehend zufrieden“, wünsche sich aber, dass „bis 2026 der Großteil steht“. Denn: Der Radverkehr sei in einer modernen Großstadt ein Zeichen dafür, wie zukunftsorientiert die Stadt sei.

Rund um den Maschsee in Hannover. Schon über eine halbe Million Fahrradfahrer wurde dieses Jahr dort gezählt.
Rund um den Maschsee in Hannover. Schon über eine halbe Million Fahrradfahrer wurden dieses Jahr dort gezählt. © Ole Spata/dpa

Doch es gibt auch Ärger: Eine 45 Meter lange Fahrradspur, für die der Autoverkehr auf eine Spur verzichten muss, sorgt für Streit mit dem Landesverkehrsministerium. „Das Verkehrsministerium hat kein Problem mit der Verkehrswende und neuen Radwegekonzepten, ganz im Gegenteil“, sagt ein Sprecher. „Konkrete Maßnahmen sollten allerdings mit den geltenden Vorschriften der Straßenverkehrsordnung vereinbar sein.“

Trotz Wandel zur Fahrrad-Stadt: Autofahrer sollen in Hannover nicht benachteiligt werden

Autofahrer dürften nicht benachteiligt werden, zumal der Autoverkehr den Radverkehr nicht gefährde oder einschränke – der sogenannte Pop-up-Radweg sei nicht rechtens. Das Ministerium schlug vor, die zwei Autospuren wieder herzustellen und den für Fahrräder freigegebenen Gehweg zu verbreitern. Das würde das Ministerium, das die Fachaufsicht habe, sogar fördern.

Nur: Dem Vorschlag zu folgen, würde Jahre dauern – dabei gebe es einem Gutachten zufolge für die Autofahrer keine Nachteile, sagt Belit Onay. Das Problem aus seiner Sicht: Autos müssten Platz machen, das habe Symbolkraft. Soll der Radweg also tatsächlich verschwinden? Dafür sehe er „keinen Anlass“, betont Onay.

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