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Mehl: Erst Corona, dann Ukraine-Krieg – Mühle in Niedersachsen arbeitet am Anschlag

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Von: Andree Wächter

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Mehl aus Korn wird wegen des Ukraine-Kriegs knapp. Einst belächelte kleine Mühlen erleben Krisenzeiten eine Renaissance.

Bardowick - Ausreichend Getreide im Lager, dazu eine eigene kleine Mühle. Was im ersten Moment aussieht wie betriebswirtschaftlicher Flop oder Nostalgie, ist gerade in Krisenzeiten wie Corona und dem Ukraine-Krieg für viele Menschen ein rettender Anker. Gepaart mit einem Hofladen und Café, ist das alte Handwerk ein Magnet für Touristen und Personen, die Mehl aus traditioneller Herstellung kaufen.

Höhe Windmühle Nolet (Holland)42,5 Meter Kappenhöhe
Pantaleonsmühle Köln39,5 Meter
De Hoop (Holland)38 Meter
Press´s High Mill (Großbritannien)37 Meter

Eine Innung für Müllereibetriebe gibt es schon lange nicht mehr, die Berufsschule in Wittingen im Landkreis Gifhorn ist die einzige in Norddeutschland – aber die kleine Handwerksmühle mit den großen Flügeln in Bardowick bei Lüneburg brummt. Erst wurden in der Corona-Pandemie Toilettenpapier und Mehl gehamstert, nun wegen des Kriegs in der Ukraine. Neben Mehl wird auch Öl und Butter knapp.

„Wir arbeiten 7 Tage, 14 Stunden“, erzählt Eckhard Meyer, der den Betrieb in sechster Generation führt. Er hat die Produktion auf zwei bis drei Tonnen Getreide am Tag verdoppelt, mehr geht derzeit nicht, mit seinen zwei in die Jahre gekommenen Mühlen, eine elektrisch, die zweite mit der Windkraft der nostalgischen Mühlenblätter.

„Ich stelle eine neue Wertschätzung fest“, sagt Meyer, der schon dachte, nach der ganzen Osterbäckerei ginge das Geschäft zurück. Stattdessen brummt der angeschlossene Hofladen. Als er den Betrieb von seinem Vater übernahm, wurde er noch belächelt. „Ich könnte in der Industrie mehr Geld verdienen und hätte es ruhiger“, meint der 54-Jährige. Aber das habe ihn noch nie gereizt.

Private Mühle: Produktionskosten zehnmal so hoch wie in der Industrie

Auch will er nicht mit den großen Unternehmen mithalten: „Unsere Produktionskosten sind zehnmal so hoch wie in der Industrie, aber die fahren Dumpingpreise. Ich muss mich spezialisieren, das Besondere herausheben.“ So komme neben Mehl auch ein wenig Mystik und Romantik in die kleinen Tüten. „Wir verwerten nur Topware und haben acht verschiedene Getreidearten“, erzählt er. Im Hofladen gehen derzeit 500 bis 600 Ein-Kilogramm-Tüten über den Tresen. Fast dreimal so viel, wie zu normalen Zeiten.

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg habe es einen Aufschwung bei den Mühlen gegeben, bestätigt Hubertus Nitzschke, Geschäftsführer des Mitteldeutschen Müllerbundes. „Dieser Boom hat wieder angefangen, gerade im Moment werden sie gestürmt. Goldene Zeiten der Mühlen waren immer Krisenzeiten, wir sind systemrelevant.“ Um zu überleben, hätten die kleinen Mühlen immer ein zweites Standbein. Der Verkauf in den Hofläden mache insgesamt aber nur zwei Prozent in Deutschland aus.

Eckhard Meyer mahlt Getreide mit einer Windmühle und verkauft es im Hofladen. (Symbolbild)
Eckhard Meyer mahlt Getreide mit einer Windmühle und verkauft es im Hofladen. (Symbolbild) © Andree Wächter

„Ich habe genug Getreide bis zur nächsten Ernte liegen“, sagt Meyer, der in seinem Betrieb auch nach alter Schule ausbildet. Sein Sohn Juro ist im ersten Lehrjahr, danach soll es noch an die Uni gehen, um grundlegende Wirtschaftskenntnisse zu erwerben. Irgendwann wird er den Betrieb übernehmen. „Ich werde zu nichts gezwungen, aber alles ist hier noch sehr handwerklich, das macht Spaß“, erzählt der 21-Jährige.

Wobei es den alten Beruf Müller so nicht mehr gibt. Nach der überarbeiteten Ausbildungsverordnung heißt er seit 2017 „Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft“. Das alte Handwerk lernt man nur noch in einer Ausbildung als freiwilliger Müller.

Industriemüller drücken nur auf Tasten

Nils Rache

Der zwei Jahre jüngere Nils Rache geht ihm zur Hand. „Industriemüller drücken nur auf Tasten, wir sind den ganzen Tag auf den Beinen“, meint er etwas abfällig über die Massenproduktion. Die Schlepperei der schweren Säcke in Bardowick ersetze in jedem Fall die Muckibude. Und die Auszubildenden zählen am Abend bis zu 15.000 Schritte auf einer App.

Als drittes Standbein betreiben die Meyers ein Café auf ihrem Gelände, die Verantwortung liegt in den Händen von Ehefrau Ilka Meyer-Telschow. Dazu haben sie zwei Fachwerkhäuser in der Umgebung abgebaut und zu einem modernen mit großen Glasfenstern verarbeiten lassen. Als es wegen Corona schließen musste, konnten die Konditorinnen in der 1813 erbauten Mühle aushelfen. Besonders bei Radtouristen in der Lüneburger Heide gilt der Stopp als Geheimtipp.

Im Urlaub – wenn die Meyers denn einmal Zeit haben – geht es nicht selten in die Niederlande. Zum Mühlen angucken, weil es dort noch viel mehr von den alten gibt.

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