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Jetzt muss man gender-neutral buchstabieren: Städte statt T wie Theodor

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Von: Ulrike Hagen

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Die Gender-Debatte geht nun auch dem Alphabet an den Kragen – schon bald soll nur noch gender-neutral buchstabiert werden: nach Städtenamen statt Vornamen.

Berlin – Die Buchstabier-Tafel soll uns eigentlich das Buchstabieren von Fremdwörtern, Fachausdrücken oder komplizierten Eigennamen leichter machen. Nun müssen wir uns allerdings bald ziemlich umgewöhnen: Die „Buchstabiertafel“ wird gendergerecht überarbeitet. Und schon bald heißt es nicht mehr „A wie Anton“, „O wie Otto“ oder „T wie Theodor“ – sondern wie „Augsburg“, „Oldenburg“ und „Tübingen“. So lautet die Empfehlungen des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Dabei hat Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) doch gerade erst Schluss mit Gender-Sonderzeichen an Schulen im Norden gemacht.

Eingetragener Verein:Deutsches Institut für Normung (DIN)
Gründung:22. Dezember 1917 (als „Normenausschuß der deutschen Industrie“)
Sitz:Burggrafenstraße 6, Berlin-Tiergarten
Mitarbeiter:380

Gender-Kritik am Buchstabieralphabez: Bisher 16 männliche, aber nur 6 weibliche Vornamen

Doch warum ausgerechnet Städtenamen? Da es mit Eigennamen nicht möglich sei, „alle relevanten ethnischen und religiösen Gruppen geschlechtergerecht ausgewogen“ darzustellen, entschloss man sich, für die seit 1890 gebräuchliche, aber bereits mehrfach überarbeitete „Buchstabiertafel“ ab 2022 eben nur noch Städtenamen zu verwenden. Hintergrund: Im bisherigen Buchstabier-Alphabet gibt es 16 männliche, aber nur 6 weibliche Vornamen. „Das entspricht nicht der heutigen Lebensrealität“, so die Begründung des Instituts für Normung (DIN). Auch in Hamburg wird seit Juni bereits offiziell gegendert.

Gender-Debatte um die “Buchstabiertafel“ wurde durch Antisemitismus-Kritik angestoßen

An den neuen, gegenderten Regeln arbeitet das Institut bereits seit vergangenem Herbst. Ausgelöst wurde die Debatte ursprünglich durch Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragten Michael Blume. Er kritisierte, dass in der bisher verwendeten Diktierhilfe immer noch immer Relikte aus der NS-Zeit steckten. Die Nationalsozialisten hatten 1934 alle jüdischen Namen entfernt: Aus David wurde Dora, aus Nathan Nordpol, aus Samuel Siegfried. Auf diese Kritik hin bestätigte das Deutsche Institut für Normung, die Buchstabiertafel zu überarbeiten und diverser zu machen – und schon 2020 und damit früher als ursprünglich geplant, zu beginnen.

Drei Holzwürfel mit Buchstaben des A, B und C des Alphabets auf einem Holztisch
Das Gender-Alphabet: Augsburg, Berlin, Cottbus statt Anton, Berta, Cäsar. © Kasper Nymann/Imago

Geschlechterneutral buchstabieren: Dafür kommt die Lösung mit Städtenamen

Schon Ende November 2020 beschloss der zuständige Arbeitsausschuss, eine neue Buchstabiertafel zu erarbeiten, die auf Städtenamen basiert. In dem Entwurf wurde versucht, westdeutsche und ostdeutsche Bundesländer ausgeglichen vorkommen zu lassen. So sind ein Drittel der 26 Städte im Osten, sieben Städte in Nordrhein-Westfalen, dahinter folgt Bayern. Ab Mitte 2022 sollen dann Städtenamen der kulturellen und geschlechtsdiversen Vielfalt Deutschlands gerecht werden – und „Augsburg“, „Berlin“ und „Cottbus“ ersetzen „Anton“, Berta“ und „Cäsar“.

Entwurf für die Norm DIN 5009 „Ansagen und Diktieren von Texten und Schriftzeichen“ des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN).
So soll künftig buchstabiert werden: Entwurf für die Norm DIN 5009 „Ansagen und Diktieren von Texten und Schriftzeichen“. © Deutsches Institut für Normung (DIN)

Eine Umstellung bedeutet das auf jeden Fall, denn das „alte“ Buchstabieren ist uns von klein auf vertraut. Aber zumindest bleibt es uns bei der Städte-Lösung erspart, dass umstrittene Vornamen wie Amazon oder Corona Einfluss auf das neue Alphabet haben. Aber schmecken wird es dennoch nicht allen. Das haben die Gender-Debatten der letzten Monate gezeigt. Nicht zuletzt motzte sogar Literaturkritikerin Elke Heidenreich kürzlich gegen die Gender-Sprache, und der Hamburger CDU-Chef Ploß will Gendern sogar per Gesetz verbieten lassen.

To gender or not to gender? Das Institut ruft zur Mitwirkung auf!

Aber bislang sind die neuen Diktierregeln nicht in Stein gemeißelt. Und tatsächlich hat jeder die Möglichkeit, Einfluss auf die Umsetzung zu nehmen. Denn noch bis Ende September 2021 können die Norm-Entwurfsfassung DIN 5009 sowie die neuen Buchstabiertafeln auf dem DIN-Entwurfsportal von jedem kommentiert werden. Alle dort eingegangenen Vorschläge und Beiträge werden berücksichtigt und nehmen Einfluss auf die neue Fassung der Buchstabentafel, die geplant Mitte 2022 herausgegeben werden soll – und erst dann wirksam wird. * 24hamburg.de, nordbuzz.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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