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Bremen und Hannover planen Städte der Zukunft

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Von: Andree Wächter

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Erst der Onlinehandel und dann Corona: Viele Innenstädte bluten quasi aus. Bremen und Hannover haben Ideen. Ein Punkt ist die Mobilität.

Bremen/Hannover - Wie kann man eine Innenstadt attraktiv gestalten? Eine Frage die sich viele Stadtplaner stellen. Ein Baustein der Antwort ist oft eine Neustrukturierung des Autoverkehrs. In Bremen hatte sich die rot-grün-rote Koalition schon 2019 das Ziel einer autofreien Innenstadt bis 2030 auf die Fahne geschrieben. Zu alle dem probierten sie einige Modelle aus. Dazu gehörten Veranstaltungen auf der Martinistraße und ein Stahlgerüst auf dem Domshof. Alles unter der Überschrift: „Aktionsprogramm Innenstadt“. Die Bremer CDU forderte einen Autoring und sogar eine Seilbahn.

Bürgermeister BremenAndreas Bovenschulte
Bevölkerung569.352 (2019)
Vorwahl0421
Fläche326,7 km²

Hannover will sich sogar komplett neu erfinden, die Innenstadt wird sich verändern - müssen. Das bedeutet: keine mehrspurigen Straßen und möglichst keine Ampeln in der City, kein Parken am Straßenrand, dafür mehr Platz für Fahrräder und mehr Bäume. Pikant: Die im Zweiten Weltkrieg zerbombte niedersächsische Landeshauptstadt Hannover galt nach dem Wiederaufbau als Beispiel autogerechter Stadtplanung.

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay sagt: „Wir müssen nach der Corona-Pandemie einen Gang hochschalten.“ Dabei gehe es nicht darum, das bundesweit maue Image der Stadt zu verbessern - „hier entsteht ein Zukunftsbild von Städten“, betont der Grünen-Politiker. Entscheidend dabei sei nicht nur, die im Wahlkampf versprochene Mobilitätswende zu schaffen und Autos zunehmend aus der Innenstadt zu verdrängen, eine wichtige Dimension sei: „Wie nutzen wir den Raum?“

Hannover will der City mehr Leben einhauchen

Zur Vision der Vergangenheit, eine autogerechte Stadt zu errichten, sagt er: „Damit brechen wir.“ Und doch strebe man nicht an, Autos auszusperren - vielmehr solle „Leben reingebracht werden“. Oder anders formuliert: „Mehr Raum für alle“ - statt mehrspuriger Straßen, wie Hannovers Stadtbaurat Thomas Vielhaber sagt. Er kündigt an, die Verwaltung werde dem Stadtbezirksrat und dem Bauausschuss im Juli ein Gesamtkonzept vorlegen. Die Kosten für das Projekt ließen sich noch nicht beziffern, gestartet werden solle „nicht erst auf Knopfdruck“, sondern in Fortführung schon eingestielter Projekte.

Auch in anderen Städten im Norden versucht man, die City zu beleben und attraktiver zu machen. In Lüneburg wurde der individuelle Autoverkehr aus der historischen Altstadt fast ganz verbannt. Außerdem kamen mehr Stellplätze für Fahrräder.

Auf dem Reißbrett lässt sich die City der Zukunft nicht planen

Belit Onay, Oberbürgermeister Hannover

Die Menschen in Hannover wiederum haben schon gezeigt, wie sie sich die Stadt von morgen vorstellen - beim Innenstadtdialog. In drei Schritten wurden Wünsche und Erwartungen an die Innenstadt abgefragt: mit Experimentierräumen im vergangenen Sommer, als mehrere Straßen und Plätze für den Autoverkehr gesperrt wurden. Stattdessen gab es Kultur, Natur und Sport. „Die Experimentierräume brauchen wir, damit sich die Menschen ein Bild machen können. Auf dem Reißbrett lässt sich die City der Zukunft nicht planen“, so Onay damals. Ähnliches gab es auch in Bremen, in der Martinistraße.

Außerdem wurden rund 3700 Menschen in der Stadt repräsentativ befragt - so habe man „Lieblingsorte oder Orte, wo man nicht so gerne hingeht“, abgefragt, sagt Vielhaber. Und schließlich gab es Quartierswerkstätten, wo mit Anliegern diskutiert wurde. Demnach wünschen sich die Menschen mehr Grünflächen und Einkaufsvielfalt in der Innenstadt - und mehr Sitzgelegenheiten. Daraus sind Planungen und Illustrationen für Plätze und Straßen entstanden.

Passanten sitzen im Sommer 2021 inmitten des städtischen Projektes Experimentierräume am Opernplatz in Hannover.
Passanten sitzen im Sommer 2021 inmitten des städtischen Projektes Experimentierräume am Opernplatz in Hannover. © Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild

Was bedeutet das für Hannover? Überall dort, wo Straßen weichen, entstehen neue Freiräume: „Unsere Innenstadt ist derzeit noch sehr sparsam mit Verweilorten ausgestattet. An den meisten Plätzen wird durchgehastet“, sagt Onay. Also werden Sitzmöglichkeiten installiert und Pflanzen aufgestellt werden - mehr Grün und mehr Wasserflächen sind vorstellbar. Bäume sollen gepflanzt werden, außerdem soll Raum für die Menschen entstehen. Begrünung, die Schatten spende, sei auch zur Anpassung an den Klimawandel entscheidend, betont der Projektverantwortliche Tim Gerstenberger. Daher solle auch Regenwasser zur Bewässerung genutzt werden.

Und die Mobilität? Da geht es darum, die Innenstadt gut zu erreichen - ob mit dem Auto, zu Fuß, per Bahn oder mit dem Fahrrad, aber ohne mehrspurige Straßen innerhalb der City. Autos sind teils noch erlaubt, sollen aber ihren Vorrang verlieren. Wer mit dem Auto in die Stadt kommt, soll in einem der Parkhäuser parken.

Belit Onay, Oberbürgermeister der Stadt Hannover.
Belit Onay, Oberbürgermeister der Stadt Hannover. © Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild

Der öffentliche Raum soll den Menschen vorbehalten bleiben. Parken an der Straße soll daher künftig vor allem auf Autos von Menschen mit Behinderungen, auf Taxen oder Lieferverkehr beschränkt werden. Der Radverkehr in der City soll gestärkt und mit dem entstehenden Veloroutennetz verknüpft werden. Das Auto werde „mehr und mehr aus dem Erscheinungsbild der Innenstadt verschwinden“, kündigt Onay an. Gerstenberger ergänzt, jeder solle sich gut aufgehoben fühlen.

Das ist nicht das einzige Ziel: „Uns ist wichtig, dass die City langfristig ein starkes wirtschaftliches Zentrum in Norddeutschland bleibt, in dem Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomie auch zukünftig florieren“, betont Vielhaber. Dass sich große Kaufhäuser aus Hannover zurück zögen, unterstreiche den Handlungsbedarf, biete aber Chancen an den jeweiligen Standorten. Der Einzelhandel stehe unter Druck, sagt auch der Oberbürgermeister. Es gehe daher um eine Debatte über die Chancen, das Potenzial der Innenstadt. Dafür seien schlüssige Konzepte nötig: „Für die Händler geht es um die Existenz.“

City Hannover: Woher kommt das Geld?

Auch die hannoversche Wirtschaft setzt auf eine Neuaufstellung der Innenstadt - und will mitwirken. „Davon profitiert ganz Niedersachsen“, sagte Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen. „Zentral gelegen in Deutschland, als Knotenpunkt der Deutschen Bahn, Gastgeber für internationale Messen und mit einem noch umfangreichen Einzelhandelsangebot ist die Landeshauptstadt ein Aushängeschild für den Standort Niedersachsen.“ Verkaufsoffene Sonntage und Kultur zögen Menschen an, es gehe aber auch etwa um stärkere Digitalisierung und Vernetzung.

Hannover hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren nach eigenen Angaben um Fördergelder bemüht: So fließen vom Bundesbauministerium über fünf Jahre insgesamt 8,5 Millionen Euro in das Smart-City-Konzept. Vom Land Niedersachsen stammen für das Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ weitere 1,9 Millionen Euro - ein Programm, das in Niedersachsens Kommunen auf reges Interesse stößt. Ende April bewarb sich die Landeshauptstadt beim Land um Mittel des Förderprogramms „Resiliente Innenstädte“ - und verspricht sich davon Fördergelder von mehr als vier Millionen Euro.

Nach Vielhabers Worten erhofft sich die klamme Stadt darüber hinaus auch private Investitionen. Das große Ziel skizziert Onay: „Die Menschen werden wieder sichtbarer im Lebensraum Innenstadt.“

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