Erst Pflegeheim, dann Klinik

Coronavirus in Wolfsburg: Außergewöhnliche Lage führt zu drastischen Maßnahmen

Matthias Menzel, ärztlicher Direktor im Klinikum Wolfsburg, spricht am 31. März 2020 mit einem Mundschutz bei einer Pressekonferenz im Rathaus.
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Pressekonferenz zur Situation in Wolfsburg

Das Coronavirus trifft Wolfsburg besonders hart: Erst sind in einem Pflegeheim 17 Menschen gestorben, jetzt zwingt das Virus das Klinikum Wolfsburg zu einer bundesweit einmaligen Maßnahme.

  • Im Wolfsburger Hanns-Lilje-Pflegeheim sind bereits 17 Menschen verstorben und 74 mit dem Coronavirus infiziert.
  • Dutzende Mitarbeiter des Klinikum Wolfsburg sind positiv auf das Coronavirus getestet worden.
  • Diese Notstand-Regeln gelten ab sofort in Niedersachsen und Wolfsburg.

Wolfsburg – Erst sind 17 Menschen in einem Pflegeheim gestorben, dann ist mehr als ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Klinikum Wolfsburg positiv auf das Coronavirus getestet worden. In Wolfsburg überschlagen sich die Ereignisse. Im Klinikum werden vorerst keine Patienten mehr aufgenommen, wie die Stadt mitteilte. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist ein solcher Aufnahmestopp in der Corona-Krise deutschlandweit bisher einmalig.

Coronavirus in Wolfsburg: 17 Tote in Pflegeheim - Anzeige wegen Verdacht auf fahrlässiger Tötung

Dicke Schneeflocken wehen am Montag um das Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim direkt am Waldrand. Gleich mehrfach musste hier in den vergangenen Tagen der Leichenwagen vorfahren, um an Covid-19 gestorbene Bewohner abzuholen. Zwei davon in den vergangenen 24 Stunden. Niemand weiß, was in dem Heim mit 165 Plätzen noch kommt.

Nach Angaben des Heimbetreibers vom Montag sind 74 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. „Ein größerer Teil der Menschen, die dort verstorben sind, sind ohne vorher erkennbare Symptome verstorben“, erzählt Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD). Der immer noch unklare Verlauf der Krankheit erschwere die Entscheidung darüber, welche Maßnahme die Richtige sei.

Aber wurde genug getan, um das Coronavirus in dem Heim einzudämmen? Die Diakonie Wolfsburg als Betreiber sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Ein Rechtsanwalt hat Anzeige wegen Verdacht auf fahrlässige Tötung eingereicht und wirft dem Heim „katastrophale hygienische Zustände“ vor, wie die Wolfsburger Allgemeine Zeitung berichtete.

Die Diakonie weist die Vorwürfe von sich. Auch die Behörden konnten bei einer Begehung am Sonntag keine Mängel erkennen, wie Krisenstabsleiter Lothar Laubert sagt. „Der Betreiber hat alles Mögliche veranlasst, um die Sicherheit der Bewohner zu gewährleisten.“ Aktuell seien positiv und negativ getestete Bewohnerinnen und Bewohner strikt voneinander getrennt, der Zutritt für Besucher verboten.

Coronavirus zwingt Niedersachsen zu drastischem Schritt: Aufnahmestopp in Altenheimen und Krankenhaus

Die vielen Toten in Wolfsburg zwingen das Land Niedersachsen zu einer Reaktion: Pflegeheime dürfen keine Bewohner mehr aufnehmen. Ausnahmen gebe es nur, wenn eine 14-tägige Quarantäne für neue Bewohner gewährleistet sei, sagte Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) am Montag. Sie appellierte an Angehörige, auf Besuche älterer Menschen zu verzichten. „Bitte besuchen Sie Ihre Lieben nicht. Damit schützen Sie nicht nur Ihre eigene Mutter oder Ihren eigenen Vater, sondern alle.“

Nur wenige hundert Meter vom Hanns-Lilje-Heim entfernt, gleich hinter dem Wäldchen, steht Wolfsburgs zweites Sorgenkind: das Klinikum Wolfsburg. Auch hier hat sich die Situation dramatisch zugespitzt, nachdem am Samstag eine Mitarbeiterin von einem Kontakt mit einem möglicherweise Infizierten berichtet hatte. Bis zum Sonntagnachmittag wurden 14 Beschäftige positiv auf das Coronavirus getestet. Das Krankenhaus hat einen Aufnahmestopp von für neue Patienten verhängt, solange die Lage nicht aufgeklärt sei. Neue Patienten werden so lange auf umliegende Krankenhäuser verwiesen, nur der Kreißsaal und die Notaufnahme der Kinderklinik blieben für Neue geöffnet.

Am Abend und in der Nacht wurden bei allen 250 Patienten und 150 Mitarbeitern Abstriche gemacht – die Testergebnisse werden bis zum späten Montagabend erwartet. Danach solle entschieden werden, ob wieder Patienten aufgenommen werden.

Für das Krankenhaus bedeutet das: Arbeiten im Ausnahmezustand. Getestete Beschäftigte bleiben nicht - wie sonst bisher üblich - zu Hause, bis das Testergebnis kommt, sondern arbeiten mit Mundschutz weiter, sagt Klinikchef Matthias Menzel. Mittelfristig sei es vorstellbar, dass mit dem Coronavirus infizierte Ärztinnen und Ärzte zum Dienst kommen, solange sie keine Symptome haben, und mit infizierten Patienten arbeiten: „Das sind die Dinge, die wir in Kürze erleben werden.“

dpa

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